Schönebeck l Eine Minute schweigen. Eine Minute erinnern. Eine Minute, um den sechs Millionen Opfern des Faschismus zu Gedenken. 80 Jahre nach der Reichspogromnacht gedenken Juden und Christen, Jung und Alt am Schönebecker Holocaust-Mahnmal den Menschen, die während der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten ihr Leben lassen mussten.

Unter den rund 50 Menschen ist auch Klaus Polczyk. Er hat die Ereignisse im Jahre 1938 miterlebt, die als Reichskristallnacht in die Geschichte eingehen sollte. „Ich war damals elf Jahre alt. Ich weiß noch, dass ich morgens raus bin, weil ich zum Bäcker wollte. Auf den Straßen lagen Scherben. Die Menschen plünderten die Geschäfte und nahmen sich Sachen, die ihnen nicht gehörten“, erinnert sich Polczyk an den Morgen nach der Pogromnacht. Er weiß auch noch, dass uniformierte Männer in die Schule kamen. Sie holten die Kinder, weil diese zusehen sollten, wie die Synagoge entweiht wird. „Als wir vor Ort waren sah ich, wie die Scheiben der Synagoge mit Steinen eingeschmissen wurden. Es war furchtbar“, blickt Klaus Polczyk zurück.

Kerzen erinnern an die Opfer

80 Jahre später erklingt die israelische Nationalhymne am Mahnmal an der Nicolaistraße. Leonid Segal von der jüdischen Gemeinde und sechs Schüler der Pestalozzischule entzünden sechs Kerzen zur Erinnerung an die sechs Millionen Holocaustopfer. „Es ist ein Jahrestag, der uns unsere Köpfe senken lässt“, sagt Gisela Schröder, Stellvertreterin des Bürgermeisters, in ihrem Grußwort. Sie appelliert an die Anwesenden, dass das Gedenken niemals nachlassen darf.

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Danach senken sich die Köpfe der Anwesenden. Eine Minute lang wird geschwiegen und der Opfer gedacht.

Auch Propst Christoph Hackbeil hob hervor, wie wichtig es sei, niemals die Schandtaten der Nationalsozialisten zu vergessen. Er bezeichnete die Ereignisse in der Pogromnacht als „organisiertes Verbrechen“. An einen Spruch des Philosophen George Santayana angelehnt, sagte Hackbeil: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, läuft Gefahr sie zu wiederholen.“ Doch Hackbeil äußerte auch seine Freude darüber, so viele Menschen bei der Gedenkfeier zu sehen.

Eigenkomposition mit Botschaft

Unter die Haut ging auch der Auftritt von Lisa Teufel, einer Schülerin des Dr.-Carl-Hermann-Gymnasiums. Die Schülerin trug eine musikalische Eigenkomposition vor, in der nicht nur die Pogromnacht Thema war. In ihrem Lied ging sie auch auf Flüchtlinge ein, die in Deutschland Schutz vor Verbrechen suchen, die denen vor 80 Jahren nicht unähnlich sind. Die Botschaft ihres Songs: Unabhängig von Religion oder Nationalität sind alle Menschen genau eines, nämlich Menschen.

Auch die Schulband „Rocky Angels“ der Lerchenfeldschule leistete mit der Eigenkomposition „Zusammenhalt“ einen musikalischen Beitrag zur Gedenkfeier. Darüber hinaus verlasen zwei Schüler der Maxim-Gorki- Schule die Namen der Schönebecker Holocaust-opfer. Linda Klaus aus der Lerchenfeldschule und Leonid Segal hielten gemeinsam das Kaddisch-Gebet – eines der wichtigsten Gebete im Judentum. Darüber hinaus legten die Besucher kleine Steine nieder, so wie es bei Juden Brauch ist. Leonid Segal und Propst Christoph Hackbeil sprachen den Aaronitischen Segen.

Nach der Gedenkfeier ging es für einige Besucher noch ins Schalom-Eck. Unter ihnen ist auch Klaus Polczyk.

Der 91-Jährige beantwortet bei einem Interview die Fragen der Schüler und spricht mit ihnen über seine Erlebnisse, damit die Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät.