Schönebeck l Am 15. September 1937 erblickte der Schönebecker in der Schillerstraße das Licht der Welt. Damals waren Hausgeburten noch üblich. Schon als Kind hat er gern und viel gemalt, etwa kleine Bilderbücher zu Ostern, mit vielen Hasen… Die sind sogar noch erhalten. Als die Berufswahl anstand, entschied sich Hochgräfe für etwas Handfestes. Er wurde Maschinenschlosser, später Spitzendreher, arbeitete viele Jahre im hiesigen Dieselmotorenwerk. Mitte der 1960er Jahre gesellte er sich zu einem Arbeitskreis bildender Künstler, ließ sich in Magdeburg schließlich selbst zum Zirkelleiter für Malerei und Grafik weiterbilden. Vier Jahre lang, was mit Aufnahme- und Abschlussprüfung verbunden war. Dann folgten zwei Jahrzehnte, in denen er als Leiter Erwachsene, aber auch Kinder an die Malerei heranführte. Gute Jahre. Selbstverständlich war er auch selbst kreativ, malte mit Öl, Pastell und Aquarell. Die Leuchtkraft seiner Bilder, die teilweise 60 Jahre alt sind, fällt auf. „Das Geheimnis ist die Grundierung“, verrät Hochgräfe. Was er suchte, fand er immer in der Natur. Sie sei, so sagt er, seine große Lehrmeisterin gewesen. Vorbilder waren und sind für ihn etwa Ernst Barlach und August Renoir.

„Mein Mann stand oft mit seiner Staffelei bei Wind und Wetter draußen. Es hat gestürmt. Das hat ihn nicht gestört. Wenn er mal keine Arbeit hatte, hat er sich welche gesucht“, erzählt seine bessere Hälfte, Christa Hochgräfe. Sie selbst hätte zwar gar kein Maltalent, habe ihrem Mann aber zuweilen Verbesserungsvorschläge gemacht. Freilich erst, als die Bilder schon fertig waren. Herbert Walter Hochgräfe spricht voller Respekt von seiner Ehefrau. „Sie hat mir immer sehr geholfen. Ohne sie wäre vieles nicht möglich gewesen. Das müssen Sie erwähnen.“ Entsprechend antwortet er auf die Frage, was er sich von einer Fee wünschen würde, käme sie denn zur Tür herein: „Eine Fee habe ich bei mir zu Hause.“ Am 28. August feierten die beiden ihren 58. Hochzeitstag. Den 60. wollen sie auf jeden Fall noch erleben. Das Ehepaar hat einen Sohn und zwei Enkel. Und ja: Da ist, neben einigem gefiederten Getier, auch noch eine Schildkröte in der Wohnung der Hochgräfes. 55 Jahre ist die Gute schon alt. „Sie läuft uns hinterher wie ein Hund. Sie kann sogar die Türen aufstubsen“, versichert Christa Hochgräfe. Ihr Ehemann vermutet: „Die überlebt uns.“

Schaffensdruck

Im Jahr 1957 wagte Herbert Walter Hochgräfe den mutigen Schritt in die Selbständigkeit, er wurde freischaffend. Das erklärt auch, warum es so viele Bilder von ihm gibt: „Wir mussten ja davon leben“, verdeutlicht er den Schaffensdruck, der bestanden hat. Er malte nicht nur auf Leinwand, sondern gestaltete auch Gläser, fertigte für Vereine Schmuckteller und Logos. Sein größter Auftrag war ein Wandgemälde für einen Privatmann. Außerdem arbeitete sich Hochgräfe an Gesteinsblöcken ab, schuf also Skulpturen. Als Material verwendete er auch Bronze und Ton sowie Speckstein. Auf dem Gelände des Schönebecker Burghofes steht übrigens ein figürliches Werk von ihm: die Lesende. Mehrere Auszeichnungen aus jener Zeit dokumentieren seinen künstlerischen Erfolg.

Die Wende 1990 war für den Maler, wie auch für viele andere Kunstschaffende aus der ehemaligen DDR, ein schwieriger Umbruch. Es ging irgendwie weiter, aber anders, auch mühsamer als zuvor. Der heute 80-Jährige ging auf Märkte, zeichnete Portraits. Viele. Hunderte. Ausstellungen hatte er unter anderem in Heiligendamm, Magdeburg, Vogelsang und natürlich in seiner Heimatstadt. Die bislang letzte Exposition ist 2012 in der Reha-Klinik in Bad Salzelmen ausgerichtet worden. Seit einer Operation 2014 ist es für Herbert Walter Hochgräfe nicht mehr möglich, schöpferisch tätig zu sein. Manchmal sitzt er in seinem Atelier und denkt an frühere Tage. Ja, das stimme schon ein wenig melancholisch, gesteht er. Und lächelt.

Viel gemalt

Eines seiner Bilder erinnert vom Motiv her an Vincent van Gogh. „Tja“, sinniert der Schönebecker, „ich habe wirklich viel gemalt. Aber berühmt bin ich nicht geworden.“ Warum eigentlich nicht? Das, meint er, habe viel damit zu tun, wie jemand vermarktet, aber auch wie jemand von Gönnern unterstützt wird. Sein Atelier erstreckt sich über drei Etagen. „Das ist hier wie ein Turm“, beschreibt es Hochgräfe. „Ich bin der Maler vom Turm. Klingt doch gut.“