Im Barbyer "Rautenkranz" spielten "Electra" und "Monokel"/ "Fluffy Ox" aus Magdeburg rockte am frühen Morgen

Die alten Ostrocker sorgen noch immer für ein gut gefülltes Rock \'n\' Roll-Parkett

Von Thomas Linßner

Bis in die frühen Morgenstunden dauerte "Ostrock im Doppelpack" am vergangenen Wochenende. Dabei spielten im Barbyer Rautenkranz sogar drei Bands: "Electra" und "Monokel" aus DDR-Tagen sowie die aktuellen Krautrocker von "Fluffy Ox" aus Magdeburg.

Barby. l Freitagnacht ist die popularitätsbedingte Reihenfolge auf den Kopf gestellt: Zuerst spielen "Electra", die eigentlich immer noch Höhepunkt von Rockprogrammen sind.

Darüber wundert sich zu Beginn des Abends auch "Electra"-Bandchef Bernd Aust ein bisschen, der dann aber eine mehr oder weniger ernst gemeinte Begründung gibt: "Wir haben den längsten Heimweg und sind die Ältesten." Hätte er nur noch zu sagen brauchen, dass Altrocker gerne früh zu Bett gehen ... "Electra" kommen aus Dresden, "Monokel" aus Berlin.

Typisch 70er Jahre: Ewig lange Soli

Für Leadsänger Stephan Trepte eine gute Vorlage, um den ersten Titel anzukündigen: "Bei uns stehen die Alten in der allerersten Reihe." Er ist 61, sein Kollege Peter "Mampe" Ludewig sogar neun Jahre älter. Wie Bernd Aust, der vom "Sauerstoffzelt hinter der Bühne" witzelt, nimmt auch Trepte sich und seine Kollegen auf die Schippe: "Wie ihr seht, sind wir in die Jahre gekommen. Wir haben für diesen Zustand des zunehmenden Alters ein passendes Lied aus meiner Magdeburger Zeit gerettet."

Jubel für "Wenn die Blätter fallen" von "Reform". Stimmlich ist er im Gegensatz zu seinen Sangeskollegen Ludewig und Gisbert Koreng nicht mehr so gut drauf wie vor 30 Jahren. Was vielleicht auch an der Gesangsmikro-Aussteuerung liegen kann. Das vermuten jedenfalls die Fans des charismatischen Sängers.

Trotzdem punkten die Sachsen. Oldies wie "Frau im Spiegelglas", "Tritt ein in den Dom", "Sixtinische Madonna" oder "Nie zuvor" werden heftig beklatscht. Auch Coversongs von Jethro Tull, die die Band schon vor 40 Jahren im Repertoire hatte, als man von staatswegen noch 60 zu 40 spielen musste. Soll heißen: 60 Prozent DDR-Titel, 40 Westimporte. Sogar die ewig langen Soli, wie sie in den 70er Jahren Mode waren, stören das Volk im Saal nicht.

Derweil sich Besucher Klaus Strobel in seine Dresdner Studentenzeit zurück versetzt fühlt, meint Thomas Hummel, dass diese Dinge "einfach dazu gehören". Anders sieht es Michael Radespiel aus Barby: "Das Nachspiel-Zeug haben die eigentlich nicht nötig. Ich hätte mir mehr Electra-Titel gewünscht."

Rockfan Jürgen Thiemanns Äußeres - er ist eigentlich "in erster Linie" wegen "Fluffy Ox" gekommen, lässt keine Frage offen. "Ich habe mir eine Seite aus der ¿Melodie Rhythmus\' von 1979 gescannt", erzählt er und streckt dabei seine T-Shirt-Brust raus. Es zeigt eine Seite der einzigen DDR-Musikzeitschrift, die damals komplett "Electra" gewidmet war. Der Barbyer hatte sie sich textil aufdrucken lassen.

Das Durschnittsalter im Saal liegt nur etwa zehn Jahre unter dem der rockmusikalischen Akteure auf der Bühne. Immerhin!

Im Finale singen alle drei "Electra"-Sänger "Tritt ein in den Dom" mit einem Text von Kurt Demmler. 1972 mühten sich Radiomoderatoren auf Weisung ihrer Sender eifrig, dass der Text nicht als Aufforderung, der Kirche beizutreten, zu verstehen sei.

Seinen Auftritt hat natürlich der schwergewichtige Peter "Mampe" Ludewig im gestreiften Kittel-Hemd, der mit seiner Tenor-Stimme noch immer Gläser springen lassen kann. Er ist mit seinen 70 Lenzen der Methusalem. Als er die steilen Stufen zur Bühne hochsteigt, erkennt man den Rentner. Doch als Mampe am Mikro steht, ist alle Mühsal wie weg geblasen.

Am Mikro ist alle Mühsal wie weg geblasen

Die Rockoldies sind nicht totzukriegen. Einige Zugaben müssen sie spendieren, bevor nach längerer Umbaupause "Monokel" loslegt. Der Namenszusatz "Kraftblues" ist kein Werbegag. Die 1975 gegründete Berliner Band macht ihrem Namen alle Ehre. Unverschnörkelt und kraftvoll donnert es klar von der Bühne herunter.

"Monokel" rockte zu Ostzeiten eher in einer Nische. Die Parka- und Jesuslatschen tragende "Kundenszene", die eine DDR-spezifische Jugendkultur darstellte, kam zu ihren Konzerten.

Daran erinnert sich auch Jörg Treue, der die Berliner im damaligen MLK-Klubhaus erlebte. "Beim Lumpenblues haben die uns aufgefordert, einen unserer Jesuslatschen in der Bühnenmitte abzulegen." Diesem schrägen Appell kamen die Fans natürlich nach. Was im Chaos endete, weil beim Konzertende jeder seine Sandale suchte. "Til Eulenspiegel hätte genau an diesem Ort seine Freude daran gehabt", lächelt Treue hintersinnig. (Die Legende mit den Schuhen soll sich in Calbe zugetragen haben.)

Letzte dieses Mammutkonzertes waren "Fluffy Ox" aus Magdeburg. Ihr Part begann weit nach Mitternacht und dauerte bis zum frühen Morgen. Mit dem Ergebnis, dass viele Besucher bereits in die heimischen Betten entschwunden waren. Was nicht an den "flauschigen Ochsen" lag, die einen brillanten "Krautrock" zelebrierten.