Barby l Die am 9. November 1918 beginnende Novemberrevolution erreichte am 11. November auch die Elbestadt Barby.

Die „Barbyer Zeitung“ meldete am 12. November 1918 unter der Schlagzeile „Der Arbeiter- und Soldatenrat in Barby“ den folgenden Bericht: „… Die neue Herrschaft des Arbeiter-und Soldatenrats hat in den letzten Tagen außerordentliche Fortschritte gemacht. Gestern Abend (10.11.1918, d. Red.) wurde ein Umzug, in dem zwei Fahnen getragen wurden, gehalten. Er endete am Markt, wo Herr Voigt eine Rede hielt. Zum Schluss derselben wurde die Rote Fahne am Rathaus gehisst. Heute Vormittag (11.11., d. Red.) zeigten die Straßen schon von früh an ein recht belebtes Bild. Besonders waren viele Frauen und Kinder zu sehen. Man spürte überall Morgenluft. Nach 8.00 Uhr kamen die Arbeiter aus den Fabriken, da der heutige Tag als Feiertag erklärt war. (…) Der Arbeiter- und Soldatenrat verhandelte mit dem Magistrat und dem Stadtverordnetenvorsteher. Sämtliche Forderungen wurden angenommen.

Nachdem der Vorsitzende des Soldatenrates das Resultat bekannt gegeben hatte, erfolgte der Umzug durch die Stadt. So weht nun auch in unserem Städtchen die rote Fahne.“

Bilder

Von 14 Barbyer Juden

Die „Reichspogromnacht“ am 9. November 1938 war alles andere als ein positives deutsches Datum: Wie der Historiker Prof. Dieter Engelmann in seiner Barbyer Chronik (2008) schreibt, richtete sich der Hass der Nationalsozialisten vor allem gegen die Drogerie Krebs in der Magdeburger Straße. Der „Arier“ Georg Krebs war mit der Jüdin Liesi Freudenberg verheiratet, wollte sich trotz öffentlichen Drucks auch nicht von ihr trennen.

Brutalität 1938

In der Nacht vom 10. zum 11. November 1938 gingen die Barbyer Nazis mit aller Brutalität gegen Krebs vor. „Kurz nach Mitternacht zertrümmerten und verwüsteten sie die Drogerie vollständig. Danach zogen sie zum Haus der Freudenbergs in der Breite 15, wo die Familie Krebs wohnte“, schreibt Engelmann. Das dortige Warenlager und die Wohnräume wurden ebenfalls zerstört. Georg Krebs wurde in Schutzhaft genommen, gegen 3 Uhr am anderen Morgen musste er die Scherben seiner eigenen Drogerie wegräumen und die Rollläden herunter lassen, damit die Bevölkerung das brutale Ausmaß der Zerstörung nicht sah.

Nach der Pogromnacht wurde auch der jüdische Friedhof im Winkel Magdeburger Tor/Bahnhofstraße von den Nationalsozialisten verwüstet, dann eingeebnet. Die Grabsteine zweckentfremdete man zur Befestigung des Ziegeleiweges.

Juden durften auf dem städtischen Gottesacker an der Schulzenstraße nicht beigesetzt werden. Ein Hinterbliebener bekam aus dem Rathaus folgende amtliche Antwort: „Der dreckige Jude kann seine Knochen auf den Misthaufen schmeißen.“

Von den 14 jüdischen Bürgern der Elbestadt sollten nur vier den Holocaust überleben.

Johanniskirche

Herbst 1989: Es war wie ein sich öffnendes Überdruckventil, als am 30. Oktober zum ersten „Gebet für unser Land“ in die Barbyer Johanniskirche eingeladen wurde. Diese Veranstaltungen im Freiraum Kirche fanden montags um 19 Uhr parallel und symbolisch zu den Leipziger Montagsdemos statt. Sie bestanden aus einer Mischung von kirchlicher Liturgie, Livemusik und Diskussionen. Die Menschen konnten endlich frei von der Leber weg berichten, wo sie der Schuh drückte.

Die Kirchenband begleitete die Montagabende musikalisch. Schon beim Aufbauen der Tontechnik, eine Stunde zuvor, war die altehrwürdige Johanniskirche überfüllt. Man wollte dabei sein, wenn zum ersten Mal seit Jahrzehnten über gesellschaftliche Probleme und Missstände offen geredet wurde. Es hatte sich auch bei jenen herumgesprochen, die sonst nicht in die Kirche gingen.

800 Menschen im Gotteshaus

Zur festgesetzten Zeit waren etwa 800 Menschen gekommen, doppelt so viele, wie die Kirche Sitzplätze hat. Es wurde so eng, dass die Band nicht mehr einen exponierten Platz vor dem Altar hatte, sondern plötzlich mitten in der Menge spielte. Allein schon durch die große Menschenmasse lag Spannung in der Luft. Wie würde sich die Veranstaltung entwickeln, würden die Menschen friedlich bleiben, nach so vielen Jahren angestauter Frustration? Schließlich konnte man davon ausgehen, dass Stasi-Leute in der Menge waren. Offizielle Vertreter der Stadt, wie der Bürgermeister, die Verantwortlichen für Soziales oder der Volkskammerabgeordnete waren „leibhaftige Personen“, mit denen man offen streiten konnte, mit den IMs nicht.

Superintendent Ernst Neugebauer beherrschte den Verlauf der Abende souverän. Er griff immer dann ein, wenn die Diskussionen unter die Gürtellinie gingen oder zu sehr ins persönliche abglitten. Beispiele des angestauten Volkszornes gab es genug.

Der 9. November 1989 war ein Donnerstag. Am darauf folgenden Montag, dem 13., kamen sehr viel weniger Menschen in die Johanniskirche. Die Grenze war offen …