Schönebeck l Einen recht dicken Hefter hat Michael Wunschik dabei, als er in der Schönebecker Baderstraße bei Dirk Tempke klingelt. Tempke bekommt vom Vorsitzenden der Ortsgruppe Schönebeck des Naturschutzbundes die Auszeichnung „Schwalbenfreundliches Haus“ verliehen. Eine Ausnahme: Nur drei von bislang 16 in diesem Jahr durch den Naturschutzbund ausgezeichneten Häusern befinden sich im Schönebecker Stadtgebiet, alle anderen in der Schönebecker Umgebung und damit eher in ländlichen Gebieten. Für Michael Wunschik ist es deshalb wichtig zu betonen, dass sich auch Menschen in der Stadt schwalbendfreundlich zeigen können. „Ja, es ist schon so: Es fallen Nistmaterial und Kot an“, räumt der Naturschützer ein. Er weiß aber von Personen zu berichten, die das entweder einfach in Kauf nehmen und sich durch das Beobachtenkönnen der Vögel entschädigt genug fühlen oder aber Abfangbretter unter die Schwalbennester ziehen. „Ich kenne viele Leute, die mir sagen: Diese besondere Nachbarschaft ist es mir wert.“

Verschmutzte Fassade

Am Haus, in dem Dirk Tempke eine Eigentumswohnung hat, waren in den vergangenen Jahren viel mehr als die jetzt noch erhaltenen zwei Schwalbennester zu finden. Den meisten Wohnungseigentümern war der anfallende Dreck aber dann doch zu viel des Guten: In der Tat verschmutzte die Fassade zusehends. Ein Netz wurde unter die Dachschräge des Hauses gezogen und den Gefiederten so zu verstehen gegeben: Hier nicht mehr. Allein Dirk Tempke ließ auf der Hofseite des Hauses eine kleine Fläche unvernetzt. Hier brüten nun zwei Schwalbenpaare. „Mehlschwalbenpaare“, weiß Michael Wunschik und findet diese Ergänzung auf jeden Fall erwähnenswert. Sind die aufgrund ihres auffällig gegabelten Schwanzes leicht zu erkennenden Rauchschwalben zumeist in Stadtrandgebieten und auf dem Land zu finden, siedeln Mehlschwalben zwar in Städten, bevorzugen hier aber hohe Gebäude, sogar Wolkenkratzer - quasi als Felsersatz.

Für den Standort Baderstraße spricht wohl vor allem die Elbe, denn Mehlschwalben mögen und brauchen das Wasser. Zum einen finden sie hier mehr Insekten zur Nahrung ,und zum anderen benötigen sie Wasser, beziehungsweise Schlamm, um ihre Nester zu bauen. Diese zu beschädigen oder abzuschlagen, verbietet übrigens das Naturschutzgesetz.

Duldung in der Stadt möglich

Dirk Tempke bekommt nun von Michael Wunschik neben einer Plakette eine Urkunde sowie Informationsmaterial für sein schwalbenfreundliches Herz. Wunschik: „Ich freue mich, dass wir hier zeigen können, dass eine Duldung dieser Tiere auch in der Stadt möglich ist.“

Durch Vogelfang kommen Generationen von Zugvögeln zu Tode.

47 Auszeichnungen

Der Naturschutzbund zeichnet seit 2012 schwalbenfreundliche Häuser aus, bislang sind es in Sachsen-Anhalt 550, in Schönebeck und Umgebung 47. Der Bestand der Mehlschwalbe ist insgesamt abnehmend. Warum? „Es gibt mehrere Gründe. Der Vogelfang in Südeuropa und Afrika hat sehr große Ausmaße angenommen. Manchmal kommen deshalb ganze Generationen von Zugvögeln zu Tode. Aufgrund von Pestiziden gibt es immer weniger Fluginsekten, von denen sich Schwalben ernähren. Und dann fehlt es mehr und mehr an Brutplätzen, weil moderne Häuser völlig abgedichtet sind“, zählt Michael Wunschik auf.

Bewerben für die Auszeichnung „Schwalbenfreundliches Haus“ können sich Haus- und Wohnungsbesitzerbesitzer, die Schwalben beim Nisten dulden oder unterstützen. Weitere Informationen beim Naturschutzbund unter der Rufnummer (0391)5 61 93 50.