Schönebeck l Die klassizistische Fassade soll wieder so werden, wie sie einst war. Eine Herausforderung, die Dieter Löwigt gern annimmt. Der Schönebecker ist seit 51 Jahren Maler. „Ich habe sehr viele alte Techniken gelernt und nach ihnen gearbeitet“, erzählt der 67-Jährige. Der Malermeister gibt heute noch Unterricht an der Handwerkskammer. „Ich versuche auch, jungen Meistern diese althergebrachten Fertigkeiten nahe zu bringen“, sagt er.

Somit ist Dieter Löwigt am noch leerstehenden Haus, gebaut um 1880, voll in seinem Element. Er achtet darauf, dass die Schriften, die einst das Gebäude an der Republikstraße verzierten, nach der alten Technik wieder zum Hingucker werden. So stand oberhalb der Tür „Polster Tapezier & Dekorations-Geschäft (mit eigener Werkstatt)“ – und nun wieder. Dieter Löwigt hat sogenannte Pausen angefertigt, um die alte Schrift mit Hilfe von Pergamentpapier und Zeichenkohle „durchzupausen“. Beim Nachzeichnen der Buchstaben bleibt ein Kohleabdruck auf der Wand und kann mit Farbe nachgezeichnet werden. „Es kommt nicht darauf an, dass alles 100-prozentig akkurat ist. Früher war ja auch nicht alles perfekt. Handarbeit eben“, erklärt der Malermeister.

Buchstaben noch zu erahnen

Eine alte Technik will er demnächst auch am Hauseingang anwenden. Der Schriftzug dort ist einst in der Freskotechnik aufgebracht worden: Die Wörter sind in den noch feuchten Putz gemalt worden, erläutert Dieter Löwigt. „Ernst Wullstein Maler & Tapezierer“ sowie „Polsterer & Tapezierer“. Von den Buchstaben sind noch einige zu erahnen.

Bilder

Damit die Schrift wieder und dann lange lesbar ist, will er mit etwas Besonderem arbeiten: Urin. „Die Harnsäure verbindet sich mit dem Kalk und wird zu einer Art Kieselsäure – das hält Jahrhunderte“, erzählt er. Und woher kommt der Urin? „Das ist meiner“, sagt er schmunzelnd. „Deshalb haben die Maler früher viel Bier getrunken, das gehörte täglich dazu. Sie brauchten ihren Urin ja für die Arbeit. Die Mixtur aus Wasser, Farbpigmenten und Urin auf Kalk ist eigentlich unlösbar.“

Übrigens wird die Kassette ganz rechts an der Fassade noch mit einem Pfeil nach oben versehen werden, sagt der 67-Jährige. „Das ist ein Brandschutzzeichen aus dem Zweiten Weltkrieg und bedeutet, dass der Dachstuhl feuergeschützt, also sicher, ist.“

Was soll er auch Zuhause?

Thomas Kohl ist glücklich, dass er Dieter Löwigt – „Ich bin ja Rentner, aber was soll ich Zuhause?“ – gewinnen konnte. Seine Frau und er lieben alte Häuser. Sie fasziniert es, Schmuckstücke von einst wieder in ihren Originalzustand zu versetzen. Nun gut, fast. Von außen – bis auf die Dachfenster – soll alles wieder so werden, wie es ursprünglich war. Die sechs Wohnungen hingegen sollen hochwertig und modern werden. Unter anderem mit einer Dachterrasse mit Blick zur Elbe. Dafür nehmen die Pretziener eine gute halbe Million Euro in die Hand, um das Haus, das seit der Wende leer stand, wieder herzurichten. Und sie müssen geduldig sein. „Wir haben vor anderthalb Jahren mit dem Bauen begonnen. Die Preise haben enorm angezogen. Wir finden keine Fachhandwerker, warten seit einem halben Jahr auf den Fußbodenleger“, sagt der Unternehmer etwas verdrossen. Die Wohnungen seien eigentlich alle schon ab Januar vergeben gewesen. Nun müssen die zukünftigen Mieter noch etwas warten.