Barby l „Im ersten Moment habe ich überlegt, welcher Wahlkampf denn gerade wieder beginnen könnte“, sagt Klaus Bittrich, Leiter der Barbyer Arbeitsgruppe Elbbrücke, die sich seit Jahren für den Erhalt des technischen Denkmals einsetzt. Auch die anderen Mitglieder waren nicht weniger erstaunt über die Verlautbarung von Landrat Markus Bauer (SPD). Der machte vor wenigen Tagen öffentlich, dass er in Sachen Brückenerhalt eine letzte Chance sehe. Zitat: „Er hofft auf die Reaktivierung der elbquerenden Schienenverbindung Barby - Güterglück im Güter- und Personenverkehr. Es geht speziell um ein Teilstück der ehemaligen ‚Kanonenbahn‘ mit der Elbbrücke Barby.“

Bauer hatte sich mit seinem Anliegen an Landesverkehrsminister Thomas Webel (CDU) gewandt. In einem Brief argumentierte er auch mit den grundlegenden Zielstellungen aus dem Koalitionsvertrag der Bundesregierung. Denn insbesondere die elektrische Mobilität, der öffentliche Nahverkehr, der Schienenverkehr und die dafür erforderliche Infrastruktur sollen danach gestärkt werden.

„Dazu wird ein umfangreiches Förderprogramm für die Elektrifizierung von Schienenverkehrsstrecken angekündigt und eine Förderinitiative für regionale Schienenstrecken in Aussicht gestellt“, erinnerte Markus Bauer, der betonte, dass aus Sicht des Salzlandkreises und der Stadt Barby „großes Interesse an einer elektrifizierten Schienenverbindung von Magdeburg über Schönebeck und Barby nach Dessau-Roßlau“ bestehe.

2004 letzter Zug

Der letzte Zug fuhr über die Trasse 2004 - die Deutsche Bahn verkaufte schließlich die Strecke an die sächsische Sire AG, die mittlerweile die Schienen zwischen Barby und Wiesenburg verschrotten ließ. Weil man in Barby gleiches für die Elbbrücke befürchtete, hatte sich eine Bürgerinitiative gebildet, die die Brücke zum „Politikum“ machte.

Wie erfolgversprechend ist also der Vorstoß von Landrat Bauer? Klaus Bittrichs Arbeitsgruppe Brücke begrüßt ihn ausdrücklich, bleibt aber skeptisch. Was man auch so formulieren könnte: raus aus den Kartoffeln, rein in die Kartoffeln. Denn die Strecke ist bereits entwidmet.

Was das heißt? Auf Volksstimme-Anfrage klärte Landkreis-Wirtschaftsentwickler Tilo Wechselberger auf: „Der Streckenabschnitt ist nach einer Entscheidung des Eisenbahnbundesamtes 2015 von Bahnbetriebszwecken freigestellt worden.“ Das heißt, die bahnrechtliche Widmung müsste bei einer Reaktivierung durch ein Planfeststellungsverfahren wieder hergestellt werden. Wechselberger: „Aktuell ist es so, dass die Deutsche Bahn das Teilstück einschließlich der Elbbrücke Barby verkauft hat, das Verkaufsverfahren aber noch nicht vollständig abgeschlossen ist.“

Initiative begrüßt

Verkehrsingenieur Jürgen Krebs, Mitarbeiter der Deutschen Bahn und langjähriger Stilllegungsgegner, begrüßt die Initiative von Markus Bauer: „Diesen Vorschlag hatte ich bereits vor 16 Jahren der Landesregierung und der Nasa (Nahverkehrsgesellschaft Sachsen-Anhalt, d. Red.) unterbreitet und vor neun Jahren in ähnlicher Form wiederholt.“ Jedoch ohne nennenswerte Reaktion zu erfahren.

Wie er sagt, räche sich der Rückbau heute bitter: Im Hafenhinterlandverkehr von den Nordseehäfen zum Anschluss an die Niederschlesische Magistrale und in Richtung Südosteuropa stehen nur zwei Gleise zur Überquerung der Elbe im Raum Magdeburg zur Verfügung, die auch noch den Berlin-Verkehr aufnehmen müssen.

„2010 hatte übrigens das Umwelt-Bundesamt genau so einen Vorschlag für den Güterverkehr unterbreitet. Die Wiederaufnahme des Personenverkehrs über Barby wäre ein positiver Nebeneffekt“, weiß Jürgen Krebs. Wenn es nach ihm ginge, müsste die ganze Strecke von Barby nach Wiesenburg wieder in Betrieb genommen werden. „Dafür hatte die Bundesregierung 2004 im Zusammenhang mit einer kleinen Anfrage im Bundestag zur Schließung der Strecke für das Jahr 2015 täglich rund 70 Güterzüge prognostiziert“, unterstreicht der Bahninsider.

Kanonenbahnverfechter

Warum wurde unter solchen Bedingungen die Strecke überhaupt stillgelegt? Ausgewiesene Fachleute hatten das nie nachvollziehen können. „Wir Kanonenbahnverfechter waren immer die ewig Gestrigen“, winkt Krebs ab. (Kanonenbahn ist der volkstümliche Begriff für die Magistrale, die im Kaiserreich aus militärischen Gründen gebaut wurde.)

Der Barbyer Verkehrsfachmann bestätigt die Aussage des Landkreises mit einem nachdenklichen Kopfschütteln: Der Streckenabschnitt sei entwidmet und damit keine Bahnanlage mehr. „Ein Wiederaufbau würde ein umfangreiches Planfeststellungsverfahren und alles andere, was dazu gehört, voraussetzen. Also wie bei einem Neubau.“