Schönebeck l Wenn Arno Grasse mit seinem Elektrorollstuhl durch die Straßen von Schönebeck rollt, fallen ihm wieder die alten Geschichten von früher ein. „In dem Haus hat damals ein Schulfreund von mir gewohnt. Mit dem konnte ich immer Filme schauen, weil seinen Eltern das alte Astoria-Kino gehörte“, erzählt der 77-jährige Rentner. 1960 hatte er Schönebeck verlassen und ist nach Dortmund gegangen. Doch nun hat es ihn für einen vierwöchigen Urlaub zum ersten Mal wieder zurück in die alte Heimat verschlagen.

Auf der einen Seite freut er sich, zurück an der Elbe zu sein und viele Ecken wiederzuerkennen. „Allerdings ist es ganz schön schwierig, mit dem Rollstuhl durch Schönebeck zu fahren“, findet er. Dortmund sei in Sachen Barrierefreiheit schon sehr viel weiter.

Toiletten sind Ärgernis

Arno Grasse leidet an ALS, einer unheilbaren Nervenkrankheit, die zu Muskelschwund führt und irgendwann zum Tod. Und so ist er auf einen Elektrorollstuhl angewiesen, um Schönebeck zu entdecken. Doch immer wieder eckt er an. „Sogar auf Fußwegen gibt es teilweise historisches Pflaster. Wie sollen denn Rollstuhlfahrer und Rentner mit Rollatoren darüber fahren?“ fragt er ungehalten. Und so bleibt ihm teilweise nichts anderes übrig, als auf den Straßen zu fahren.

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Besonders verärgert hat ihn allerdings die Toilette für Menschen mit Behinderungen im Kurpark. „Die Tür ist viel zu schwer und lässt sich kaum öffnen, wenn man im Rollstuhl sitzt“, sagt er wütend. Außerdem sei der Raum völlig verdreckt gewesen. „Überall waren Spinnweben und den Boden kann man gar nicht beschreiben“, schimpft Arno Grasse. Sogar bei einer Mitarbeiterin der Kurverwaltung hat er sich über die Toilette beschwert. „Die konnte aber auch nichts machen, als die Sache zu melden“, sagt Arno Grasse.

Reinigung täglich

Weiterer Stein des Anstoßes ist das Brandenburger Tor am Kurpark: „Als Rollstuhlfahrer muss man dort Slalom fahren und kommt kaum um das Gitter herum. Und dann ist der Boden so uneben, dass man Angst haben muss, umzukippen.“

Beim Solepark möchte man die Beschwerden nicht unkommentiert lassen. „Die öffentliche Toilette wird täglich am frühen Morgen gereinigt“, teilt Sibylle Schulz, Betriebsleiterin des Solepark, auf Nachfrage der Volksstimme mit. Und das sieben Tage in der Woche. Eigene Mitarbeiter für zusätzliche Kontrollen gebe es nicht. „Wir appellieren an die Benutzer, die Toilette so sauber zu verlassen, wie sie sie gern vorfinden möchten.“ Abgesehen von Arno Grasse hätte sich bisher auch noch niemand über die sanitären Anlagen beschwert.

Barrieren sind genormt

Die Fahrradbarrieren im Park seien genormt und wurden in Absprache mit dem Behindertenverband errichtet, heißt es beim Solepark. Und der Bodenbelag werde regelmäßig kontrolliert. „Wir werden den Zustand des Bodenbelages prüfen und bei Feststellung eines Mangels gegebenenfalls Abhilfe schaffen“, so Sibylle Schulz.

Nicht zuletzt gebe es aber andere barrierefreie Zufahrten zum Park unter anderem vom Parkplatz Heinrich-Heine-Straße, am Hauptdurchgang Gradierwerk oder am Parkplatz. Immerhin: Bei einem erneuten Besuch der Schönebecker Volksstimme mit Arno Grasse in der Toilette war diese tatsächlich frisch gereinigt.

Beim Allgemeinen Behindertenverband Sachsen-Anhalt (Abisa) gab es bisher keine Klagen über die Toilette. „Uns sind kein Probleme bekannt“, sagt Frank Schiwek, Abisa-Geschäftsführer. Die Tür für die Toilette sei genormt und müsste damit gut zu öffnen sei.

Lob für Solequell

„Und die Fahrradsperren wurden in Absprache mit uns entsprechend der Norm aufgestellt“, sagt Frank Schiwek, der insgesamt mit dem Fortschritt der Barrierefreiheit in Schönebeck zufrieden ist. „Uns ist klar, dass nicht alle Verbesserungen sofort finanziert werden können“, sagt er. „Uns ist vor allem wichtig, dass wir bei neuen Vorhaben angehört werden und dass dabei an Menschen mit Behinderungen gedacht wird. Und da klappt die Zusammenarbeit mit der Schadt Schönebeck sehr gut.“

Rentner Arno Grasse hat während seines Urlaubs in seiner alten Heimat aber auch positive Erfahrungen gemacht, etwa im Solequell. „Dort ist alles super für Rollstuhlfahrer hergerichtet. Ich wurde direkt ins Wasser gefahren“, lobt er die Mitarbeiter. Auch im Reha-Zentrum gebe es barrierearme Toiletten. Im Kurpark-Hotel komme er wunderbar mit seinem Rollstuhl klar.

Erinnerungen an Schönebeck

Der Besuch in Schönebeck weckt bei Arno Grasse Erinnerungen. „Nach dem Krieg ist meine Familie aus den Ostgebieten gekommen“, erzählt er. Aufgewachsen ist er an der Edelmannstraße/Ecke Schäferhof, das alte Haus steht heute nicht mehr. Nach der Schule hat er eine Lehre zum Friseur gemacht. „Ein Kumpel war bei der NVA und hat gesagt, dass in Berlin bald eine Mauer gebaut wird. So richtig konnte ich das nicht glauben. Aber schließlich hat er mich doch zum Abhauen überredet“, sagt Grasse, der damals 19 Jahre alt war und nach Dortmund ging.

Der ehemalige Schönebecker heiratete dort eine Frau aus Aue und arbeitete als Fernfahrer für einen Discount-Supermarkt. Seine Frau ist inzwischen verstorben.

Viele sind weggezogen

Schönebeck gefällt ihm auch nach den vielen Jahren. „Eigentlich ist es nett hier und irgendwie kenne ich mich immer noch ein bisschen aus“, sagt er. Von den alten Freunden von früher hat er kaum welche gefunden. Viele sind weggezogen oder verstorben. „Die Frauen haben geheiratet und heißen jetzt anders“, sagt er. Nun hofft er, dass sich der eine oder andere alte Bekannte im Hotel am Kurpark an der Magdeburger Straße bei ihm meldet.

Zwei Wochen ist er noch in Schönebeck und erkundet die Stadt mit seinem Elektrorollstuhl. „Ich bin immer draußen, solange es meine Gesundheit noch zulässt“, sagt er und rollt zurück in den Kurpark.