Schönebeck l „Ein Freund hat mich vergangenes Jahr besucht, wir sind mit dem Rad unterwegs gewesen. Auch am Pretziener Wehr und am Salzblumenplatz. Da er die Gegend nicht kennt, hat er die Informationstafeln sehr aufmerksam gelesen. Plötzlich meinte er zu mir: ,Wenn das kein Grund zum Feiern ist‘ und zeigte auf eine Zahl auf der Infotafel zur Schönebecker Elbbrücke am Salzblumenplatz“, erzählt Christian Schlitzberger, der in Ranies wohnt und dort im Ortschaftsrat ist. Er habe erst gar nicht gewusst, was sein Freund meine. Beim genaueren Lesen habe er dann aber nicht schlecht gestaunt: „Um das Jahr 1020 suchte sich die Elbe während einer großen Überschwemmung ein neues Flussbett. Seitdem ist sie Schönebecks ,Lebensader‘ ...“

Der aktuelle Verlauf der Elbe besteht somit seit rund, vielleicht sogar genau 1000 Jahren. Das „vielleicht“ rührt daher, dass auf einer Infosäule am Pretziener Wehr der Zeitpunkt etwas vager umschrieben ist. Zu finden sind diese Passagen in der Veröffentlichung „125 Jahre Pretziener Wehr“ (siehe Infokasten). Dort steht: „Unsere Elbe fließt seit dem 11. Jahrhundert unterhalb Dornburg in einem scharfen Knick nach Südwesten. Die Stromteilung dürfte zwischen 976 und 1012 an dieser Stelle erfolgt sein. Dies hatte zur Folge, dass die Elbe bei Hochwasser geradeaus drängte ...“

Originalquellen fehlen

Im Stadtarchiv in Schönebeck nachgefragt, betont Leiterin Britta Meldau: „Das Jahr können wir nicht 100-prozentig bestätigen, da fehlen uns Originalquellen. Es kommt alles nur aus der Sekundärliteratur – einer hat es vom anderen abgeschrieben. Ich formuliere immer ,um 1020‘.“ So sieht es auch Archivmitarbeiter Mathias Hille und hat dafür eine logische Erklärung: „Die Elbe hat ja nicht über Nacht ihren Verlauf geändert. Das ist ein Prozess über Jahre, Jahrzehnte.“ Beide wären vorsichtig bei „2020 feiern wir 1000 Jahre Elbstromwechsel“, seien eher für „vor etwa 1000 Jahren hat sich die Elbe ihr jetziges Bett gesucht“.

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Die Veränderung des Elblaufes

Ergänzend zitiert Britta Meldau aus dem Werk „Aus der Geschichte der Stadt Schönebeck“ (1962) ihres Archivar-Vorgängers Wilhelm Schulze: „Veränderungen im Lauf der Elbe hat es in unserer Gegend bis in die jüngste Zeit hinein gegeben. Damals werden sie weit häufiger gewesen sein; denn von einer Regulierung des Stromes war man noch weit entfernt. Die Wassermassen bewegten sich träge in Schlingenwindungen, die sich durch die Ablagerung der Sinkstoffe beständig änderten, durch das breite Urstromtal. Große Änderungen mussten natürlich bei außergewöhnlichen Überschwemmungen entstehen. Da konnte es vorkommen, dass der Fluss ein ganz anderes Bett wählte, wie es 1020 der Fall gewesen zu sein scheint. Die Alte Elbe ist seit dieser Zeit keineswegs ein unbedeutender Wasserlauf gewesen. Noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts war nördlich Randau eine Schiffmühle in ihr in Betrieb. Die Versandung trat erst ganz allmählich ein ...“

Ranieser Chronik

Doch Christian Schlitzberger zieht noch eine Quelle heran, die nahelegt, dass die Elbe seit 1020 ihren jetzigen Verlauf inne hat: die Ranieser Chronik. Es wird darin auf Quellen verwiesen, die eine gewaltige Naturkatastrophe zu dieser Zeit schildern: Ein Geistlicher des Quedlinburger Damenstiftes berichtete, was er selbst als Augenzeuge miterlebt hatte beziehungsweise ihm zugetragen wurde. „So schrieb er, dass 1020 die damalige Elbe (die heutige Alte Elbe) und die Weser ungeheure Wassermassen führten, die Überschwemmungen von bis da unbekanntem Ausmaß nach sich zogen ... Die Fluten spülten zwischen Ranies und Glinde mit großer Wucht einen Teil des alten Ufers einfach fort. So kam Ranies damals und förmlich über Nacht am anderen Ufer der Elbe zu liegen. Der frühere Elblauf war zu einem Nebenfluss, der ,Alten Elbe‘ geworden ...“

Für den Ranieser Ortschaftsrat steht fest: Im Jahr 2020 sollte der 1000-jährige Elbverlauf gewürdigt werden. Eine Idee, das Brunnenfest unter diesem Motto stattfinden zu lassen, dazu ein Infostand und Bühnenprogramm, wird sich nicht umsetzen lassen. Aufgrund der Corona-Krise findet das Brunnenfest nicht – wie sonst üblich – im Mai statt.

Infotafel am Salzblumenplatz

Doch eine zweite Idee ist immer noch umsetzbar: eine Info- und Gedenktafel am Salzblumenplatz. Dort stehen schon einige, die sich mit Themen zur Elbe befassen, initiiert und realisiert vom Elbufer-Förderverein.

Martin Hennig, Vorsitzender des Fördervereins, ist von der Anregung angetan und würde diese mit seinen Mitstreitern auch gern aufgreifen. „Aber: Das Vorhaben muss sich anstellen.“ Denn für dieses und das kommende Jahr seien schon Infotafeln seit Längerem in Planung. 2020 soll eine auf dem Areal der Süßenbach-Reederei einen Platz finden, die sich mit der Kettendampfschifffahrt auf der Elbe beschäftigt. 2021 ist schon eine Tafel vorgemerkt zum Thema Salzschuppen, Salzsiedehäuser – das längste bewohnte Fachwerkhaus. „Unsere Kapazitäten sind beschränkt“, erklärt Martin Hennig, warum nicht einfach eine Tafel „dazwischengeschoben“ werden kann. „Nicht finanziell, aber uns fehlt die Manpower.“ Dennoch: Die Idee findet er sehr gut und werde sie mit ins Auge fassen. Und dann sagt er doch noch: „Wenn es durch Dritte wichtige Zuarbeiten geben könnte, kann es vielleicht doch schon im nächsten Jahr mit der Tafel klappen. Schauen wir mal ...“

Namensgebender Bach

Übrigens: Schönebeck hatte schon vor der Elbe Kontakt zum Wasser. Denn am Ort im jetzigen Flussbett der Elbe floss vor mehr als 1000 Jahren die Schennebeke (schmaler, kleiner Bach) entlang, erzählt Stadtarchivarin Britta Meldau. Vermutlich hat die Stadt Schönebeck von diesem Bach auch ihren Namen erhalten.