Schönebeck l Marco Polo war nicht nur ein Entdecker auf dem Land, sondern auch ein Abenteurer auf den Meeren. Die Rückreise aus dem fernen Osten nach Venedig auf dem Seeweg begann im Jahr 1291 im Hafen von Quanzhou (China), einer kosmopolitischen Stadt mit Niederlassungen aller wichtigen Religionen. Die Tour zurück erfolgte auf 14 Dschunken mit insgesamt 600 Passagieren. Auf den Zwischenstationen in Sumatra und Ceylon beschrieb Marco Polo die dortigen Kulturen. Nach 18 Monaten der Weiterfahrt erreichte das Schiff den persischen Hafen Hormus. Im Jahr 1295 kamen die Reisenden schließlich in der Republik Venedig an.

In der „Republik Schönebeck“ sind die Fahrten auf der Elbe für Tobias Süßenbach lange nicht so entbehrlich und abenteuerlich. Der Geschäftsführer der gleichnamigen Reederei hat heute mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen als der Entdecker damals vor 800 Jahren. Die „Marco Polo“ ist eine Hommage an den früheren Seefahrer, den das Familienunternehmen Süßenbach in Ehren hält.

In zehn Jahren 60.000 Passagiere

Im nächsten Monat startet die „Marco Polo“ in die Saison 2018. „In den vergangenen zehn Jahren haben wir rund 60.000 Passagiere bei uns an Bord gehabt und insgesamt mehr als 1.000 Fahrveranstaltungen durchgeführt“, berichtet Tobias Süßenbach nicht ohne Stolz in einem Gespräch mit der Volksstimme.

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Die Elbestadt Schönebeck ist inzwischen der Heimathafen der „Marco Polo“. Sie wurde im Jahr 1989 als eines von drei ähnlichen Schiffen in Aken gebaut. „Wir haben damals lange auch in anderen Ländern Europas nach einen Schiff gesucht, das unseren Ansprüchen gerecht werden sollte“, erinnert sich der Chef der Reederei. Wichtig waren dabei mehrere Aspekte: So sollte das schwimmende Fahrzeug einen niedrigen Tiefgang haben, eine eigenständige sowie voll ausgerüstete Kombüse vorweisen, und der Salon musste den Anforderungen der Gäste entsprechend umgestaltbar sein. All das vereint die „Marco Polo“.

So schipperte der „Dampfer“ Jahr für Jahr die Elbe hinauf und wieder hinab, nahm Besucher mit auf Sonntagsfahrten und war Partystätte für Jungvermählte. Doch ähnlich wie der eingangs erwähnte Entdecker und Weltreisende Marco Polo wagten sich die Mitglieder des Familienunternehmens Süßenbach immer wieder mutig auf neues, fremdes Terrain. Manches floppte, anderes wiederum entwickelte sich zum Magneten.

Fahrendes Theater auf der Elbe

Aus dieser kreativen Zeit stammte im Jahr 2009 die Idee, ein Theaterschiff für „Nachtschwärmer“ ins Leben zu rufen. „Kunst und Kultur, gute Gastronomie und die Schifffahrt auf der Elbe wurden so miteinander verbunden“, erzählt Tobias Süßenbach. Seines Wissens nach ist das Schönebecker das einzige fahrende Schiff Deutschlands mit einer Theaterbühne. Die Umsetzung der Idee war entsprechend herausfordernd. Zunächst musste das Schiff als Spielstätte von den Behörden anerkannt werden. Die folgenden Bühnenstücke wurden extra für den Auftritt auf der „Marco Polo“ geschrieben, und ein Ensemble wurde verpflichtet.

Das Theaterschiff überzeugte - nicht nur die vielen Gäste, die voll des Lobes waren und immer wieder buchten, sondern auch die Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt mbH in Magdeburg. „Im Jahr 2010 haben wir den Sonderpreis zum Tourismuspreis nach Schönebeck geholt“, erzählt Tobias Süßenbach, der gemeinsam mit seinem Vater Sylvio das Patent als Schiffsführer besitzt.

In diesem Jahr werden drei unterschiedliche Programme auf dem fahrenden Schiff aufgeführt. Extra dafür ließ die Reederei im Stadtgebiet von Magdeburg einen Anlegestelle bauen - und zwar noch oberhalb des Domfelsens. Dieser clevere Schachzug ermöglichtet es der „Marco Polo“, auch bei Niedrigwasser der Elbe, wenn der Domfelsen nicht passiert werden kann, dennoch in Magdeburg an- und abzulegen und das Theaterschiff stromaufwärts Richtung Schönebeck fahren zu lassen.

Wohn- und Geschäftshaus entsteht

Auch an Land ist die Reederei Süßenbach aktiv. In der Nähe des Salinekanals soll ein Binnenschiffer-Ausbildungszentrum entstehen. Dort wird in Zukunft Sylvio Süßenbach als Dozent tätig sein, der langjährige Erfahrung aus der Binnenschifferschule mitbringt. Außerdem entsteht dort das Wohn- und Geschäftshaus der Reederfamilie.

Noch in den nächsten Tagen geht die „Marco Polo“ nochmals in die Werft. Das Schiff ist, wie Tobias Süßenbach sagt, wegen der aufwendigen Pflege trotz der knapp 30 Jahre Alter so gut wie neu. Demnächst erhält das Schiff einen frischen Anstrich. Danach werden die Süßenbachs und ihre Mitarbeiter wieder „Stunden einer heilen Welt“ - ähnlich wie das ZDF mit dem „Traumschiff“ - verkaufen: ein Kapitän mit weißer Mütze, schicker Uniform und immer mit den Passagieren im Gespräch bei Musik- und Tanzveranstaltungen sowie freien Trauungen.

Fragt man Schulkinder in der Stadt Schönebeck, was sie mit Marco Polo in Verbindung bringen, kommt oftmals als erste Antwort: „Das Schiff!“ Damit wird die Elbe nun zur „kleinen Seidenstraße“.