Calbe l Die einen nehmen ihr Leben mit Humor, die anderen garnieren es mit Musik. So wie Lieselotte Ittner, Erika Bartnick und Felicitas Kubick. Das Trio gehört zum Rolandchor. Sie gehörten zum Chor in der Saalestadt, als dieser noch gar nicht so hieß. Denn die ersten musischen Fußstapfen macht die Singegruppe ab Juni 1978. Zu dieser Zeit gründet sich der Chor im Auftrag der Ortsgruppe des Kulturbundes. Über Aushänge wurde geworben. Im Konsum, an schwarzen Brettern, zum Teil in Unternehmen. Die damals 39-jährige Ittner stieß darauf. Ein Schnupperexperiment, dem sie sich seit vier Jahrzehnten nicht mehr erwehren kann.

Damals ist es die Freude, der Sonnenschein im übertragenen Sinn, der ihr Gemüt zum Strahlen bringt. Eine Einstellung, die bis heute geblieben ist. Im Gegensatz zum äußeren Erscheinungsbild: Das wechselte einige Male. „Beim Kulturbund hatten wir noch blaue Hosen und gelbe Blusen; heute tragen wir komplett Schwarz, kombiniert mit bunten Halstüchern“, gibt die heute 79-jährige Ittner einen Einblick in die strikt festgelegte Kleiderordnung.

Kein Dialekt beim Singen

Heute ist es Georg Beyer, der den Taktstock schwingt, wortwörtlich den Ton angibt und seine Damen mit einer sympathischen Bemerkung darauf aufmerksam macht, den Calbenser Dialekt beim Singen nicht in voller Blüte hören zu lassen. Beyer ist gegenwärtig seit 2013 Chorleiter. In der Historie steht er an zehnter Position.

Vor 40 Jahren hat aber alles mit Margret Richter angefangen. Als Calbenser Musiklehrerin hat sie aus den insgesamt 18 anfänglichen Sängern - darunter immerhin fünf Männer - einen vierstimmigen Chor herausgebildet, der in seiner Blütezeit bis zu zwölfmal jährlich auf den Bühnen der Saalestadt und Umgebung zu Hause war. Aktuell, überlegt Erika Bartnick, sei die Anzahl der Auftritte merklich geschrumpft. Auf etwa die Hälfte. Früher sei der Chor auch bei Vereinen „mehr gefragt gewesen“, erzählt sie und ergänzt: „Als wir angefangen haben, waren Volkslieder das A und O“, erinnert sich die Calbenserin zurück. Damals beispielsweise - zum allerersten Auftritt im Dezember 1979 im Seniorenwohnheim der Stadt. „An der Saale hellem Strande“ ist eines der Lieder, das die 40 Jahre überdauert hat. Häufig aber dringt es nicht mehr aus den Kehlen. Denn die Singegemeinschaft hat den Blick gen Zukunft gerichtet. „Mit reiner Volksmusik können sie keine jungen Sänger mehr bekommen“, sagt Bernd Neubauer. Die Aussage fühlt sich an wie ein Stich ins Herz. Trotzdem spiegele sie die grundlegende Realität wieder. Neubauer ist dem Chor selbst verhaftet gewesen. Seit Anfang an steht der Chor sowohl Männern als auch Frauen offen - bis 2014. Die Singstimmen müssen ohne Männer auskommen. Statt vier- wird seit diesem Jahr nur noch dreistimmig gesungen. Sopran, Mezzosopran und Alt nennen die Fachleute die Einteilung der weiblichen hohen, mittleren und tiefen Singstimme. Das Problem: Der Großteil der kaufbaren Chorsätze bestehen aus vier Stimmen. Die Lieder müssen also angepasst werden. Eine überaus aufwendige Aufgabe für Georg Beyer. Werden Lieder neu einstudiert, spielt der Chorleiter außerdem die Melodie auf MP3-Player. Jedes Chormitglied besitzt ein solches Musikwiedergabegerät und übt zu Hause eigenständig den Liedtext ein.

Davon, Neues einzuüben, sind die Sängerinnen nicht gefeit. „Man muss sich Trends anschließen“, findet Bartnick den Kurs des Rolandchores in Richtung Zukunft für folgerichtig. Dem Sprichwort: „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ hat auch sie schon lange Jahre abgeschworen. Englische Liedtexte erklingen in den immer dienstags stattfindenden, zweistündigen Proben im Bürgersaal des Rathauses nun häufiger. Darunter „The lions sleep tonight“ genauso wie Simon and Garfunkel-Songs, der Holzmichl sowie Evergreens „Love me tender von Elvis Presley bis hin zu „Über sieben Brücken musst du gehen“ (Karat). Die wöchentlichen Proben entlassen die Frauen nicht selten mit musikalischen Gedanken und kurzfristig innewohnenden Ohrwürmern, die mindestens noch einige Stunden nach Ende der Probe präsent sind. Felicitas Kubick lacht. Lieder der Comedian Harmonists seien dafür prädestiniert, schmunzelt die 74-Jährige. „Wochenend und Sonnenschein“ stimmt die Frau gleich einmal mit verklärtem Blick an. Auch zum Jubiläumskonzert wird ein Schmankerl der Comedian Harmonists zu hören sein: „Irgendwo auf der Welt“. Das werde gerade eingeübt.

100 Lieder im Repertoire

Bis heute befinden sich mindestens 100 Lieder im Repertoire des Rolandchores. Die ehemaligen Mitglieder Erich Mennecke, Margot Hirst und Ingrid Reinefeld schrieben die Texte zu den Lieder früher sogar teilweise selbst.

„Ohne Musik fehlt uns der Sonnenschein im Leben“, bestätigt Ittner. Zusätzlicher Vorteil: Dem Geist kommt das Lernen der neuen Lieder wie Gehirnjogging vor. Ein Fithalten der besonderen Art, dem die Mitglieder zu Geburtstagen, auf Hochzeitsjubiläen, zu Roland- und Bollenfest oder - in vergangenen Zeiten - auch bei der Jugendweihe nachgegangen sind.

Wenn Wünsche per Dekret in Erfüllung gehen würden, würde sich Ittner eine chortechnische Blütezeit wie bis 1989 wünschen. Damals nahm der Chor zudem Konzerte bei befreundeten Chören in Nienburg und Köthen wahr. Mitgliederzahl damals: rund 35. Heute sind es beinahe die Hälfte: Ungefähr 20. Aufgeben komme trotzdem nicht infrage.

Elektronische Unterstützung

Andererseits wünschten sich die Chormitglieder eine Mikrofonanlage für das Singen im Freien. Die kostet mehrere Tausend Euro. Nicht zu stemmen für den Rolandchor, der auf Beschluss der Calbenser Stadtväter seit 1995 diesen Namen trägt. Viele Jahre schon finanziere sich die Chorarbeit durch die Beiträge der Singenden, erzählt Neubauer. Sponsoren gleich Null. Derer aber bedürfte es.

„Derzeit machen wir alle erst einmal ein Gospel-Studium“, plaudert Kubick. Chorleiter Beyer hatte im letzten Jahr bereits angekündigt, dass sich der Chor dahin entwickeln solle. Die älteste ist derzeit Ruth Roost mit 87 Jahren.

Zu den traditionellen Konzerten gehören unter anderem die Adventskonzerte im Calbenser Ortsteil Schwarz oder Gottesgnaden. Was bei alledem seit sechs Jahren nicht dabei war: Volkslied. Zum Beispiel das vom Wartenberg. Ein Lied, das den Wartenberg als Oase verklärt und von einem Bergfried inmitten winziger Täler und Höhen erzählt. Stroheninhalte, die von der Symbolik der Natur berichten und dessen Eindruck auf den Besucher.

Großer Tag im September

Das Jubiläumskonzert findet am Sonntag, 9. September, um 14.30 Uhr in der St. Stephani-Kirche Calbe statt. Geprobt wird dienstags ab 18.45 Uhr im Bürgersaal des Rathauses.