Barby/Parey/Ferchland l „Alle haben sich die Entscheidung nicht leicht gemacht“, machte Nicole Golz, Bürgermeisterin der Gemeinde Elbe-Parey im Jerichower Land, deutlich. Seit vier Jahren habe die Gemeinde versucht, Unterstützer zu finden, um nicht allein auf den hohen Kosten sitzen zu bleiben.

Nicole Golz: „Aber Hilfe wurde abgelehnt. Wir sind in den Fährverband eingetreten, auch um stets die aktuellsten Informationen zu erhalten.“ Die Gemeinde hatte von der Schiffswerft Hermann Barthel GmbH in Derben einen Kostenvoranschlag für die Landrevision eingeholt. „Wir wollten die Fähre für die nächsten fünf Jahre fit machen“, so die Bürgermeisterin. Sollte der Wasserstand der Elbe weiter sinken, dann müsse die Fähre aber schon vor dem 30. Juni an Land geholt werden.

Verständnis für Entscheidung

Jerichower Land-Landrat Steffen Burchhardt (SPD) kann die Verantwortlichen in Elbe-Parey verstehen. Sie hätten schon lange auf die Problematik aufmerksam gemacht und um Unterstützung gebeten. „Nach dem Ergebnis im Hauptausschuss war mit der Entscheidung des Gemeinderates leider zu rechnen. Die Entscheidung ist für mich nachvollziehbar“, so Burchhardt. Das Land Sachsen-Anhalt sehe sich nicht in der Lage, über einen begrenzten Zuschuss hinaus die Gemeinde Elbe-Parey finanziell weiter zu unterstützen. Die Gemeinden beiderseits der Elbe waren nicht bereit, zu helfen. Das hätte auch über die Kreisumlage erfolgen können.

Das Landesverkehrsministerium misst der Fähre Ferchland-Grieben eine große Bedeutung bei. Seitens des Landes wird gemäß des Landesverkehrswegeplanes (Teil: Binnenschifffahrt, Häfen und Fähren) auch diese Fähre als landesbedeutsam eingestuft. „Das Land leistet vor dem Hintergrund der hohen Belastung der Fähreigentümer durch die laufenden Kosten, unter anderem Instandhaltung, bei den landesbedeutsamen Fähren, so auch bei der Fähre Ferchland-Grieben, eine Förderung auf freiwilliger Basis“, erklärt Pressereferent Andreas Tempelhoff.

Dabei erhalten die Fähreigentümer im Rahmen der alle fünf Jahre anstehenden Landrevisionen eine finanzielle Unterstützung vom Land. Seit dem Jahr 2019 betrage der diesbezügliche Fördersatz, vorbehaltlich entsprechender Haushaltsmittel, bis zu 90 Prozent der zuwendungsfähigen Kosten. Davor waren es 50 Prozent. Andreas Tempelhoff: „Solch eine Förderung wurde der Gemeinde Elbe-Parey auch für die jetzt anstehende Landrevision ihrer Fähre zugesagt.“

Der eigentliche Betrieb einer kommunalen Fähre, unabhängig ob landesbedeutsam oder nicht, gehört zu den freiwilligen Aufgaben einer Kommune. Im vorliegenden Fall obliegt der Betrieb der Fähre Ferchland-Grieben ausschließlich der Zuständigkeit der Gemeinde Elbe-Parey.

Im Rahmen der kommunalen Selbstverwaltung kann die Gemeinde beziehungsweise der Gemeinderat selbst entscheiden, ob aus wirtschaftlichen Gründen der Fährbetrieb eingestellt werden muss. „Gerade mit Blick auf die kommunale Hoheit und Selbstverwaltung steht es dem Landesverkehrsministerium nicht zu, diese Entscheidung zu bewerten“, so der Pressereferent.

Probleme nur zu bekannt

Die Probleme weiter im Norden, sind in der Fährstadt Barby nur zu gut bekannt. Besonders die Stadtkasse leidet unter dem Fährbetrieb. Nur eines der drei Schiffe in Barby, Breitenhagen und Rosenburg fährt die Kosten wieder ein. Nur die Barbyer Elbfähre erwirtschaftet einen jährlichen Überschuss. Die anderen beiden Fährverbindungen muss der Steuerzahler subventionieren. Die Rosenburger Saalefähre hatte in den vergangenen Jahren nur einmal einen Überschuss erwirtschaftet. Als die Landesstraße hinter der Saalebrücke bei Calbe wegen Bauarbeiten gesperrt werden musste, wichen viele Pendler auf die Fähre aus.

Seit seinem Amtsantritt im Barbyer Rathaus sucht Torsten Reinharz Möglichkeiten, das Land mehr bei den laufenden Kosten einzubinden. Auf seine Initiative bildete sich eine Arbeitsgruppe von Betreibern landesbedeutsamer Fähren Sachsen-Anhalts. Landesbedeutsame Fähren verbinden Landes- und Bundesstraßen miteinander, wo die Entfernung zur nächstgelegenen Brücke mit hohem Aufwand verbunden ist. Ein Zugeständnis gab es inzwischen für die regelmäßig vorgeschriebenen Landrevisionen. Das Land entlastet. Das Finanzproblem löst es aber nicht.

Das Land unterstützt die Kommune mit Zuschüssen. Allerdings sind an die finanziellen Hilfen auch Bedingungen geknüpft. So muss sich die Kommune im Gegenzug verpflichten, die Fähre weiter zu betreiben. Würde die Kleinstadt eine der Fährverbindungen aufgeben, müsste sie die empfangenen Fördermittel wieder zurückzahlen. Selbst wenn sich das Fährgeschäft nicht lohnt, kann die Stadt nicht einfach aussteigen. Das wissen die Barbyer nur zu gut.

Vor-Ort-Termin geplant

Doch zurück nach Ferchland: Manfred Behrens (CDU, Mitglied des Verkehrsausschusses im Bundestag) bedrückt die Nachricht über die geplante Stilllegung der Fähre zum 30. Juni 2020. „Da ich selber Ortsbürgermeister bin, kann ich die Wichtigkeit und Nachfrage der Menschen nach der Fährverbindung nachvollziehen. Gleichwohl begrüße ich die bisherige Initiative des Landes, die Landrevision mit 90 Prozent der förderfähigen Kosten zu unterstützen.“

Der Bundestagsabgeordnete will sich mit der Arbeitsgruppe Elbe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zusammen mit seinen Bundestagskollegen Eckhard Gnodtke und Kees de Vries am 1. September vor Ort treffen. „Im Hinblick auf den neuen Sachstand werden wir neben dem grundsätzlichen Thema der Verbesserung der Schiffbarkeit auch Alternativen, wie beispielsweise die Prüfung der Errichtung einer Brücke, beraten. Dazu werden wir auch die Landräte der beiden Landkreise einladen, da es sich bei der Verbindung um eine Kreisstraße handelt“, blickt Manfred Behrens voraus.

Auch die Koordinierungsstelle des Elberadweges Mitte, ansässig beim Magdeburger Tourismusverband Elbe-Börde-Heide, hört die Nachtigallen trapsen. Sie fordert vehement einen Fortbestand des Fährbetriebes Ferchland-Grieben. Die „Schließung einer Fährverbindung, im Jubiläumsjahr des Elberadweges zu setzen, halten wir für fatal! Das Stilllegen der Fähre wird für den Tourismus in der Region einen schweren Rückschritt bedeuten!“, erklärt Tino Raguse, Koordinator „Elberadweg Mitte“ Sachsen-Anhalt.

Reiseerlebnis Elberadweg

Der beliebte Elberadweg sei ein über die Jahre und Landesgrenzen hinaus zusammengewachsenes Reiseerlebnis. Tino Raguse: „In Sachsen-Anhalt haben die Touristen und Touristinnen mittlerweile fast vollständig die Möglichkeit, auf beiden Seiten der Elbe zu radeln, so auch in der Region um Ferchland/Grieben, wo die Fährverbindung einen sehr wichtigen Knotenpunkt des Elberadweges darstellt.“

Durch die beidseitige Routenführung sei unter anderem die Voraussetzung geschaffen worden, dass möglichst viele Sehenswürdigkeiten, das Hotel- und Gastgewerbe sowie viele private Vermieter von Ferienwohnungen des Bundeslandes Sachsen-Anhalt vom Radweg und dessen Strahl- und vor allem Wirtschaftskraft profitieren. Für viele Radfahrer sei zudem das Übersetzen mit einer Fähre eine willkommene Abwechslung auf ihrer Reise, die gern in Anspruch genommen wird.

Eine „doppelte“ Routenführung sei auch weiterhin ein nicht zu unterschätzendes Kriterium für eine zweite Reise der Touristen auf dem Elberadweg. Viele Tagestouristen, zum Beispiel auch die aus Magdeburg, nutzen die Fähre Ferchland-Grieben als Wendepunkt“, um ihre Touren/Sternfahrten zu fahren.

Gleiches gilt für die Fähren im Barbyer Bereich. Dessau und die Weltkulturerbestätten Bauhaus oder Wörlitzer Gartenreich sind nicht weit. Der Saaleradweg, inzwischen 25 Jahre alt, bringt zusätzlich Touristen an die Elbe – und die suchen idyllische Flussquerungen.

Bleibt abzuwarten, ob der Beschluss zum Aus der Ferchland-Fähre Wirkung zeigt, in der Debatte um die Zukunft der Fähren, oder nur der erste Domino-Stein ist, der kippt und andere nach sich zieht.