Barby l Es ist wie bei den Menschen: Die Kleinsten wollen sich durchsetzen und machen deswegen auf dicke Hose. Deswegen ist Willi der Chef. Gemeint ist ein Cesky Terrier, der nicht viel größer als ein Dackel ist, sich aber wie ein Riesenschnauzer fühlt. Weil der Cesky mal gezüchtet wurde, um Kaninchen, Fuchs & Co. aus dem Bau zu jagen und es auf dem Elbwerder keine dieser Erdhöhlen gibt, verschiebt der kleine Schnauzbart seine Talente auf andere Gebiete.

Der anhängliche Cesky Terrier erweist sich als treuer Gefährte, gibt aber bei seinen Artgenossen im „Elbwerderrudel“ den Ton an. „Wenn der den Schwanz wie ein Skorpion aufstellt, wissen die anderen Hunde was Sache ist“, lächelt Herrchen Eckhard Jacob.

Seit etwa acht Jahren trifft sich ein gutes Dutzend Barbyer an den Wochenenden auf dem Elbwerder. Was als lose Spaziergängergemeinschaft begann, ist heute fast zum Ritual geworden. „Wir treffen uns immer sonnabends und sonntags zur selben Zeit“, erzählt Eckhard Jacob, der mit Ehefrau Katrin zu den Begründern der Runde zählt. Wobei nicht nur die mehr oder weniger alten Vierbeiner im Vordergrund stehen, sondern auch das aktuelle Geschehen im Elbestädtchen.

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Soziales Miteinander durch Hunde

Wo die offiziellen kommunalen Informationen enden, beginnt - wie so oft - das Wissen der Bürger. „Wir werten dann die Woche aus, wobei auch die Volksstimme-Artikel helfen“, lächelt Alfred Gutkäse, der ebenfalls Elbwerder-Oldie ist. Damit sind die Spaziergänger stets auf dem neuesten Stand, was das soziale Miteinander der Menschen fördert.

Und das der Hunde auch. Denn die vertragen sich blendend. Wobei Neulinge allerdings erst beschnuppert werden, bevor man sie in den Kreis aufnimmt. (Von den Hunden, nicht von den Menschen ...) So zum Beispiel der bildhübsche Cocker Spaniel Berry, der ein Westimport ist und seine Geschichte hat. Wie Eckhard Jacob erzählt, war sein Herrchen Hundeausbilder bei der Polizei in Frankfurt (Main). Und weil Vierbeiner im Staatsdienst andere Aufgaben als hübsche Familienhunde haben, kollidierte die Situation, als der hessische Hundebeamte seinen Dienstkollegen im Zuge seiner Pensionierung mit nach Hause brachte.

Der Schäferhund gab gewohnheitsmäßig und von Staats wegen den Ton an, was dem sanften Beauty-Berry nun gar nicht behagte. „Die Familie musste sich schweren Herzens von dem Spaniel trennen. Wir haben ihn gekauft“, erzählt Eckhard Jacob. Nun wohnt Berry im Birkenweg und guckt die Leute an, dass die Bordsteine weich werden. Soll heißen: Er baut wirkungsvoll eine Verbindung zum Menschen auf.

Hormone zur Bindung

Wie der Fachmann weiß, ist für diese besondere emotionale Bindung zwischen Mensch und Hund offenbar dasselbe Hormon zuständig, das auch für die Mutter-Kind-Bindung bei Menschen ausschlaggebend ist: Oxytocin. In einer Studie haben japanische Wissenschaftler Kontakte zwischen Hunden und ihren Besitzern beobachtet und sowohl vor als auch nach den Streicheleinheiten Urinproben von Hund und Herrchen genommen.

Ergebnis: Sowohl beim Menschen als auch beim Haustier war nach einer halben Stunde Interaktion (gegenseitiges Ansehen, Sprechen, Tätscheln) viel mehr Oxytocin im Körper als davor. Die Blicke wurden länger, ihre Wirkung stärker. (Vielleicht sollte man den Spaniel über den Tresen gucken lassen, wenn man einen Termin beim Augenarzt braucht ...)

Hunde haben heutzutage in der Regel keine Jobs mehr, sie leben als Sozialpartner in der Familie. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass Hundehalter mit anderen Gassigehern sofort ins Gespräch kommen, was sonst nicht der Fall wäre.

Die Barbyer Elbwerder-Runde beweist es. Die Damen und Herren haben seit vergangenem Herbst sogar einen eigenen Baum. Keinen Stammbaum, aber einen Obstbaum. Der heißt Prinz Albrecht von Preußen und wurde im Zuge der zweiten Aktion des Heimatvereins im November 2019 gepflanzt.

Prinz Albrecht ...? Tickt der Hundclan vielleicht etwas monarchistisch?

„Nein, nein“, lacht Alfred Gutkäse, dem sein West Highland Terrier Teddy um die Beine streicht. „Das war Zufall. Der Baum hätte auch ein Klarapfel oder Coxer sein können.“