Welsleben l Kein Schnee – das ist nicht nur in Zeiten vom Klimawandel ein Problem. Auch 1958 wurde es den Welslebern zum Verhängnis: Sie konnten ihre errichtete Skisprungschanze, die Bördeschanze, nicht einweihen. Erst im nächsten Jahr gab es dann genug Schnee, um mit den Skiern durch die Lüfte zu segeln.

1960 kam es dann zu einem besonderen Ereignis: Das erste Nachtspringen am Mühlberg. Vor 60 Jahren zog es nicht nur Hobbyspringer auf die Schanze – auch richtige Promis flogen durch die Nacht. „Es kamen sogar richtige Olympiasportler wie Harry Glaß und Werner Lesser“, berichtet Hans-Jürgen Korn, Ortsbürgermeister von Welsleben. Er ist auch in der Geschichtsarbeitsgruppe des Ortes aktiv.

Harry Glaß und Werner Lesser in Welsleben

Harry Glaß war der erste deutsche Medaillengewinner bei der Olympiade. Er gewann Bronze bei den Olympischen Winterspielen 1956 in Cortina d‘Ampezzo und war mit Werner Lesser und Helmut Recknagel einer der ersten drei DDR-Skispringern, die Welterfolg hatten.

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Der Skisportler Werner Lesser wurde vier Mal DDR-Meister im Spezialsprunglauf. Er nahm, wie auch Harry Glaß, an den Olypischen Winterspielen 1956 in Italien teil. Dabei machte er den achten Platz. Beide Sportler schafften in ihrer Karriere Sprünge, die weit über 50 Meter reichten – nicht so auf der Sprungschanze in Welsleben. „Der Schanzenrekord lag bei etwas mehr als 20 Metern“, schildert Hans-Jürgen Korn. Zu dem Nachtspringen wurden damals über tausend Zuschauer gezählt.

Dem Nachtspringen von 1960 folgten weitere

Das Nachspringen von 1960 war der Startschuss für weitere Nachtabfahrten. „Nach dem ersten Nachtspringen folgte ein zweites“, schildert Korn. Dieses fand direkt einen Monat später statt, im Februar 1960. Gisela Ziegler, von der Geschichtsarbeitsgruppe Welsleben, meint sich außerdem an ein Faschingsnachtspringen zu erinnern – mitsamt Kostümen.

Die Welslebener sind noch immer stolz auf ihre Bördeschanze. Denn tatsächlich: Wenn man an die Gemeinde Bördeland und auch die Umgebung denkt, ist Skispringen nicht die erste Sportart, die in den Sinn kommt. Zumindest, was die Landschaft angeht. Denn: Durch die Schanze wurde Welsleben bei Wintersportfans bekannt.

Am 1. Februar 1964 wurde sogar das erste Mattenspringen auf der Schanze durchgeführt – so war man nicht mehr auf genügend Schneefall angewiesen.

Erinnerungen an die Skisprungschanze

Wolf-Dietrich Hein erinnert sich noch an die Bördeschanze. „Die Schanze sah sehr imposant aus, sie war ein Symbol für Welsleben“, schildert der gebürtige Eickendorfer. Er war selber noch ein Junge, als die Sprungschanze ihre Hoch-Zeit hatte.

„Ich bin früher immer am Drei-Höhen-Berg, zwischen Eickendorf und Kleinmühlingen, Ski gefahren“, erzählt er. „Da haben wir uns auch kleine Hügel aufgeschippt, um Sprünge machen zu können. Aber die waren nicht weit, so sechs bis neun Meter.“ Von diesen Sprungerfahrungen fühlte sich der „Eickendorfer Jung“ ermuntert – er wollte auf die Sprungschanze in Welsleben. „Also wollte ich eines morgens hinfahren, mit dem Bus, weil es mit den Skiern doch ein ganz schönes Stück zu laufen gewesen wäre“, berichtet Hein. „Doch da hörte ich, dass die Schanze einen Tag vorher bei einem Sturm eingestürzt war. Da war ich natürlich ganz schön traurig“, fügt er hinzu.

Die Bördeschanze sei etwas ganz besonderes und seltenes gewesen: „Das war wie eine Eisdiele am Nordpol oder eine Sauna in der Wüste, dass da einfach so eine Skisprungschanze in den Himmel ragte. Man fragte sich schon, wie auf eine Fläche, die so platt wie ein Eierkuchen ist, eine Skischanze kommt“, sagt er und lacht.

Viele Arbeitsstunden und freiwillige Helfer

Um die Sprungschanze zu errichten, leisteten die Dorfbewohner ganz Arbeit: zahlreiche Arbeitsstunden und die Kraft freiwilliger Helfer benötigte es, um den Traum zu verwirklichen. Die treibenden Kräfte hinter dem Bau der Bördeschanze waren Wilhelm Schröder, damaliger Gastwirt des Lindenhofs, und Otto Reinsdorf. Schröder kümmerte sich um die Materialbeschaffung und die Grundstücksfrage, Reinsdorf um die technische Konstruktion der Schanze.

Die Arbeiten begannen im Herbst 1956, Anfang 1958 waren sie beendet. Doch es ging zuerst nur langsam voran – es musste viel Erde bewegt werden und die Helfer brauchten dafür Zeit und Kraft. Durch das Traktorenwerk Schönebeck bekamen sie aber tatkräftige Unterstützung – sie brachten eine Planierraupe mit.So konnten die Arbeiten doch relativ schnell, nach weniger als eineinhalb Jahren, beendet werden. 5000 Kubikmeter Erde wurden bewegt und neben der Schanze wurde eine Abfahrts- und Rodelpiste errichtet. In ihren vierzehn Jahren wurde die Bördeschanze vom SG 48 Welsleben, Sektion Wintersport betrieben.

Sprungschanze erregte nationale Aufmerksamkei

Die Schanze war nicht nur für die Bewohner von Welsleben eine Besonderheit. Sie erregte nationale Aufmerksamkeit. Der Rundfunk und die Presse interessierten sich für die Veranstaltungen auf der Bördeschanze. So kam sie etwa mehrfach in der „Aktuellen Kamera“ in Sportberichten vor.

Auch die Volksstimme berichtet über die Schanze. So wurde etwa am 19. Januar 1959, nach der offiziellen Einweihung, berichtet: „Fragt einen Wintersportler nach dem kleinen Dorf Welsleben. Ihr werdet euch wundern, wie gut er in der Geographie unseres Kreises Bescheid weiß. Denn das ist ja auch kein Wunder, denn man spricht nicht nur im Kreis Schönebeck vom Schidorf Welsleben.“

Sturm 1972 zerstörte die Sprungschanze

Am 12. November 1972 wurde die Bördeschanze bei einem heftigen Unwetter zerstört. Sie hielt dem Sturm der Windstärke 12 nicht stand. Aufgebaut wurde sie danach nicht mehr.

Heute erinnert nur noch ein Miniaturnachbau am Fuß des Mühlbergs an die Bördeschanze. Und natürlich die Geschichten, die über sie erzählt werden.