Calbe l Lenkt sich der Blick gerade auf das nebenstehende Foto mit dem Calbenser Ortschef Sven Hause im gepunkteten Mantel mit dem rosafarbenen Revers und seiner „First Lady“ Juliane Drewes-Hause? Was im ersten Moment komisch anmutet, soll für die Saalestadt eine gelungene Werbeaktion für das Markenzeichen der Stadt - die Bolle - sein und der Bollwurst als Exportschlager sein. Schwer zu glauben in diesem Aufzug? Auflösung: Die „Werbe-Mission“, für die sich das Ehepaar spaßeshalber zur Verfügung gestellt hat, hat allein der Unterhaltung von rund 60 Gästen gedient. Sie alle sind dem Ruf des Heimatvereins zum traditionellen Bollwurstessen gefolgt. Zum 40. Mal wurden die Einladungen herausgeschickt.

Doch nun noch einmal zurück zu den schrill aussehenden „Werbeträgern“, zu denen allerdings wahrlich alle Gäste des Bollwurstessens gehören. Eine Stadt lebt von Traditionen - und diese wiederum von und durch die Menschen. In Form einer auch kulturell unterhaltsamen Abendveranstaltung hat das Event ganz zu Anfang der Vereinsgründer Hanns Schwachenwalde aufgezogen. Ähnlich einem Heranwachsenden wurde es stets und ständig „genährt“ durch neue Ideen. Damit schafft der Verein etwas, was heutzutage nicht leicht ist: Er schafft Traditionen. Die des Bollwurstessens - anderenorts würde es vielleicht als „Zwiebelwurstessen“ deklariert - hat sich in der Rolandstadt inzwischen beinahe einen ebenso großen Namen gemacht wie das Bollenfest mit seinen gewählten Hoheiten.

Herstellung lange ein Geheimnis

Weit weniger transparent als der althergebrachte Veranstaltungsablauf sei früher die Herstellung der Bollwurst gewesen. Wenn es ein Geheimnis unter Schlachtenden im Stadtgebiet zu hüten gab, dann das. Daran denkt der Calbenser Dieter Schmeißel zurück. Verführerisch liegt die in Stücke geschnittene „Bollworscht“, wie sie im Calbenser Dialekt auch heißt, bereits vor ihm auf dem Teller, da hakt das Tischgegenüber in den Erinnerungsreigen ein. „Damals verriet niemand der Schlachter, wie viel Zwiebel er nahm“, meint Klaus Held.

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Früher haben er und seine Frau Margot noch selbst geschlachtet. Und auf Nachfrage der Volksstimme gibt es auch keine Geheimniskrämerei mehr.

Grundsätzlich, sagt er, galt folgendes Verhältnis: „Bei einem Drei-Zentner-Schwein etwa einen Zentner Zwiebel“, so Held. Fünfzig Kilogramm zwiebeliges Lauchgemüse bei dreimal so viel Wurst. Vor diesem Hintergrund kann sich das Heimatvereinsmitglied Reinhard Hädecke mit einer Anregung, die Calbenser Bollwurst zu einem Exportschlager zu machen, nicht zurückhalten: „Unsere Wurst hat einen großen Bio-Anteil. Vielleicht können wir sie als erste Bio-Wurst unter die Leute bringen?“, erntet er für seine spaßig gemeinte, aber höchst ernst ausdrückte Anregung reichlich Gelächter.

"Bollworscht" ist nun Chefsache

Frank Zapke, der die Herstellung der Bollworscht zur Chefsache erklärt hat, verrät indes, wie viel Zwiebel in der gereichten Bollwurst steckt: „Fast 50 Prozent; das andere sind Wurst und Gewürze“, klärt er unter erstaunten Blicken auf. Dementsprechend wohlig würzig schmeckt es auch, lächelt Besucherin Erika Kersten. Ihr Geschmacksrlebnis versüßt Karsten Giersch, der sich zur verdauungsfördernden Massage Kerstens Schultern bereiterklärt.

Durch Blick in die Zeitung ist das Schönebecker Ehepaar Udo und Christel Prietzel auf die Veranstaltung aufmerksam geworden. Eine Premiere, die nicht ohne Folgen bleibt. Im positiven Sinn natürlich. Denn, dass es schmeckt, ist beim Herrn der Schöpfung nicht zu übersehen. Schnell - und unter Mithilfe der anderen - leert sich der Teller. Gemahlin Christel zeigt auf andere Weise, dass die Bollwurst gemundet hat: „Als wir hierher fuhren, war unser Bauch noch flach“, witzelt sie und streicht demonstrativ über die Magengegend.

Schön, gemütlich, gut organisiert sei das Essen, lobt sie weiter und hat sogar die drei Vorteile der Bollwurst kennengelernt, wie sie sagt: Es vertreibt Dank des hohen Zwiebelanteils die Vampire, ist durch die Lauchpflanze auch noch gesund und sorgt dafür, dass sich der Bollwurst essende Gatte beim Küssen nicht verirrt.