Volksstimme: Sie sind Pfarrer im Ruhestand. Wohl eher im Unruhestand, wenn Sie mit Ihren 78 Jahren am Heiligabend noch einen Gottesdienst in Plötzky abgehalten haben. Warum lehnen Sie sich nicht zurück und gehen zu einem Gottesdienst, anstatt selbst einen zu bestreiten?
Rüdiger Meussling: Weil ich sehr gerne predige und diese wunderbare Kirche und auch die Menschen mir ans Herz gewachsen sind. Für mich ist der Beruf des Pastors der schönste, den es gibt. So predige ich auch mit beinahe 79 Jahren noch gern. Mein Nachfolger hat so viele Gemeinden, dass ich ihm gern helfe.

Wie schon erwähnt, es war Ihr 55. Heiligabend-Gottesdienst... Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten?
Mein erster Heiligabend-Gottesdienst war 1963 in der Altmark in den Gemeinden Baben, Beelitz und Lindtorf. Aufgeregt war ich sehr, habe mich intensiv vorbereitet – und dann ging es los. Ich nahm damals als jüngster Pastor in der Kirchenprovinz (meine Ausbildung hatte ich in der Predigerschule Erfurt, dann Wittenberg) mein altes Fahrrad und fuhr durch den Schnee fünf Kilometer nach Beelitz. Der Ort mit 110 Einwohnern war wohl bald vollständig in der Kirche versammelt. Danach fuhr ich nach Lindtorf. Als ich ankam, war die wunderbar geschmückte Kirche auch voll besetzt. Der alte Sägespäneofen hatte einen warmen Dienst vorbereitet. Nun musste ich mich nach der Verabschiedung der Gemeinde sputen. Beim Glockengeläut kam ich in Baben an. Talar übergezogen und los ging es. Meine Frau hatte ein Krippenspiel mit vielen Kindern vorbereitet. Sie als Pfarrerstochter, ihr Vater war Pfarrer Herbert Steiger aus Gebesee, hat mir in den vielen Jahren unermüdlich und liebevoll zur Seite gestanden.

Wann standen Sie - in der Zeit, seit der Sie Pfarrer sind - mal nicht vor der Gemeinde an Heiligabend?
Heiligabend habe ich immer Dienst getan. Oft hatte ich vier Christfestgottesdienste. Begonnen habe ich hier in Ranies. Wir hatten immer eine volle Kirche, anschließend auch in Pretzien mit den vielen Urlaubern und Gästen aus Magdeburg, aber auch mit vielen Pretzienern in dieser wunderbaren Weihnachtskirche. In Plötzky, umgeben von vielen Krippenspielkindern, war die Situation völlig anders. Um dann nach Nedlitz zu kommen, stand ich immer an der Gommeraner Bahnschranke. Eine Verschnaufpause. Es war auch dort, wie überall, eine gute Gemeinschaft. Aber jeder Gottesdienst lief anders und jeder bedurfte einer eigenen Vorbereitung.

 

Würde Ihnen etwas fehlen, wenn sie keinen Gottesdienst abhalten würden?
Ja, sehr. Die Begegnung und die Gemeinschaft mit den Menschen. Ihre Fröhlichkeit und die Verkündigung der frohen Botschaft von der Geburt des Kindes Jesus.

Was ist es, was Sie Menschen an Heiligabend - neben der Weihnachtsbotschaft - mit auf dem Weg geben?
Dass Sie miteinander leben, sich in der Familie, mit Nachbarn, im Dorf freundlich begegnen. Und dass sie die frohe Botschaft von der Geburt unseres Herrn, der für uns starb und auferstanden ist, annehmen.

Ich nehme an, ans Aufhören denken Sie noch lange nicht...
Das hängt von unserer beider Gesundheit ab. Wenn es uns so gut geht wie jetzt, werden wir weiter am Heiligen Abend verkündigen, wenn wir gebraucht werden. Aber dazu müssen unsere Gedanken beieinander bleiben.

Und ganz privat gefragt: Wie sieht ein „typischer" Heiligabend im Hause Meussling aus?
In den vergangenen Jahren bei vier Gottesdiensten und den vielen Gottesdiensten an den Folgetagen war es schwierig. Unsere Kinder sind da oft zu kurz gekommen. Sie fragten dann: Wann ist denn nun endlich Bescherung? Aber das geht ja auch heute vielen meiner Amtsbrüder so. Heute ist es ganz gelassen. Wir fahren zu unserem Sohn nach Pretzien und lassen den Tag in Fröhlichkeit in der Familie ausklingen.