Trakai/Schönebeck l Er spielt schon lange nicht mehr in der ersten Reihe auf der politischen Bühne mit. Dennoch öffnen sich alle Türen, wenn Romualdas Rudzys im Land unterwegs ist. Gern schüttelt man ihm die Hand. Wenn er etwas sagt, hat das immer noch Bedeutung. Sein Name ist auf ewig mit der Freiheit des kleinen Landes verbunden. Romualdas Rudzys wird von den meisten litauischen Menschen wie ein Volksheld verehrt.

Nicht ohne Grund, denn der heute 71-Jährige verteidigte mit anderen Abgeordneten nicht nur die ersten Schritte der litauischen Unabhängigkeit, sondern war damit maßgeblich am politischen Zusammenbruch der Sowjetrepubliken beteiligt. Als vor einigen Wochen eine Delegation des Partnerschaftsvereines Schönebeck die Freundschaftsstadt Trakai besuchte, nahm sich Romualdas Rudzys Zeit für seine deutschen Gäste. Der bekannte Polit-Pensionär ist nämlich Trakaier.

Rundgang durch das Parlament

„Es war eine spannende Zeit damals“, berichtet er der Gruppe aus der Elbestadt und der Volksstimme, als er die Gäste zu einem Rundgang durch das litauische Parlament einlud und zu jenem Platz in dem großen Saal führte, von wo aus Romualdas Rudzys als Mitglied der Unabhängigkeitsbewegung „Sąjūdis“ Geschichte schrieb.

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Im Februar 1990 fanden erstmals freie Wahlen statt, die die „Sąjūdis“ klar für sich entscheiden konnte. Romualdas Rudzys war einer von 141 Abgeordneten im ersten freien Parlament Litauens. „Die Mehrheitsverhältnisse waren deutlich“, erinnert sich Romualdas Rudzys. „Etwa ein Drittel gehörte der Kommunistischen Partei an, zwei Drittel der Bewegung ‚Sąjūdis‘.“

Dann ging es Schlag auf Schlag: Am 11. März 1990 erklärte der neu gewählte Oberste Sowjet Litauen als erste Unionsrepublik der UdSSR für unabhängig. Damit wurde quasi der Anfang vom Ende der Sowjetunion eingeläutet. „Gorbatschow erkannte damals die Sprengkraft der Entscheidung. Er kam zu uns nach Vilnius und forderte wütend die Rücknahme des ‚rechtswidrigen Akts‘.“

Kremel verhängt Blockade

Daraufhin verhängte der Kreml eine Wirtschaftsblockade, die Litauen an den Rand des Zusammenbruchs brachte – auch deshalb, weil Hilfe aus dem Westen ausblieb. „Die Folge war, dass die Preise für Lebensmittel drastisch nach oben gingen – um rund 30 Prozent“, so Romualdas Rudzys. Gorbatschow stellte den Litauern damit ein Ultimatum, das einer Erpressung gleichkam. „Doch die Menschen wollten nicht zurück in die Sowjetunion“, erzählt Rudzys.

Was dann am 13. Januar 1991 folgte, war der „Vilniusser Blutsonntag“, dessen Bilder rund um die ganze Welt gingen. Moskautreue Kräfte versuchten, sich mit Unterstützung sowjetischer Militärs an die Macht zu putschen. Dabei starben insgesamt 14 unbewaffnete Zivilisten, die Parlament und Fernsehturm in Vilnius verteidigten, über 1.000 wurden verletzt. „Rund 10.000 Litauer bildeten um das Parlament, in dem wir gerade tagten, einen menschlichen Ring“, erzählt Romualdas Rudzys stolz.

Der Putsch misslang schließlich. Als Antwort auf die blutigen Ereignisse fand das Referendum wenig später am 9. Februar 1991 statt. Bei einer Wahlbeteiligung von 85 Prozent stimmten 90,5 Prozent der Wähler für ein unabhängiges Litauen. Das isländische Parlament beschloss übrigens als erstes in der Welt, Litauen als unabhängige Republik anzuerkennen.

Zwei intensive Jahre

Diese knapp zwei Jahre waren nicht nur für das Land Litauen die wohl intensivsten, sondern auch für Romualdas Rudzys. Er und andere mutige Menschen stellten damals die Weichen für einen wirtschaftlichen und politischen Neuanfang. Heute ist der kleine baltische Staat Mitglied der Europäischen Union. Brüssel ist den Menschen irgendwie näher als Moskau – zumindest politisch.

„Ich bin mit der Entwicklung meines Landes sehr zufrieden“, sagt Romualdas Rudzys, der Mann aus Schönebecks Partnerstadt.