Bernburg l Es sind Zahlen ohne Gesicht. Zahlen ohne Geschichte. Jeden Tag veröffentlich das Robert-Koch-Institut für Deutschland und die Gesundheitsämter der Landkreise für ihren jeweiligen Beritt die aktuellen Zahlen von Menschen, die sich neu mit dem Coronavirus infiziert haben.

Hinter jeder dieser Infektionszahlen verbirgt sich aber auch im Salzlandkreis ein Patient, ein Schicksal. Eines dieser Schicksale gehört Gerd Klinz aus Bernburg. Seinen Namen und sein Gesicht kennen in Bernburg und auch über die Grenzen der Kreisstadt hinaus viele. Denn der 62-Jährige sitzt nicht nur im Stadtrat Bernburgs, sondern ist zudem Geschäftsführer des Sanitätshaus Klinz mit Hauptsitz in Bernburg und insgesamt zehn Filialen unter anderem in Schönebeck, Magdeburg und Aschersleben.

Auch beruflich in Kliniken unterwegs

Gerd Klinz ist ein Mann, der deshalb allein aus beruflichen Gründen des Öfteren in den Krankenhäusern der Region unterwegs ist. Von zwei schweren Erkrankungen, darunter eine Lungenembolie vor zehn Jahren mal abgesehen. Sein Besuch des Ameos-Klinikums Bernburg, der Ende März, genauer gesagt am 26. März 2020, startete, hatte sich Gerd Klinz allerdings nicht freiwillig ausgesucht. Der 62-Jährige hatte sich mit dem Coronavirus infiziert, landete schließlich im Krankenhaus. Und das konnte er über mehrere Wochen nicht verlassen. Denn er wurde ins Koma versetzt.

Wo er sich infiziert hat? „Ich weiß es nicht“, sagt Gerd Klinz im Gespräch mit der Volksstimme, dem auch Dr. Stefan Probst, Facharzt für Anästhesiologie, Anästhesiologische Intensivmedizin und Notfallmedizin und Chefarzt der Intensivstation des Ameos Klinikums Bernburg beiwohnt.

Vier Wochen im Koma

Schließlich kann er sich an das, was in den genau vier Wochen, in denen er im Koma auf der Intensivstation des Bernburger Klinikums lag, nicht erinnern, weiß von den Erzählungen der Ärzte und des Pflegepersonals und aus seiner Krankenakte, die der Bernburger mittlerweile gelesen hat, was das Virus mit seinem Körper gemacht hat.

Alles begann mit leichtem Fieber, kein Problem für den 62-Jährigen, der schon ganz andere gesundheitliche Probleme durchgestanden hat. „Ich habe nicht mal ansatzweise an Corona gedacht“, berichtet Gerd Klinz. Zu einer Tagung in Köln, zu der er eigentlich hätte fahren wollen, hat er aber dennoch lieber einen Mitarbeiter geschickt. Obwohl er sich geschont habe, besserte sich sein Gesundheitszustand nicht. „Vier Mal habe ich mir in einer Nacht den Schlafanzug wechseln müssen“, erinnert sich der 62-Jährige – bevor sein Erinnerungsvermögen wenig später aussetzt.

Von Sohn in Klinik gefahren

Was er noch weiß: „Ich habe dann meinen Angelfreund Frank Odemar angerufen.“ Frank Odemar ist Ärztlicher Direktor des Ameos Klinikum in Bernburg, ein Freund der Familie. Der habe Gerd Klinz dann gesagt, er solle eine Tasche packen und in die Klinik kommen. Gesagt, getan. Sein Sohn hat Gerd Klinz dann in das Krankenhaus gebracht. Das letzte, an was sich der 62-Jährige noch erinnert.

Behandelt wurde Gerd Klinz zunächst von Dr. Mihai Vasilas. Der Funktionsoberarzt habe dem 62-Jährigen zunächst eine Sauerstoffmaske aufgesetzt, denn Gerd Klinz habe immer schlechter Luft bekommen. Es folgte eine Trachealkanüle mittels Luftröhrenschnitt zur künstlichen Beatmung, berichtet Intensivstationschefarzt Dr. Stefan Probst. Es folgen vier Wochen künstliches Koma inklusive Nierenversagen und der „vollen Palette des Intensivkrankheitsbildes“, wie Dr. Stefan Probst sagt.

Muskelmasse im Koma verloren

17 Kilogramm Muskelmasse hat Gerd Klinz in den 28 Tagen verloren. Als er aufgewacht ist, habe sein Freund Frank Odemar an seinem Bett gesessen und gesagt: „Wir fahren wieder Angeln.“ Dieser Satz ist dem 62-Jährigen tief in Erinnerung geblieben, obwohl er ja gar nicht so richtig wusste, was überhaupt los war. Doch das allen irgendwie ein Stein vom Herzen gefallen sei, als er aufgewacht ist, habe er deutlich gespürt.

Mit 17 Kilogramm Muskelmasse weniger habe sich der 62-Jährige zunächst nicht allein versorgen können. Das haben die Pflegekräfte der Station für ihn übernommen – auch während des Komas. „Ich hatte nie das Gefühl, hilflos zu sein und bin dem Personal unendlich dankbar, dass sie ihre eigene Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben, um mir, einem hochinfektiösen Patienten, zu helfen“, sagt Gerd Klinz noch immer sichtlich gerührt. Mittlerweile geht es dem 62-Jährigen wieder besser. Nachdem er bereits in der Bernburger Klinik Physio- und Ergotherapie bekommen hat, um wieder auf die Beine zu kommen, war er zudem drei Wochen in einer Magdeburger Reha-Klinik. „Es wurde jeden Tag ein bisschen besser“, berichtet Gerd Klinz.

Neurologische Ausfälle

Doch ganz folgenlos ist die Infektion mit dem Coronavirus für Gerd Klinz nicht geblieben. Aktuell hat der 62-Jährige noch mit neurologischen Ausfällen seines rechten Fußes und des linken Oberschenkels zu kämpfen, ist aber froh, dass keine inneren Organe Schaden genommen haben. „Der Kopf funktioniert wieder und der Körper kommt auch wieder“, sagt er.

Was den Bernburger, der als erster Corona-Patient im Salzlandkreis klinisch behandelt werden musste, aber noch heute bedrückt, ist das Leid und die Ungewissheit, die er Verwandten und Freunden beschert hat. Was ihn bewegt: Der risikoreiche Einsatz des Klinikpersonals und die in Worten und Gesten geäußerte Betroffenheit seines Umfeldes. „Ich glaube nicht, dass ich irgendwo anders besser behandelt worden wäre“, ist Gerd Klinz überzeugt.

Mehr Hygiene auch nach Corona

In Bernburg hat das Coronavirus mit Gerd Klinz ein Gesicht bekommen. Ein Gesicht, dass der Meinung ist, das man grundsätzlich über verschärfte Hygienemaßnahmen zum Wohle der Gesundheit aller nachdenken sollte – auch nach Corona.