Allrode/Calbe l „Ich erkenne das schon von Weitem, wenn es sich um ehemalige Mitarbeiter aus Calbe handelt“, deutet Rolf Kosthorst mit dem Kopf in Richtung der Bungalows. Sie stehen am Waldrand, wo der Specht hämmert, im Tal murmelt leise die Luppbode. Von dort kommt gerade eine generationsübergreifende Gruppe Spaziergänger angeschlendert, deren älteste Mitglieder Mitte 70 sind.

Der gebürtige Hallenser Rolf Kosthorst gehört zu einer Handvoll Leuten, die auf dem Mühlberg bei Allrode (Harz) dauerhaft wohnen. Weil der 72-Jährige über alles Bescheid weiß und stets ein wachsames Auge auf die Ordnung und Sicherheit im Erholungsgebiet wirft, trägt er nicht nur den Status eines „guten Geistes“, sondern auch den Spitznamen „Bürgermeister vom Mühlberg“.

Auch kürzlich hatte Rolf den richtigen Riecher. „Die Calbenser Spaziergänger gucken sich die Bungalows aus einer Mischung von Neugier und Wehmut an“, weiß er. Und in der Tat. Es sind Karl-Heinz und Helene Prokop, die mit der gesamten Verwandtschaft „mal gucken wollen“.

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Von Calbe nach Allrode

„Zu DDR-Zeiten haben wir hier immer sehr gern Urlaub gemacht“, erzählt der ehemalige Dreher des einstigen VEB Förderanlagen Calbe. Und es sei immer „sehr schön“ gewesen, ergänzt seine Ehefrau Helene mit Wärme in der Stimme. Der Betrieb hatte vier Häuschen mit komfortabler Ausstattung. Durch eine riesige Fensterscheibe habe man direkt in den Wald gucken können. „Das stimmt“, ergänzt Sohn Peter Prokop (57), „ich war sogar mal mit dem Moped von Calbe bis hierher gefahren.“ Das sei ein Einsitzer „KR 50“ gewesen, der in Allrode angekommen einen kaputten Zylinderkopf hatte und repariert werden musste. Sein Vater Karl-Heinz erinnert sich noch gut an „den Goldschmied“ in der Nachbarschaft, der eine „Getränkequelle“ war. Damit war ein Nachbar aus Nordhausen gemeint, bei dem es oft geistige Getränke gab.

Der VEB Förderanlagen Calbe (FAC) baute Anfang der 1970er Jahre den ersten Bungalow bei Allrode; drei weitere folgten. Es hätten damals „gute Beziehungen“ zum Allröder Bürgermeister bestanden, erinnert sich Rüdiger Uhlmann, ehemaliger Direktor für Ökonomie im FAC. Im Gegenzug habe man der Gemeinde bei kommunalen Investitionen, wie dem Bau einer Kaufhalle, geholfen.

Aber warum Harz, warum Allrode hinter Friedrichsbrunn?

Abteilungsleiter-Arbeit Karl Gurny hatte den Auftrag bekommen, Ferienplätze für den Betrieb im Harz auszuloten. Dabei stieß er zuerst auf eine umtriebige Allröder Privat-Vermieterin, die die Urlaubszeit Herbst „wegen der Hirschbrunft“ in den höchsten Tönen pries. Schnell stellte es sich heraus, dass im Oktober/November tote Hose war und die Frau nur Mieter anlocken wollte.

Begehrte Bungalows

Also baute „Förderanlagen“ schließlich auf Pachtland der Gemeinde selbst. Dazu wurden eigene Betriebshandwerker in den Harz geschickt, um Fundamente zu mauern und Kabel-/Trinkwassergräben zu schachten. Letztendlich gelang es dem Calbenser VEB, die begehrten Bungalows des Typs „Party“ zu ordern, die auch in den West-Export gingen. Im Genex-Katalog fand man den Typ unter der Bezeichnung „Wochenend-Traum B55“.

„Nur mit dem Trinkwasser und der Stromversorgung gab es anfangs Probleme“, erzählt Rüdiger Uhlmann. Der VEB Energieversorgung (EVM) bot zwar an, Strom zu liefern, hatte aber keine „Kapazitäten“ für Anschlüsse und Kabelverlegung. Also buddelten die Calbenser selbst, installierten Kabelmuffen, die der EVM dann in sein Netz einband. „Auch das Trinkwasser kam anfangs von der Uni“, so Uhlmann. Oberhalb der Bungalows betrieb die Luther-Universität Halle/Wittenberg ein Ferienobjekt. Später baute sich „Förderanlagen“ zusammen mit dem VEB Straßenbau Calbe eine eigene Pumpstation im Luppbodetal, die Brunnenwasser förderte. Heute kommt das Trinkwasser aus dem zentralen Netz.

Dieter Weber, Chef des VEB Industrie- und Straßenbau, erinnert sich an schneereiche Winter, die ein Herankommen an die Häuser nahezu unmöglich machten. Es habe mit der „Uni“ eine Absprache gegeben, die Zufahrten zu räumen. Sein Betrieb war auf ähnliche Weise wie FAC zu dem Grundstück gekommen. „Wir haben beim Straßenbau und der Errichtung der Kaufhalle geholfen“, so Weber.

Zu den ersten Siedlern zählte auf dem Mühlberg allerdings die „Volksbildung Schönebeck“. In den 1960er Jahren wurden spartanische Holzhäuschen ohne Wasseranschluss und WC aufgebaut. Dort verbrachten in erster Linie Lehrer und deren Angehörige ihre Ferien. Man wohnte nicht selten zu sechst in Häuschen, deren Grundfläche nicht viel größer war als ein mittleres Campingzelt. Fragt man ehemalige Urlauber, kriegen sie noch heute einen verklärten Blick. Schön sei es gewesen!

40.000 Deutsche Mark

Die vier Förderanlagen-Bungalows wurden 1995, der des Straßenbau Calbe nach dessen Konkurs um 2003 verkauft. In drei Fällen waren es ehemalige Mitarbeiter, die sie erwarben. Wie Rüdiger Uhlmann erzählt, wurden die Objekte damals im Schaukasten des Betriebes angeboten. Es hätten sich rund 30 Interessenten gemeldet, die aber schließlich der Preis von 40.000 Mark abgeschreckt habe.