Schönebeck l Ein Spaziergang durch den Heimattiergarten Bierer Berg in Schönebeck. Es geht vorbei an Bergziege, Esel und Schneehase in Richtung Freilichtbühne. Schon von Weitem ist die heiter-beschwingte Musik aus der Operette „Der Vogelhändler“ zu hören. Es könnte so idyllisch sein. Die Betonung liegt auf könnte.

Eine halbe Stunde später. Sechs Musiker der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie sitzen mit ihren eingepackten Instrumenten in den Zuschauerreihen. Trotz erfolgreicher Probe für den Operettensommer, der am Sonnabend beginnt, schauen sie bedröppelt drein. Die Geschäftsführerin Anita Bader setzt sich hinzu und fasst zusammen: „Die Kürzungen der Stadt sind für uns ein existenzielles Problem.“

Sie nennt Zahlen, die das belegen: 1,1 Millionen Euro bekommt das Orchester jährlich an Zuschüssen – zwei Drittel davon kommen vom Salzlandkreis, ein Drittel vom Land. Dem gegenüber stehen 1,3 Millionen Euro Personalkosten. „Und zwar nur die Kosten für die festangestellten Musiker und die Verwaltung“, so Anita Bader.

Bilder

Künstlergagen

Bezahlt werden müssen unter anderem noch die Künstlergagen für Solisten. Das geschieht dann über Umsatzerlöse. Kostenpunkt: 260.000 Euro jährlich. Diese Gelder schafft es das Orchester nur aufzubringen, da es nochmal etwa 50 Prozent der Zuschusssumme über Konzerteinnahmen dazu erwirtschaftet. Laut Bader zwar ein „sensationeller Betrag“, aber in der Summe noch immer nicht genug, um den Angestellten 75 Prozent des Flächentarifes für Musiker in Kulturorchestern (TVK) zu bezahlen. Bader: „Damit wir den zahlen können, unterstützt uns der Kreis nochmal jährlich mit 100.000 Euro zusätzlich.“ Die fehlenden 80.000 Euro der Stadt müssen nun irgendwie kompensiert werden.

Ein weiterer Knackpunkt ist die Miete, die das Orchester für den Dr.-Tolberg-Saal bezahlt. Der Betrag, mit dem die Kammerphilharmonie jedes Jahr den Kontostand des städtischen Eigenbetriebs Solepark aufbessert: 37.000 Euro. „Indirekt hat sich die Stadt also jedes Jahr knapp die Hälfte des Zuschusses eh wieder zurückgeholt“, sagt Schlagzeuger Olaf Bartels, der seit 29 Jahren für die Kammerphilharmonie spielt. Anita Bader habe die Stadt nach der Kürzung um einen Erlass der Miete gebeten, der wurde jedoch abgelehnt.

Ihre Enttäuschung können die Musiker nur schwer verbergen. Denn sie alle stecken in ihre Arbeit viel Herzblut und Zeit. Und reich wird keiner von ihnen durch die Arbeit bei der Kammerphilharmonie. Wie wenig die Musiker verdienen, lässt sich berechnen. 100 Prozent des Flächentarifes für einen Musiker, der den Höchstsatz verdient, sind laut TVK-Tabelle mit allen Zuschlägen etwa 4000 Euro brutto. Bei der Kammerphilharmonie bekommen Musiker drei Viertel davon – das sind etwa 3000 Euro brutto.

Musikeralltag

„Man darf nicht vergessen, dass wir alle vier bis fünf Jahre studiert haben und unsere Ausbildung eigentlich bereits mit dem Kindesalter angefangen hat“, fügt Violinistin Susanne Reichel-Visontay, ebenfalls seit 29 Jahren beim Orchester dabei, hinzu. Dem der anspruchsvollen Ausbildung entsprechend vergleichsweise geringen Lohn, den ein erfahrener Orchestermusiker bekommt, steht der anstrengende Musikeralltag gegenüber: Neben morgendlichen Proben und Auftritten bis in die späten Abendstunden hinein unterrichten die meisten der 23 festangestellten Musiker noch nachmittags. „Damit fördern wir aktiv den künstlerischen Nachwuchs in der Region“, sagt Violinist Vivian Anastasiu (seit 33 Jahren im Orchester). Der Geiger hat zahlreiche junge Menschen bei „Jugend musiziert“ auf den Gewinn vorbereitet – ehemalige Schüler studieren an Musikhochschulen in Weimar oder Leipzig.

„Wir sorgen nicht nur für die musikalische Ausbildung, sondern holen jährlich auch 17.000 Zuschauer auf den Bierer Berg“, sagt Susanne Reichel-Visontay. Und die kommen nicht nur aus Schönebeck, Magdeburg und dem Salzlandkreis, sondern auch aus Berlin, Sachsen, Thüringen und Österreich. Die Violinistin fragt sich: „Wie kann die Stadt es schaffen, daraus keinen touristischen Nutzen zu ziehen?“

Anita Bader hofft trotz der Enttäuschung sehr, dass Schönebeck 2020 wieder in die Unterstützung einsteigt. Und was, wenn nicht? Bader: „Ich habe ein Vierteljahr, um mir eine Strategie zu überlegen, die die Zukunft der Orchesters sichert.“