Barby l Die Elbestadt war die erste, die Reichskanzler Otto von Bismarck das Ehrenbürgerrecht verlieh. Vor vier Jahren organisierte der kürzlich viel zu früh verstorbene Cord Proske das Anbringen einer Gedenktafel am Haus der Begegnung in der Goethestraße. Das ehemalige Amtsgericht wird heute als Verwaltungsgebäude der Stadtverwaltung genutzt. Dem ging die Zustimmung des Ortschaftsrates voraus. (Proske hatte auch in Calbe die vielen Stahlschnitte des Künstlers Otto Plönnies mit auf den Weg gebracht, die heute ein Alleinstellungsmerkmal der Saalestadt sind.)

Mehrfach in Barby

Otto von Bismarck hatte kaum seine ersten politischen Erfolge errungen – denen wenige Jahre später die Gründung des Deutschen Reiches folgte – als Magistrat und Stadtverordnete der Stadt Barby Ende des Jahres 1867 beschlossen, ihn als Ehrenbürger zu benennen. Bis Ende des Zweiten Weltkriegs befand sich im Schönhausener Bismarck-Museum der Barbyer Ehrenbürgerbrief. Die Anregung, Bismarck als Ehrenbürger zu ernennen, geht wahrscheinlich auf Ratsmitglied und Rittergutsbesitzer Adolf von Dietze zurück, der mit Bismarck eng befreundet war.

Der Kanzler war mehrfach Jagdgast bei Dietze, der 1888 von Kaiser Friedrich III. in den Adelsstand erhoben wurde.

Adolf Dietze wurde 1848 bereits als 23-Jähriger selbst Ehrenbürger der Stadt, was vom Lebensalter her damals ungewöhnlich früh war.

Wie die Chronik beschreibt, wurde dem Reichskanzler ein gebührender Empfang bereitet, wenn er mit der offenen Kutsche durch das Elbestädtchen rollte, das Ende des 19. Jahrhunderts rund 5500 Einwohner zählte. Jungfrauen in weißen Kleidern jubelten ihm in der ersten Reihe zu, die Straßen waren festlich geschmückt.

Auch der „Heimatkalender des Kreises Calbe“ von 1938 weiß über den Reichskanzler eine Episode zu berichten:

Als Gesandter Preußens beim Bundesrat in Frankfurt am Main wohnte Bismarck eine Zeitlang in einem auch von Vertretern anderer Staaten besuchten Hotel. Zu seinem Verdruss musste er bald feststellen, dass die Zimmer der anderen Herren mit Glocken versehen waren – sein Zimmer aber nicht. Bismarck bat den Besitzer auch sein Zimmer mit einer Glocke versehen zu lassen. Der lehnte jedoch mit der Bemerkung ab, dass bis jetzt jeder Reisende mit den Bedingungen zufrieden war und noch keiner eine Glocke vermisst habe.

Während der Sitzungen hatte bisher allein der Vertreter Österreichs geraucht; dieser Brauch war von den anderen Gesandten stillschweigend als Vorrecht des damals noch bedeutendsten Bundesstaates betrachtet worden. Bismarck steckte sich bei einer weiteren Sitzung ebenfalls eine Zigarre an, um auf diese Weise die Gleichberechtigung Preußens zu betonen. Er wäre sicher nicht auf den Gedanken gekommen, in den Sitzungen zu rauchen, wenn er sich nicht herausgefordert gefühlt hätte.

Wahrscheinlich hätte der Reichskanzler die Glockenangelegenheit auf sich beruhen lassen, wenn er nicht begründeten Verdacht gehabt hätte, dass hinter der Weigerung des Hotelbesitzers wie bei vielen anderen Nadelstichen Umtriebe der Gegner zu suchen seien; er sann auf durchgreifende Abhilfe.

„Explosion“

Am Morgen nach der Unterhaltung mit dem Hotelier dröhnte eine Detonation durch das Haus. Entsetzt liefen der Besitzer, das Personal und die Gäste zusammen, und aufgeregt rannte man durch die Flure, um die Ursache für die Explosion festzustellen. In der ersten Verwirrung vermutete man ein Attentat.

Da verschiedene Personen wahrgenommen hatten, dass das schussartige Geräusch aus Bismarcks Zimmer gedrungen war, klopfte man bei ihm an. Seelenruhig lächelnd stand Bismarck in Erwartung der Besucher mitten im Zimmer. Auf dem Tisch lag der noch rauchende Revolver.

„Ich bedaure, dass ich Sie erschrecken musste, aber Sie wissen ja, dass ich keine andere Möglichkeit zum Rufen der Bedienung habe“, sagte er.

Die Gesandten staunten betreten und sehr verblüfft, der Hotelbesitzer wand sich vor Verlegenheit.

Zwei Stunden später war auch Otto von Bismarcks Zimmer mit einer Glocke versehen.