Schönebeck l Er selbst habe zwar nie in Schönebeck gelebt, „aber so einmal im Monat bin ich schon hier“, berichtet Jakob Miseler am Dienstagmittag im Garten eines Einfamilienhauses in Felgeleben. Denn seine Familie – das sind Vater Carsten Miseler, Mutter Ulrike und vier jüngere Geschwister – lebt bereits seit 2013 in Schönebeck.

Zu dieser Zeit hatte der heute 18-jährige Jakob Miseler seine Familie, mit der er zuvor in Thüringen gelebt hat, allerdings schon verlassen. „Genauer gesagt war es zum zweiten Halbjahr der vierten Klasse, als ich 2010 ausgezogen bin“, erinnert sich Jakob Miseler. Sein Ziel im zarten Alter von neun Jahren: Thomaner werden.

Jakob Miseler hat es geschafft

Und genau das hat Jakob Miseler geschafft. Er ist Mitglied des weltberühmten Thomanerchors, einem über 800 Jahre alten Knabenchor aus Leipzig. Diese Mitgliedschaft endet allerdings am Freitag. Denn mit dem Abitur scheidet Jakob Miseler automatisch aus dem Chor aus.

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Doch zuvor stand für den 18-Jährigen am Dienstagabend ein ganz besonderer Auftritt an: der Auftritt in der Schönebecker St.-Jakobi-Kirche im Rahmen der alljährlichen Sommertour des Thomanerchores. „Ich bin stolz, die Größe und Qualität des Chores in Schönebeck präsentieren zu dürfen“, sagte Jakob Miseler vor dem abendlichen Auftritt, während er an einem Gartentisch neben dem Auslauf der Kaninchen Naseweis, Lotte und Merlin sitzt und sich mental schon langsam auf den bevorstehenden Auftritt vorbereitet.

Ruhezeiten gehören für die Thomaner vor Auftritten nämlich dazu. „Wir nutzen diese Zeit, um uns hinzulegen, nochmal runter zufahren“, erzählt Jakob Miseler. Die anderen Thomaner sind zu dieser Zeit gerade auf dem Weg nach Schönebeck. Jakob Miseler ist allerdings schon einen Tag eher angereist, um seine Familie länger zu sehen.

Ein Wunsch

Eigentlich sind die Thomaner-Jungen an ihren Auftrittsorten in Gastfamilien untergebracht. Jakob Miseler allerdings hat sich natürlich bei seiner Familie einquartiert – und gleich sieben seiner Thomaner-Freunde der 12. Klasse mitgebracht. „In der Regel nehmen die Gastfamilien zwei Thomaner auf“, erklärt der 18-Jährige. „Dass bei uns die Zwölftklässler wohnen, war mein Wunsch. Schließlich endet unsere gemeinsame Zeit bald“, sagt Jakob Miseler.

Ganz werden sich die Wege der jungen Männer aber nicht trennen. So plant Jakob Miseler mit einem älteren, ehemaligen Thomaner und einem Thomaner seines Jahrgangs, eine Wohngemeinschaft in Leipzig zu gründen. Das Leben wäre dem im Alumnat, wie die Thomaner ihren Campus nennen, ähnlich.

„Wir wohnen dort in sogenannten Stuben. Jede Stube hat einen Gemeinschaftsraum von dem aus vier einzelne Zimmer, in denen wir mit einem oder zwei anderen Thomanern wohnen, abzweigen“, erzählt der 18-Jährige. Im Zimmer an sich wohnen zwar ähnlich alte Thomaner, die Stuben hingegen bestehen immer aus Jungen aller Klassenstufen, sprich von Viertklässlern bis zu den Abiturienten sind alle Altersstufen vertreten.

Großes Bruder System

Jakob Miseler beschreibt dies als „Großes-Bruder-System“. Die Älteren Thomaner kümmern sich um die Jüngeren, helfen bei den Hausaufgaben und sind Ansprechpartner für sie.

Jakob Miseler nimmt auch bei seinen letzten Auftritten des Chores innerhalb dessen aktuell noch eine besondere Rolle ein. „Ich bin der Domesticus, also im Prinzip Sprecher der Thomaner“, berichtet er. Vor jedem Auftritt liegt es in seiner Verantwortung, dass alle Sänger ordentlich gekleidet sind und saubere Hände haben. „Hin und wieder muss ich die Jüngeren dann nochmal zum Hände waschen schicken“, schmunzelt er.

Zusammen mit Nicht-Thomanern besuchen die Sänger des Chores das musisch geprägte Gymnasium Thomasschule zu Leipzig, das gleich neben ihrer Unterkunft dem sogenannten „Kasten“ liegt.

Gesonderte Gesangsunterricht

Neben dem gesonderten Gesangsunterricht im Alumnat erhalten die Schüler auch dort Musikunterricht. Jakob Miseler singt mittlerweile Bariton. Das war allerdings nicht immer so. Vor dem Stimmbruch sang er noch Alt. Während sich die Jungen im Stimmbruch befinden, dürfen sie nicht singen. „Damit die Stimme nicht leidet. In dieser Zeit ist man dann sozusagen ‚Mädchen für alle‘ und bekommt andere Aufgaben“, berichtet der 18-Jährige.

Dass in dem jungen Jakob Miseler überhaupt der Wunsch gewachsen war, Mitglied des Thomanerchores zu werden, wurde ihm mehr oder weniger in die Wiege gelegt. Vater Carsten ist Kichenmusiker des Pfarrbereichs Schönebeck Stadt, Mutter Ulrike hat ebenfalls Kirchenmusik studiert, arbeitet mittlerweile aber als Erzieherin im Kindergarten, und auch Jakob hat sich schon im Kinderchor mit Gesang beschäftigt, die Geschwister sind ebenso musikalisch. „Der Klavierunterricht hat ihm als Kind mal mehr mal weniger Spaß gemacht“, erinnert sich Carsten Miseler schmunzelnd zurück.

Der allerdings liegt viele Jahre zurück, und am Freitag erhält Jakob Miseler nicht nur das Abizeugnis der Thomasschule, sondern wird im Rahmen einer Motette als Thomaner-Absolvent verabschiedet.

Neun Jahre Arbeit

„Neun Jahre lang arbeitet man auf diesen Moment hin. Dass er aber so kurz bevor steht, habe ich so richtig bewusst erst vor zwei Wochen realisiert“, sagt Jakob Miseler kurz vor seinem Abschied.