Schönebeck l Die 76-jährige Seniorin konnte den Richter kaum verstehen. Sie komme mit Hörgeräten einfach nicht zurecht, sagte sie am Amtsgericht Schönebeck entschuldigend. Dort musste sie sich in der vergangenen Woche wegen des Vorwurfs der Fahrerflucht verantworten. Im Dezember war sie mit ihrem Citroen beim Abbiegen auf dem Schönebecker Markt gegen ein parkendes Auto gefahren. Entstandener Sachschaden: 1 000 Euro. Gemerkt habe sie das allerdings nicht, versicherte sie dem Richter. Daher sei sie einfach weitergefahren.

Der Jurist glaubte ihr, gab aber zu bedenken, dass sie sich dann dringend überlegen müsse, ob sie noch am Straßenverkehr teilnehmen soll. Doch wie solle sie dann zum Arzt kommen, wenn ihr Mann keine Zeit hat, um sie zu fahren?, fragte sie sichtlich verzweifelt.

Verzicht auf Freiheit

Sollten Senioren den Führerschein irgendwann abgeben oder sich einem verpflichtenden Verkehrstest unterziehen? Diese Frage diskutiere auch die Seniorenbeirätin im Salzlandkreis, Rosemarie Ziem, immer wieder gerade auch mit Rentnern. „Ich halte nichts von verpflichtenden Tests für Senioren“, sagte die 73-Jährige. Die Frage sollte allerdings noch mehr in der Gesellschaft diskutiert werden. Auch in der Familie und mit den Ärzten müsste das Thema noch intensiver besprochen werden. „Irgendwann müssen die Älteren selbst entscheiden, dass sie nicht mehr fit genug sind zum Autofahren und ihren Führerschein abgeben. Das sollte aber nicht vorgeschrieben werden, sondern eine individuelle Entscheidung sein“, sagte sie. „Wer seinen Führerschein abgibt, verzichtet immer auch auf ein Stück Freiheit“, sagte Rosemarie Ziem, die für ihr Ehrenamt als Seniorenbeirätin auch selbst viel mit dem Auto im Salzlandkreis unterwegs ist. Sie fühlt sich selbst noch sicher beim Autofahren, fährt allerdings ungern in der Nacht.

Die größten Probleme für Senioren gebe es dort, wo der öffentliche Nahverkehr nicht gut genug ausgebaut ist. „Die Leute müssen auch ohne Auto zum Arzt und zum Einkaufen kommen“, sagte Ziem. Im ländlichen Raum, aber auch in manchen Städten, sei das nicht immer einfach. Selbst die Schönebecker Innenstadt sei nicht ohne weiteres mit dem Bus zu erreichen.

Ärztliches Gutachten

Auch wenn es keine allgemeinen Verkehrstests für Senioren gibt, kann der Kreis bei begründeten Hinweisen die Eignung von Autofahrern überprüfen lassen. „Und zwar unabhängig vom Alter“, teilte Marianne Bothe, Sprecherin des Salzlandkreises, auf Nachfrage der Volksstimme mit. „Die Hinweise kommen von der Polizei, anderen Behörden, Verwandten oder Nachbarn.“

Die Fahrerlaubnisbehörde könne dann die Vorlage eines fachärztlichen Gutachtens verlangen, dass die Fahrtauglichkeit des Betroffenen bestätigen muss. Wird das Gutachten nicht eingereicht, könne der Führerschein entzogen werden. Eine Statistik darüber, wie oft das vorkommt, führe der Salzlandkreis allerdings nicht, so die Sprecherin.

Am Amtsgericht Schönebeck bot der Richter der Seniorin schließlich an, das Verfahren wegen Unfallflucht einzustellen, wenn sie im Gegenzug ihren Führerschein freiwillig abgibt. Denn beim nächsten Mal, so gab der Jurist zu bedenken, würde es vielleicht nicht bei einem Blechschaden bleiben. Die Rentnerin willigte schließlich ein und gab ihren Führerschein beim Amtsgericht ab.