Straßfurt/Magdeburg l Man musste am Landgericht Magdeburg schon sehr genau hinhören. Nur dann konnte man zum Prozessauftakt am Dienstag erfahren, dass der Angeklagte möglicherweise auch für mehrere Fälle von Brandstiftungen in Gebäuden in Staßfurt 2018 verantwortlich gewesen sein könnte. Denn ganz nebenbei erzählte einer der ermittelnden Polizeibeamten im Zeugenstand, dass der 57-jährige Mann bei einer Vernehmung gestanden hatte, auch mehrere Häuser in Staßfurt angezündet zu haben. Dabei soll es sich unter anderen um ein Gebäude am Bahnhof in der Gollnowstraße gehandelt haben. Tatsächlich war am Abend des 26. Mai 2018 der Güterbahnhof in eben dieser Straße abgebrannt. Die Polizei geht in dem Fall von Brandstiftung aus.

Doch dieses Geständnis bei der Polizei hatte zum Prozessauftakt am Landgericht gegen den Mann mit erheblichen Lernschwächen keine Priorität. Hinweis des Gerichtes und der Staatsanwaltschaft auf Nachfrage der Volksstimme: Weitere mögliche Fälle von Brandstiftungen in Staßfurt seien nicht Teil des aktuellen Verfahrens und könnten daher nicht im gleichen Prozess abgehandelt werden.

Angeklagt wegen Wiesenbrand

Und so muss sich der Mann seit diesem Dienstag wegen insgesamt fünf anderen Fällen von Brandstiftung vor dem Landgericht in Magdeburg verantworten. Nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft soll er zwischen März und November 2018 mehrfach Grasflächen, Heuballen und Gartenhäuser angezündet haben. Der Angeklagte hat die Taten gleich zu Beginn des Verfahrens am Landgericht Magdeburg eingeräumt.

Der erste Vorfall soll sich demnach noch in Staßfurt ereignet haben, die anderen vier Fälle in der Nähe einer Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderungen in Neinstedt, in die der Angeklagte nach dem Tod seiner Mutter im Sommer umgezogen war.

Mehr als eine Straftat in Staßfurt?

Wie der Angeklagte vor Gericht bestätigte, hatte er Anfang März eine Rasenfläche in der Nähe der Parkstraße in Staßfurt angezündet. Dabei hatte der Mann mehrere Papierstreifen angezündet und auf die Wiese geworfen, wie er aussagte. Als Motiv gab der Angeklagte Langeweile an. Er habe es spannend gefunden, die Feuerwehr im Einsatz zu beobachten. Vor allem habe ihn interessiert, über welche Route die Einsatzfahrzeuge zum Brand anrücken würden.

Der Mann mit einer erheblichen Lernschwäche hatte bei seinen Aussagen vor Gericht Schwierigkeiten, den Fragen zu folgen und Antworten zu formulieren. Je nach Fragestellung änderte er seine Antworten auch. So sagte der Angeklagte vor Gericht teilweise aus, dass er die Brände „aus Versehen“ gelegt habe. Bereits im nächsten Satz behauptete er jedoch, dass ein Kollege ihn zu den Taten angestiftet habe. Diesen Kollegen hat es aber offenbar gar nicht gegeben. Die Aussagen des Gutachters, der den Angeklagten psychologisch untersucht hatte, steht allerdings noch aus.

Da sich der Angeklagte nach dem Tod seiner Mutter nicht selbstständig versorgen konnte, ist er im Juni in eine betreute Anlage nahe Thale, den Neinstedter Anstalten, umgezogen. Dort häufte sich in den kommenden Monaten die Anzahl von Feuern und Brandstiftungen. Bereits im Juni brannte in der Nähe der Wohnanlage eine Wiese mit zahlreichen Heuballen im Wert von mehreren Tausend Euro ab. Wie der Angeklagte einräumte, hatte er sie mit einem Feuerzeug angezündet.

Bereits im August geriet der Mann zum ersten Mal ins Visier der Polizei. Bei Vernehmungen bestritt er allerdings, in die Vorfälle verstrickt zu sein. Im Oktober zündete er nach eigenen Angaben schließlich einen sechs Meter langen heruntergekommenen Zirkuswagen auf einem Grundstück an, den sich die Besitzerin eigentlich zu einem Wohnwagen ausbauen wollte.

Auch in der Wohnanlage kam es zu Spannungen mit den anderen Bewohnern. So habe er sie verfolgt, belästigt und bedroht, wie die Betreuer Gericht aussagte. Immer wieder soll es auch zu Diebstählen gekommen, die dem Angeklagten im Nachhinein zugeordnet werden konnten. Einer der Betreuer räumte schließlich ein, dass die Mitarbeiter mit dem Angeklagten überfordert gewesen seien.

Im November war der Angeklagte nach eigenen Angaben schließlich in ein Gartenhäuschen in der Nähe eingebrochen. Dort habe er einige Haushaltsgegenstände gestohlen. Eine Nachbarin bemerkte ihn und verständigte die Polizei, die ihn schließlich festnahm.

Der Prozess wird in der kommenden Woche am Landgericht fortgesetzt.