Pretzien l Wenn das Pretziener Wehr reden könnte, würde das Bauwerk sicherlich so manche spannende Geschichte erzählen. Die vielen kleinen von den zahlreichen Besuchern, die mit dem Rad daherkommen. Oder auch die großen vom Kampf gegen unberechenbare Fluten der Elbe. Das Bauwerk feiert Geburtstag: Es wird 145 Jahre alt. Am Montag soll dazu eine kleine Feierstunde stattfinden.

1875 fertiggestellt

1875 wurde das Pretziener Wehr fertiggestellt und hat mit dem dazugehörigen Umflutkanal einen wesentlichen Beitrag zur Bewältigung von Hochwassersituationen im Bereich der Städte Schönebeck und Magdeburg sowie der in der Elbaue gelegenen Ortschaften beigetragen. „Das war die erste Anlage, die nicht nur eine Stadt oder einen Stadtteil vor Hochwasser geschützt hat, sondern eine ganze Region“, ordnet Ronald Günther, Flussbereichsleiter für das Gebiet um Schönebeck, ein. Es sei, so Günther, eine der größten Wehranlagen überhaupt in ganz Europa – beeindruckend!

Beeindruckend sind auch die Zahlen der Anlage am Rande des idyllischen Dorfes Pretzien. Das Wehr ist Teil eines rund 900 Meter langen Querdamms im Elbe-Umflutkanal. Der Sandstein-Unterbau der Anlage ist über 160 Meter lang, 7,5 Meter breit und 3,8 Meter hoch. „Es ist wirklich beeindruckend, wenn man davor steht“, meint Günther.

Beeindruckende Zahlen

Darauf sind zwei Widerlager und acht Mittelpfeiler von 5,75 Meter Höhe angeordnet. Zwischen den Widerlagern und Pfeilern befinden sich neun Joche mit einer Breite von 12,55 Metern; die nutzbare Durchflussbreite beträgt somit 112,95 Meter. Jedes Joch ist durch acht Losständer unterteilt und durch 36 eiserne Schützentafeln verschlossen.

„Eine Meisterleistung der Ingenieurbaukunst“, wie es der Schönebecker Flussbereichsleiter zusammenfasst. Eine Meisterleistung, die immer wieder Besucher zum Pausemachen einlädt. So wie Frances Boll und Timon. Die beiden Radfahrer machten an einer Bank direkt am Wehr Pause. Sie genossen den Ausblick auf das gigantische Bauwerk und auf die Elbauen. Immer wieder halten dort Autos. Menschen steigen aus, betrachten das Wehr, gehen mit Hunden spazieren, ehe ihr Weg weiter durch das schier endlose Rad- und Fußwegenetz der ostelbischen Gebiete führt.

Hochwasserstände massiv gesenkt

In der Vergangenheit sorgte das Wehr weit über die Grenzen Schönebecks und Pret- ziens für Aufsehen. Bundesweit bekannt wurde es beim Hochwasser 2002. Da die Anlage damals geöffnet wurde, sank der Hochwasserspiegel in Schönebeck um 70 Zentimeter, in Magdeburg um 50. Auch beim Hochwasser 2013 war das Wehr wichtiger Bestandteil. Vermutlich wurde es zum 64. Mal in seiner Geschichte geöffnet.

Zwei Jahre später, 2015, wurde es als „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ von der Bundesingenieurkammer ausgezeichnet und erlangte weiter Bekanntheit. Besucher können ein Modell eines Wehr-Jochs sogar in der Bundeshauptstadt bestaunen: Dort steht es im Deutschen Technikmuseum.