Groß Rosenburg l Das gibt es auch nicht oft, dass die Postfrau eine Sendung vom Bundespräsidenten zustellt. Im Ortsteil Klein Rosenburg hatte sie nun die Ehre, einen Brief mit fein geprägtem Bundesadler in der Bergstraße 5 abzugeben. „Zu meiner Freude hörte ich, dass Sie am 24. September Ihren 70. Hochzeitstags zusammen feiern können“, schrieb Frank-Walter Steinmeier und unterzeichnete schwungvoll mit blauer Tinte.

Ortsbürgermeister gratuliert

Elisabeth und Rolf Placke ist in der Tat die Gnade beschieden, dieses seltene Ehejubiläum bei großer geistiger Frische und altersgerechter Gesundheit zu feiern. Zwar war Rolf wegen der Hüfte kurz zuvor noch im Krankenhaus gewesen. Vom bequemen Sessel aus verfolgte er gestern vergnügt das Treiben in der „guten Stube“, wo sich die Familie versammelt hatte, Ortsbürgermeister Michael Pietschker und andere Gäste zum Gratulieren kamen.

Elisabeth Placke kam als Heimatvertriebene im Sommer 1945 vom Sudetenland nach Rosenburg. Man hört ihr den Dialekt der alten Heimat bis heute an. „Wir haben gedacht, dass wir 1945 nur eine Zeitlang zum Arbeiten in das neue Deutschland mussten“, erinnert sich die 91-Jährige. Mit ihrer Schwester war sie mit dem Viehwaggon im Elbe-Saale-Winkel angekommen. Doch die Realität holte die beiden jungen Frauen bald ein: Sie durften nicht zurück in das Sudetenland. Beide kamen bei freundlichen Leuten unter, wo Liesbeth, geborene Knirsch, dank einer zur Verfügung gestellten Nähmaschine ihrer Schneider-Arbeit nachgehen konnte.

Ein Jahr später hatte sie sich im Gegensatz zu den älteren Heimatvertriebenen und Umsiedlern mit ihrem Schicksal abgefunden. „Wir gingen in den Rosenburger Hof zum Kino“, lächelt sie. Dort kam, was kommen musste (oder konnte): Sie verguckte sich in einen schmucken jungen Mann, der gerade aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft aus Österreich nach Hause gekommen war. Das war Rolf Placke, dessen Eltern am Rand der Rosenburg in der Bergstraße ein kleines Haus besaßen. Dort wurde drei Jahre später geheiratet. Die Plackes gaben ein schönes Brautpaar ab, als der Fotograf aus den Auslöser drückte. Überhaupt beeindruckt die Festgesellschaft durch ihr elegantes Äußeres. Viele Kleidungsstücke aus „Friedenszeiten“ hingen ja noch im Schrank.

Doch die Versorgungslage war für eine Hochzeitsfeier nicht gerade prickelnd. Gott sei Dank hatten Liesbeths Schwiegereltern einen Garten und Kaninchen im Stall. Freilich waren Wein und Schnaps ziemlich teuer. „Ich kann mich aber nicht daran erinnern, das zu wenig da war“, lächelt die 91-Jährige. Viele Gäste hätten „was mitgebracht“. Nicht wenige Flaschen stammten aus den Lagern der Rosenburgruine, wo sich die Bevölkerung zu Kriegsende mit Textilien und anderen brauchbaren Dingen „versorgte“. Ansonsten wurden Ähren gestoppelt und in der Sachsendorfer Mühle gegen Mehl abgegeben. Beim Stoppeln habe der Feldhüter aber wie ein Luchs aufgepasst, dass die Leute nicht in das noch nicht abgeerntete Feld griffen.

Rolf Placke arbeitete erst auf Montage, dann im Magdeburger Karl-Liebknecht-Werk. Mit dem Busunternehmen Reichert fuhren die Arbeiter bis zum Sachsendorfer Bahnhof, von wo aus es mit dem Zug bis Magdeburg weiter ging. „Ich bin jahrzehntelang jeden Morgen um halb Vier aufgestanden“, weiß der 93-Jährige noch. Mobilität ist also keine Erfindung der heutigen Zeit.

Heute macht Elisabeth die Gartenarbeit noch selbst. Angebaut werden Erdbeeren, Spinat oder Kartoffeln. „Ist ja nun egal, ob man das Gras im Garten mäht oder die Reihen hackt“, ist die Philosophie der beiden. Ihr Fazit: Gartenarbeit hält fit und die Ernte ist unbelastet.

Elisabeth und Rolf Placke haben zwei Kinder, drei Enkel und drei Urenkel.