Schönebeck l „Die Volksstimme ist schneller als die Polizei“, sagt Ingo Schladitz und versucht zu schmunzeln. Doch das will ihm heute nicht mehr so recht gelingen. Denn vor gut einer halben Stunde, um 11.48 Uhr, hat er die drei Ziffern in sein Telefon eingegeben, die Menschen in der Regel nur in großer Not wählen, wenn sie dringend Hilfe benötigen: 110.

Für Ingo Schladitz war es ein solcher Notfall. Denn er wurde attackiert, seine Mitarbeiter und Kunden belästigt. Ein „völlig betrunkener“ Mann sei auf das Gelände seiner Autowerkstatt gekommen und habe dort zunächst Kollegen angepöbelt. „Mit ihm war nicht mehr zu sprechen, er ist handgreiflich geworden“, sagt Ingo Schladitz und beschreibt, wie der Mann ihm an seinem T-Shirt gezogen hat. „Der Mann ist kaum auf unsere Worte eingegangen und obwohl wir viele Menschen waren, ließ er sich nicht einschüchtern“, bestätigt der Prüfingenieur Guido Bromann, der zu dem Zeitpunkt in der Werkstatt tätig ist.

Als der Betrunkene die Werkstatt selbst betreten habe, habe Bromann es mit der Angst zu tun bekommen, beschreibt er weiter und ergänzt: „Man weiß ja nie, ob der Mann ein Messer oder eine andere Waffe bei sich trägt.“ Auch Schladitz sagt: „Es waren zwar viele Zeugen vor Ort, doch wenn er bewaffnet gewesen wäre, hätte es ein anderes Ende nehmen können.“ Und zum Zeitpunkt des Notrufes sei er schließlich vom Schlimmsten ausgegangen.

Bereits bekannter "Gast"

Für Ingo Schladitz handelt es sich bei dem Mann um einen bereits bekannten „Gast“ auf seinem Gelände. „Letztes Mal, als er hier war, hat er ein Fenster kaputtgeschlagen“, sagt er. Auch der Polizei ist er bekannt. „Es handelt sich um einen 33-jährigen Asylbewerber aus Eritrea“, sagt Frank Küssner, Pressesprecher von der Polizeidirektion Magdeburg Nord, in einem späteren Telefonat.

Es ist mittlerweile 12.30 Uhr. Der Mann befindet sich jetzt auf dem Gelände der benachbarten Tankstelle, an der Gulaschkanone. Schladitz läuft herüber und filmt währenddessen das Geschehen. Der Mann reißt sich die Klamotten vom Leib und attackiert jetzt den Gulasch-Verkäufer Ronald Dittrich mit einem Zollstock. Polizisten, die jetzt nötig wären, sind weit und breit nicht in Sicht.

Die betroffenen Männer und die Zeugen sind mittlerweile stark verunsichert. Ronald Dittrich zittert noch, als die Volksstimme und Ingo Schladitz mit ihm sprechen. Auch der Gulasch-Verkäufer kennt den 33-jährigen Täter bereits. „Er läuft hier öfters betrunken rum, dieses Mal war ich zum ersten Mal richtig beunruhigt, weil er so aggressiv war“, beschreibt er.

Junge Frau belästigt

Auch dem Tankstellenmitarbeiter Phillip Richter sagt der Mann etwas. Denn am Donnerstagabend habe dieser seine Kollegin Nancy Schamberg belästigt. Sie beschreibt später am Telefon den Vorfall. „Gegen 21.30 Uhr lauerte der Mann mir auf, beobachtete mich durchs Fenster“, sagt sie. Dann sei er – wie heute auch – extrem stark angetrunken in die Tankstelle getorkelt und habe Videoaufnahmen von ihr mit seinem Smartphone gemacht, habe sich ihr angenähert.

Auf jegliche Aufforderungen von ihr, zu verschwinden, habe er nicht reagiert. Sie glaubt noch nicht einmal wegen schlechter Deutschkenntnisse, sondern einfach, weil er die Aufrufe nicht wahrhaben wollte. Auch Nancy Schamberg habe den Notruf gewählt, hier seien die Beamten innerhalb von etwa 20 Minuten vor Ort gewesen.

Polizei ist Verspätung unangenehm

An diesem Tag brauchen die Polizisten sage und schreibe eine Stunde, bis sie eintreffen. Den Beamten ist die Verspätung sichtlich unangenehm, sie seien gerade in Zuchau bei einem anderen Einsatz gewesen, entschuldigen sie sich.

Aufgrund der Einsatzlage wäre es leider für die Polizei nicht möglich gewesen, schneller zum Einsatzort zu kommen, sagt Küssner. „Bei jedem Notruf wird eingeschätzt, wie akut und bedrohlich die Sachlage ist“, sagt er. Wenn es um Leib und Leben gehe, würden selbstverständlich auch Beamte aus anderen Gebieten eingesetzt. Warum das in der Magdeburger Straße in Schönebeck heute nicht der Fall gewesen wäre, das könne er zu diesem Zeitpunkt noch nicht beantworten.

Die nach einer Stunde eingetroffenen Beamten haben Anzeigen wegen Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung (Bei Ingo Schladitz wurde gestern ein Fensterbrett beschädigt) und Körperverletzung aufgenommen. Den Täter konnten sie jedoch nicht mehr auffinden, dieser war bereits weitergezogen.

"Das kann doch nicht sein"

Ingo Schladitz ist aufgebracht. „Es kann doch nicht sein, dass der Mann sich so verhalten kann, während wir eine Stunde auf die Hilfe der Polizei warten“, sagt er. Und fügt hinzu: „Wozu zahle ich hier eigentlich noch Steuern?“ Auch Guido Bromann sagt: „Meine Kinder würde ich hier derzeit nicht mehr alleine rumlaufen lassen.“ Und wohl am meisten Angst hat aktuell Nancy Bromann. Denn sie hat wieder Spätschicht.