Atzendorf l Der kleine Mann mit den Hummeln im Hintern muss von seiner Mama festgehalten werden. Sonst hält er nicht still. Aber Juliane Schäfer ist tiefenentspannt. Schnipp, schnapp, kommen die Kopfhaare ab. Zwischendurch scherzt sie mit der Mutter des Jungen, im Hintergrund sitzt ein junger Mann mit ansehnlichem Rauschebart und wartet. Auch er hat einen Termin, der eigentlich überschritten ist. Aber er lächelt, wartet geduldig, bis er dran ist. Dann wechselt die 37-jährige Juliane Schäfer die Seiten, geht also in ihrem Laden von rechts nach links und wird von der Friseurmeisterin zu „BarberLia“. Stefan Witzel nimmt Platz und Schäfer rückt mit diversen Messern und Scheren an, um den Bart zu bearbeiten. Und permanent menschelt es. So wie das eben auf dem Dorf so ist. Hier wird geduzt. Und es ist authentisch.

Seit dem 1. April betreibt Juliane Schäfer in Atzendorf einen Friseursalon für Männer und Frauen. Wie der Name „BarberLia Hairstyle“ es vermuten lässt, ist Schäfer aber auch eine Barberella. Nun ist es ja so, dass der Trend unaufhaltbar ist. Immer mehr Männer strömen in Barbershops. Und immer sind es Männer, die da Messer wetzen. Barbier sein, heißt männlich sein. So der öffentliche Eindruck. Und vor allem in der Großstadt floriert das Geschäft. Dass nun eine Frau auf dem Dorf einen Barbershop eröffnet hat, ist also doppelt bemerkenswert. Größenwahnsinnig ist Juliane Schäfer aber nicht. Sie weiß ganz genau, was sie tut. Und weiß einzuschätzen, wie die Lage ist. „Es ist eine Männerdomäne. In 20 Läden gibt es vielleicht zwei Barberellas“, sagt sie.

In Magdeburg ist Markt satt

Schäfer hat einige Jahre in Magdeburg als Barberella gearbeitet, als normale Angestellte in einem Friseursalon, der auch Bartpflege anbot. Seit zwölf Jahren ist sie Friseur-meisterin und hat ein paar Mal mit dem Gedanken gespielt, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. „Bisher hatte ich mich aber nicht getraut.“ Weil im Elternhaus in Atzendorf aber der Elektroladen im Erdgeschoss geschlossen werden musste, wusste Juliane Schäfer: Hier soll es sein, genau hier. Und nirgendwo anders. „In Magdeburg ist der Markt satt. Dort würde ich nie einen Laden aufmachen“, sagt Schäfer.

Atzendorf liegt ihr dabei am Herzen. Hier hat sie ihr Leben lang gewohnt, hier ist ihre Heimat. „Ich bin hier aufgewachsen, habe meine Kindheit hier verbracht und bin sehr verwurzelt.“ Auch daher: Nur hier konnte der eigene Laden entstehen. Aus Kundengesprächen weiß sie, dass es auch in Staßfurt, Borne oder Egeln modebewusste Bartträger gibt, die bisher nach Magdeburg fuhren. Und eben quasi fast keine Konkurrenz. Also baute sie mit Eigenmitteln und handwerklicher und finanzieller Unterstützung des Papas den Laden um und aus. Aus dem Elektroladen wurde so in zwei bis drei Jahren ein hochmoderner und schicker Friseurladen, der auch ein Barbershop ist. „Ich denke, dass ich damit eine Marktlücke geschlossen habe. Es gab vorher keinen Barbier in der Region“, sagt Schäfer.

Aber gehen Männer zu einer Frau, um sich den Bart machen zu lassen? „Klar“, sagt Schäfer. „Frauen beraten anders, sind ehrlicher.“ Weil sie den männlichen Kunden aus einer anderen Perspektive sehen. Umgekehrt gelte das auch. „Frauen gehen beim Friseur auch gerne zum Mann“, sagt Schäfer. Es muss nur Vertrauen her. „Als Frau stichst du heraus.“ Das ist ein Verkaufsargument.

Fußballer große Vorbilder

Erst einmal schmeißt sie den Laden alleine, steht von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr mit zweistündiger Pause in Atzendorf. „Es spricht sich herum“, freut sich Schäfer. Fünf bis sechs Bartkunden hat sie bereits in einer Woche, sie hat auf Instagram, Facebook und durch schnöde Mundpropaganda die Werbetrommel gerührt. Ihre Flyer liegen auch bei anderen Geschäften im Ort aus. „Der Zusammenhalt ist gut“, so Schäfer. Und ihr hilft natürlich der generelle Trend. „Früher sahen Männer aus wie ihre Väter. Nun lassen sie sich mehr beraten, haben alle einen eigenen Stil, ziehen sich auch eleganter an“, weiß Juliane Schäfer. Fußballer sind bei Frisuren immer Trendsetter. Philip Türpitz – in Diensten des 1. FC Magdeburg – sei zum Beispiel ein beliebtes Vorbild. Aber auch Toni Kroos zieht. Früher war es David Beckham. Und die Bärte müssen dazu passen. Seit etwa „fünf bis zehn Jahren“, so schätzt es Schäfer ein, achten Männer dabei mehr auf den eigenen Bart. „Es findet ein Umdenken statt. Bärte machen maskulin, es gibt richtige Meisterschaften.“ Vollere Bärte sind in, aber auch gezwirbelte Bärte kommen in Mode.

Deutsche Männer wollen dabei, dass „die Konturen nicht so exakt sind“, so Schäfer. Es darf eben etwas wild aussehen, aber es muss gepflegt sein. So wie bei Stefan Witzel (36) aus Förderstedt, der sich an diesem Nachmittag bearbeiten lässt. Die Stoppeln oberhalb der Wange werden mit dem Messer wegrasiert, mit der Schere wird am vollen Bart geschnippelt. Fast eine Stunde dauert die Bart-OP. „Ich bin vorher nach Schönebeck gefahren und bin hier jetzt zufrieden“, sagt Witzel. Das zweite Mal ist er bei „BarberLia“. Ein- bis zweimal im Monat sucht er die Expertin auf. „Männer sollen sich wohlfühlen bei mir. Wenn sie wollen, kriegen sie auch ein Bier“, sagt Schäfer und lacht dabei. „Das sind Männer wert.“ War natürlich ein Scherz. Aber für die Zufriedenheit der Kunden würde sie einiges tun.

Etwa 1000 Euro hat sie in den Umbau des Ladens gesteckt. Auf der rechten Seite befinden sich zwei Friseurstühle für Frauen. Gehalten in hellen Farben. „Maritimen Touch“, nennt das Juliane Schäfer. Die linke Seite ist in grün gestrichen. Davor steht ein Friseurstuhl, alte Möbel sind daneben drapiert. Die sind vom Opa der Inhaberin. Logisch: Hier sollen sich Männer wohlfühlen. Tun sie das, kommen sie immer wieder. „Männer sind treuer als Frauen, geben auch mehr Trinkgeld“, erklärt Schäfer. Weil das so ist, spielt „BarberLia“ auch mit dem Gedanken, irgendwann selbst auszubilden und ihr Wissen weiterzugeben. Aber gemach: Erst einmal muss der neue Laden Fahrt aufnehmen. Die Weichen für die Zukunft sind jedenfalls gestellt.