Groß Rosenburg l „Es war mir eine große Freude den Denkmalbehörden Unterlagen zukommen zu lassen, die belegen, dass die unmittelbare Anschauung jedem Messtischblatt überlegen ist“, lächelt Ulf Rödiger etwas spöttisch. Denn Gebietsreferentin Birthe Rüdiger vom Landesamt für Denkmalpflege hat da so ihre Zweifel, ob das Deichwachthaus wirklich so alt ist, wie der Rosenburger Pfarrer behauptet. Doch dazu später.

Nachdem Ulf Rödiger die Denkmalspflege in die Pflicht genommen hatte, weil historische Zeugnisse des Deichschutzes schließlich nicht mehr werden, holte die Fachfrau von der Denkmalbehörde erstmal zu einem interessanten geschichtlichen Exkurs aus:

Deichwachthaus nicht zu finden

„Deichwächterhäuser … seien zumindest seit Beginn der Führung der Preußischen Urmesstischblätter (1821-1860) benannt: Etwa im Glinder Bogen unweit des Vorwerks Monplaisir. Es gebe auch die Bezeichnung „Deich.W“ im Lödderitzer Forst südöstlich von Breitenhagen. Diese Angaben wiederholten sich in den Messtischblättern (Landkarten) der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. „Im vergleichbaren preußischen Urmesstischblatt für Groß Rosenburg findet sich kein Deichwächterhaus, das so alt wäre, wie das von Ihnen fotografierte Objekt“, schreibt Birthe Rüdiger an Ulf Rödiger.

Auch die Messtischblätter aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts würden kein Damm- oder Deichwächterhaus auf dem Rosenburger Deich zeigen. Darauf sehe man lediglich ein Deichwächterhaus bei Werkleitz, jedoch keines bei Rosenburg. Das Meßtischblatt, auf das sich Birthe Rüdiger bezieht, stamme von 1943 und sei 1951 letztmals redigiert worden. „Demnach können die benannten Ritzungen in den Ziegeln des Rosenburger Deichbaus nicht von 1940 stammen“, schlussfolgert die Denkmalsfachfrau. Mit „Ritzungen“ sind datierte Verewigungen gemeint, die Generationen junger Rosenburger auf die Ziegel kritzelten.

Pfarrer lädt zum Gedankenaustausch

Und weiter: „Ihre (Ulf Rödiger, d. Red.) Verärgerung kann ich nicht nachvollziehen. Ich kann ein Gebäude nicht als Deichwächterhaus ausweisen, wenn es offensichtlich kein Deichwächterhaus ist. Dass die Angabe eines so wichtigen Funktionsbaus auf einer Vermessungskarte wie dem Meßtischblatt ‚vergessen‘ wurde, gibt es nicht. Wenn das Gebäude auf dem Messtischblatt 1951 noch nicht dargestellt ist, bestand es zu dieser Zeit auch noch nicht.“

Fazit: Was nicht geschrieben steht, existiert nicht. Auch wenn man in nebliger Nacht mit dem Fahrrad dagegen fährt ...

Diese Aussage wurmte Pfarrer Rödiger. Da er von berufswegen „Hinz und Kunz“ kennt, fiel ihm der Breitenhagener Heinz Armin Sixdorf ein. Der arbeitete früher beim Landesbetrieb für Hochwasserschutz (LHW) und hat ein Faible für alles Historische, das mit Hochwasser, Deichen und Flutkatastrophen zu tun hat. Der fitte Rentner schrieb das in mehreren Chroniken auf.

Heinz Armin Sixdorf schüttelte auf Anhieb einen Beweis aus dem Gelenk, dass das Rosenburger Deichhäuschen 1911 gebaut wurde. Und damit nicht genug. Der Breitenhagener Heimatforscher kennt dank preußisch exakter Buchführung des damaligen Deichverbandes auch Details: Laut Deichingenieur Schellenberg kostete das Bauwerk 1500 Goldmark. Der Calbenser quittierte sogar penibel, dass Erd- und Maurerarbeiten von 190,47 auf 189,45 Mark um 1,02 Mark billiger wurden als geplant. Die Schnittzeichnung eines Akener Architekten lässt einen Meter tiefe Fundamente, Fenster, Kassettentür und einen Kachelofen erkennen. Die Deichwachen sollten es schließlich warm haben, wenn sie aus stürmischer Hochwassernacht Obdach nahmen.

Häuschen bis 1970 genutzt

Laut Heinz Armin Sixdorf wurde das Häuschen bis etwa 1970 als solches genutzt. Anfang der 1990er seien die Fenster wegen des zunehmenden Vandalismus vermauert worden.

Wie Ulf Rödiger erfuhr, gehört das Haus dem Landesbetrieb für Hochwasserschutz. Doch der möchte es in Ermangelung einer Nutzung los werden und würde es gegebenenfalls im Zuge der anstehenden Deichsanierung auch abreißen. „Obwohl es nach Aussage des LHW die Deichsanierung nicht behindern würde“, unterstreicht Ulf Rödiger. Die Stadt Barby hebt abwehrend die Hände, weil schon zu viele kommunale Häuser Geld verschlingen.

Nun möchte Rödiger die Rosenburger aktivieren, das Häuschen zu erhalten, über eine mögliche Nutzung zu diskutieren und es vielleicht selbst in Obhut zu nehmen.

Dazu findet Freitag ab 19 Uhr eine Zusammenkunft im Gemeindehaus „Kirchschule“ statt.