Glinde/Pömmelte/Zens l Das war’s. Die Ruine des ehemaligen Gasthauses „Zur Eiche“ in Pömmelte ist im Moment so etwas, was man ein Symbol nennen kann. Es steht dafür, was schwer erziehbare Kinder und Jugendliche anrichten können, wenn die Eltern versagt haben und längst gescheitert sind. Dafür, dass auch ausgebildete Pädagogen an ihre Grenzen kommen können. Die Trümmer der alten Kneipe stehen aber sinnbildlich ebenso für das Verhältnis zwischen dem Kinder- und Jugendsportpark und dem Dorf Glinde: Die letzte Hoffnung auf ein nachbarschaftliches Zusammenleben ist abgebrannt.

Wieder die "Kinder von Glinde"

Heute genau vor einer Woche zünden nach bisherigen Ermittlungen ein 10- und ein 14-Jähriger die leerstehende Gaststätte an, die trotz des eiligen Eingreifens der Feuerwehren nicht mehr zu retten ist. Schnell werden zwei Halbwüchsige ausgemacht, die zum Kinder- und Jugendsportpark Glinde, betrieben vom Verein Nestwärme, gehören. Wieder die „Kinder von Glinde“ werden die Einwohner aus den beiden Dörfern Glinde und Pömmelte später monieren. Dass von der Kneipe aber mindestens eine Tür offen steht und nicht gegen das Betreten Unbefugter gesichert ist und Unrat sowie Sperrmüll im Inneren lagern, spielt keine Rolle mehr.

Vielen Glindern und auch einigen Pömmeltern reicht es. Mit dem Brand vor einer Woche ist das Maß voll. „Wann wird diese Einrichtung endlich als unerwünscht in unserer Einheitsgemeinde geschlossen und des Ortes verwiesen?“, fragt unter anderem der Glinder Steffen Klocke in einem eineinhalbseitigen, öffentlichen Brief an die Volksstimme.

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Sorge und Angst der Dorfbewohner

Er formuliert das, was viele Einwohner der Region fühlen: Sorge und wohl auch Angst. Davor, dass es vielleicht nicht nur eine leere Dorfkneipe am Tage trifft, sondern beim nächsten Mal womöglich ein bewohntes Haus mitten in der Nacht und ein Entkommen vor den Flammen den Bewohnern unmöglich ist ...

Als der Geschäftsführer des Vereines Nestwärme, Remo Kannegießer, und sein Leiter des Kinde- und Jugendsportparkes in Glinde, Marcus Bergmann, erfahren, dass wieder zwei ihrer Kindern für diese Straftat verantwortlich sein sollen, ahnen sie, dass die Tage in Glinde gezählt sein dürften. Schon seit elf Monaten denken sie ernsthaft über diesen Schritt nach, nachdem betrunkene und zugekiffte Jugendliche ein Einfamilienhaus völlig verwüsteten.

Weggang soll nicht als Flucht angesehen werde

Eigentlich soll gerade die dörfliche Idylle dafür sorgen, die Kinder und Jugendlichen wieder auf den rechten Weg zu bringen. Abseits der großen Stadt mit ihren Ablenkungen jeglicher Art. Doch gestern Nachmittag haben die Verantwortlichen des Vereines die Notbremse gezogen: Im Gespräch mit Barbys Bürgermeister Torsten Reinharz, den Ortsbürgermeistern von Glinde und Pömmelte sowie einer weiteren Vertreterin haben sie angekündigt, Glinde zu verlassen. „Schweren Herzens, doch das Vertrauensverhältnis zwischen unserer Einrichtung und dem Dorf macht eine erfolgreiche pädagogische Arbeit nicht mehr möglich“, resümiert Remo Kannegießer.

So schnell wie möglich will der Verein Nestwärme nun Glinde verlassen. Kontrolliert, ohne dass die Kinder, die ebenfalls erst gestern davon erfahren haben, Schaden nehmen werden. „Das ist keine Flucht, sondern eine Entscheidung im Interesse unserer Kinder und Jugendlichen“, so Erzieher Marcus Bergmann.

Suche nach neuem Objekt

Gegenwärtig sucht der Verein Nestwärme in der Region nach einem anderen, geeigneten Objekt. Sobald etwas adäquates gefunden ist, wird der Umzug vorbereitet. Nach Möglichkeit für alle Kinder gemeinsam und auch in den Ferien, um einen möglichen Schulwechsel in der Unterrichtszeit für die Kinder und Jugendlichen nicht noch zusätzlich zu erschweren.

Das Landesjugendamt sowie der Fachdienst Jugend und Familie des Salzlandkreises würden eine generelle Schließung des Heimes oder den Weggang in einen anderen Landkreis bedauern. Dann würden keine Inobhutnahmen mehr vorgenommen. Für den Salzlandkreis bedeute dies eine schwierige Situation. „Freie Kapazitäten bei anderen Trägern sind gegeben, jedoch hier nur für bestimmte Zielgruppen. Das Angebot der zentralen Inobhutnahmestelle bestünde demnach am Standort Glinde nicht mehr. Perspektivisch müsse eine gemeinsam (Bevölkerung, Jugendhilfe, Justiz) getragene Lösung für sogenannte jugendliche ‚Systemsprenger‘ gefunden werden“, schreibt das Landratsamt auf eine Anfrage.

Barbys Bürgermeister Torsten Reinharz (parteilos) bedauert die Entscheidung des Vereins, wenngleich er die Ankündigung des Weggangs nachvollziehen kann. „Jede Sache hat immer zwei Seiten“, so der Bürgermeister. Er kann durchaus nachvollziehen, dass die Glinder und Pömmelter unter den Eskapaden der Kinder und Jugendlichen leiden.

Was unterscheidet die Orte Glinde und Zens?

Gegen den Vorwurf, dass die Stadt nicht schon früher reagiert hat, verwahrt sich der Bürgermeister. „Die Stadt Barby ist als Vermieter der Immo- bilien in billigender Weise mitverantwortlich für das, was hier passiert und was alle Bewohner dulden müssen und daher gefordert, diesem unkontrollierten Treiben ein Ende zu setzen und der Einrichtung den Mietvertrag zu kündigen, da langsam Gefahr für Leib und Leben der Bevölkerung der Einheitsgemeinde besteht“, schreibt Leser Steffen Klocke. Nein, sagen Torsten Reinharz und Remo Kannegießer unisono. „Die Stadt kann nicht für das Handeln anderer verantwortlich gemacht werden“, erklärt der Bürgermeister.

Der sieht mit dem angekündigten Weggang des Vereines aus Glinde in eine andere Kommune des Problem nur verlagert. Dem widerspricht Remo Kannegießer: Er sieht in der besonderen glindischen Lebens-Atmosphäre kein ausgeprägtes Bildungsumfeld – diplomatisch gesagt.

Kannegießer vergleicht als Argumentation die beiden Nestwärme-Heime in Zens und Glinde. Auch in der kleinen Ortschaft in Bördeland leben schwer erziehbare Kinder und Jugendliche, die nicht nur einmal durch ihre Straftaten im Dorf negativ aufgefallen sind. Dort aber, so Kannegießer, habe er Partner auf der anderen Seite, denen kein pädagogischer Ansatz fehle.

„Am Ende trage ich auch eine Mitschuld. Ich dachte, als wir im Mai 2018 nach Glinde gegangen sind, es könne so werden wie ins Zens. Das war ein Fehler. Mein Fehler“, resigniert Remo Kannegießer.