Schönebeck l „Weiß jemand, ob es noch Angehörige dieser Frau in Schönebeck gibt? Das Haus steht ja nicht mehr. Würde den Angehörigen gern diesen Brief zukommen lassen.“ Diese Zeilen hatte die Schönebeckerin Angelika Musche am 7. Mai in die Facebook-Gruppe „Schönebeck-gestern, heut & in Zukunft“ geschrieben, dazu das Bild eines Briefkopfes gestellt. Auf diesem ist zu lesen: „Prisoner of War“, zu deutsch Kriegsgefangener, darunter die Adressatin Frieda Hildebrandt, Schönebeck/Elbe, Baderstraße 21. In der Hoffnung Angehörige zu finden, auch wenn die Häuser in der Baderstraße schon lange nicht mehr existieren, versuchte es die Schönebeckerin also über das soziale Netzwerk – und landete mit ihrer Suche schließlich einen Volltreffer.

Dieser Volltreffer endete Mitte Mai letztlich mit einem Treffen zwischen Angelika Musche aus Schönebeck und dem Elbenauer Jens Hildebrandt, der den selben Nachnamen trägt, wie die Adressatin des Briefes. Schließlich handelt es sich bei Frieda Hildebrandt um seine Großmutter väterlicherseits. Die Freude über den Brief war aber nicht nur bei Jens Hildebrandt groß. Auch sein Vater Günter Hildebrandt, der Sohn des Abendsenders Fritz Hildebrandt und dessen Frau Frieda, an die der Brief gerichtet war, war glücklich, den Brief des eigenen Vaters jetzt, im Alter von 84 Jahren, in den Händen halten zu dürfen und lesen zu können.

Alte Schreibschrift

Wobei das Lesen der feinen Handschrift der Zeilen, die Fritz Hildebrandt (Jahrgang 1910) in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs zu Papier gebracht hatte, gar nicht so leicht ist. Schließlich handelt es sich um eine alte Schreibschrift, die sogenannte Sütterlin-Schrift, die Fritz Hildebrandt gelernt hatte.

Bilder

Verfasst hatte Fritz Hildebrandt, der 1994 im Alter von 84 Jahren verstorben ist, den Brief am 4. März 1945, eine Zeit, in der sich der Soldat aus Schönebeck in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Frankreich befand. „Schlecht ging es meinem Großvater in dieser Zeit nicht“, berichtet Enkel Jens Hildebrandt von Erzählungen seines Großvaters. Da er Akkordeon spielen konnte, habe er die Menschen dort unterhalten, sei beliebt gewesen. „Spiel noch einmal, Fritz“, hätten die Leute damals des öfteren zu seinem Großvater gesagt, erzählt Jens Hildebrandt.

Das Akkordeon blieb auch nach der Kriegsgefangenschaft ein häufiger Begleiter von Fritz Hildebrandt. Zusammen mit seinem Sohn Günter (Jahrgang 1936), der Schlagzeug spielte, sei das Vater-Sohn-Duo als „Die Hildebrandts“ zu DDR-Zeiten oft bei Feiern aufgetreten. Manchmal sei auch Jens Hildebrandt als Kind mit dabei gewesen, habe das Schlagzeugspielen von Vater Günter gelernt „und bei manchem Fest mehr verdient, als mein Vater und Großvater zusammen“, erinnert sich der Elbenauer lachend.

Brief weckt Erinnerungen

Im Brief erkundigte sich Fritz Hildebrandt aus der Kriegsgefangenschaft, nach dem Wohlbefinden seiner „lieben Frau“ fragte: „Was macht der Junge und hilft er auch artig mit?“ Zeilen, die dem 84-jährigen Günter Hildebrandt als Sohn des Verfassers Tränen in die Augen treiben als er den Brief in seinem Sessel im Mai zusammen mit seinem Sohn Jens gelesen hat. Schließlich weckte der Brief viele Erinnerungen.

Dafür, dass das Treffen zwischen Angelika Musche und Jens Hildebrandt letztlich zustande gekommen war und der Brief jetzt wieder im Besitz der Angehörigen ist, hatte Jens Hildebrandts Freund Jörg Lustinetz gesorgt. Während die Freunde wie so oft zusammensaßen, gab es einen Hinweis aus der Verwandtschaft, sich in der Gruppe doch mal den Beitrag anzusehen. „Na klar, mein Geburtshaus, das ist Oma“, stellte Jens Hildebrandt dann schnell fest, als die Freunde sich den Beitrag gemeinsam angeschaut hatten.

Kumpel Jörg Lustinetz hatte sich dann bei Angelika Musche gemeldet und ihr berichtet, dass es sich bei der Adressatin um die Großmutter seines Kumpels handele. So kam es letztlich zu dem Treffen, bei dem Angelika Musche Jens Hildebrandt als Enkel von Absender und Adressatin den Brief bekam.

Gern hätte Jens Hildebrandt Finderin Angelika Musche etwas gutes für ihr Engagement getan. „Sie wiegelte ab“, berichtet der Elbenauer. Die Ausgaben beim Erwerb des Briefes seien nicht der Rede wert gewesen.

Doch wie war Angelika Musche überhaupt in den Besitz des Briefes, der nie an Jens Hildebrandts Großmutter übermittelt worden war, gekommen? Die Schönebeckerin sammle alte Ansichtskarten und Briefe aus Schönebeck, hatte diesen Brief – ohne Umschlag – bei einem Antiquitätenhändler aus Bielefeld erworben. Ohne Umschlag deshalb, weil es dem Händler nur um die sich auf den Umschlag befindlichen Briefmarken ging, wie Angelika Musche Jens Hildebrandt bei ihrem Treffen berichtetet. Ihr sei es aber wichtig, dass der persönliche Inhalt bei den Angehörigen von Verfasser und Adressatin lande, weshalb sie die Online-Suche gestartet hatte.

Den Kontakt zu Angelika Musche wolle Jens Hildebrandt aber halten. „Wenn mir mal alte Postkarten oder ähnliches aus Schönebeck in die Hände fällt, weiß ich, wem ich diese dann geben kann“, sagt der Elbenauer.