Schönebeck l „Das Meer vermisse ich hier schon“, sagt der neue stellvertretende Solocellist der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie Schönebeck, während ein Januar-Sturm in einem Café in Magdeburg Regentropfen gegen die Fensterscheibe schleudert. Dann vermisst er seine Heimat Rapallo, ein Städtchen in der Nähe von Genua direkt am Meer.

Doch dann spricht Domenico Ermirio von seinem Instrument, dem Cello. Von der schönen Form, dem warmen Klang, seiner Leidenschaft für das Spiel – und das triste Wetter ist wie weggeblasen.

Cello im Fernsehen gesehen

„Ich war drei, oder vielleicht vier Jahre alt, als ich den Entschluss fasste, das Cello lernen zu wollen“, sagt Domenico Ermirio. Doch es war nicht etwa der Klang, der ihn so sehr am Cello fasziniert hat, als er das Instrument zum ersten Mal gesehen hat – übrigens war das im Fernsehen. „Es war vor allem die wunderschöne Form des Instrumentes“, sagt Domenico Ermirio und deutet in der Luft den großen, gerundeten Korpus des Instrumentes an. Und die Art, wie Cellisten ihr Instrument bespielen.

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„Ich nahm zwischendurch Unterricht, besuchte Meisterkurse.“

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Deutsch fast ohne Fehler

Wenn der Musiker spricht, dann tut er das in fast fehlerfreiem Deutsch. Und das, obwohl er erst seit knapp einem Jahr in Deutschland wohnt. „Ich habe einen Intensivkurs gemacht“, sagt der 28-jährige und winkt jedes Kompliment darüber, wie gut er die Sprache in der kurzen Zeit bereits beherrscht, bescheiden ab.

Domenico Ermirios Eltern erlaubten es ihm zunächst nicht, das Instrument seiner Träume zu lernen. „Ich war ein sehr kleines Kind“, sagt der heute noch zierliche Mann. Und dennoch durfte der Sohn des italienischen Komponisten Federico Ermirio ein Instrument lernen: Seine Tante, eine Pianistin, unterrichtete ihn auf dem Klavier, ein paar Jahre später fing er an, Geige zu lernen. Und dann, mit acht Jahren, durfte er endlich doch das Cellospiel lernen.

Zehn Jahre Unterricht

Zehn Jahre lang bekam Domenico Ermirio Unterricht am Conservatorium „Nicolo Paganini“ in seiner Heimatstadt Genua. Er machte einen Abschluss, der in etwa vergleichbar mit dem Master ist. „Danach kann man sich für Probespiele an Orchestren bewerben“, beschreibt der Musiker.

Jedoch wählte der junge Cellist zunächst einen anderen Weg. Einen, der nicht weniger mit Form und Perfektion zu tun hat als sein Instrument: Er studierte Architektur, spezialisierte sich auf Restaurierungen. Doch all die Zeit ließ ihn die Musik nicht los. „Ich nahm Unterricht, besuchte Meisterkurse, übte weiter“, erzählt der Cellist.

Nebenbei jobbte er als Aushilfe in italienischen Orchestern. Konzerttourneen führten ihn unter anderem auch nach Deutschland. Domenico Ermirio listet auf: „Mannheim, Heidelberg, Stuttgart.“

„Es ist eine so nette Gruppe. Das finde ich besonders schön.“

Und irgendwie kam dann doch der Entschluss: Ich möchte als Profimusiker in einem Orchester arbeiten. Domenico Ermirio beschloss, einen Master zu machen, um sein Cellospiel zu perfektionieren.

Er bewarb sich an unterschiedlichen Musikhochschulen – unter anderem auch an deutschsprachigen Konservatorien. Der Grund, warum er einen Deutsch-Intensivkurs belegte. „Das war Zugangsvoraussetzung“, erklärt der Musiker. Letztendlich studierte er seinen Master doch in der italienischen Schweiz. Dass der Deutschkurs sich trotzdem noch lohnen würde, wusste Domenico Ermirio zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Fürs Vorspiel nach Schönebeck

Wer als Musiker einen Beruf in einem Orchester bekommen möchte, muss in aller Regel ein Probespiel machen. Heißt: vorspielen. Und meistens nicht nur eins, sondern mehrere. So machte das auch Domenico Ermirio. Gerade war er wieder aus Norwegen und Finnland zurückgekommen, als er die Einladung zum Probespiel in Schönebeck bekam.

„Ich hatte mich gefragt, ob es sich lohnt, für ein einziges Vorspiel nach Deutschland zu reisen“, so der Cellist. Er habe sich mit einer guten Freundin besprochen – und die habe ihm geraten, dass er es tun solle. „Sie meinte, in Ostdeutschland könne man gut leben, und ich solle es probieren“, erzählt Domenico Ermirio.

Ein guter Ratschlag, denn er reiste an, spielte unter anderem das Cellokonzert von Robert Schumann vor – und überzeugte das Orchester. Das war bereits Anfang 2018, jetzt hat er jedoch die Probezeit bestanden, und es ist sicher, dass er im Orchester bleiben darf.

„Man spielt ständig an neuen Orten, lernt die Gegend richtig gut kennen.“

Domenico Ermirio ist sehr froh darüber. „Es ist eine so nette Gruppe. Das finde ich besonders und sehr schön“, sagt er. Toll findet er auch, dass das Orchester so viel im Salzlandkreis rumkommt. „Man spielt ständig an neuen Orten, lernt die Gegend richtig gut kennen“, findet der Cellist.

Wenn er nicht gerade spielt, ist Domenico Ermirio viel in der Natur unerwegs. „Meine größten Hobbys sind das Fahrradfahren und Schwimmen“, erzählt er. So unternimmt er öfters Radtouren – im Harz oder an anderen Orten in Sachsen-Anhalt. „Mein Traum ist es, einmal von Tschechien nach Hamburg zu radeln“, verrät er.

Seine weiteren Ziele: „Ich möchte Sachsen-Anhalt noch besser kennenlernen und gerne mal die Hauptstadt Berlin besuchen.“ Denn da war er noch nie. Doch am allerhäufigsten spielt Domenico Ermirio Cello. Und hat sich auf diesem Gebiet viele Ziele gesetzt. „Beispielsweise wäre es toll, wenn sich die Zeit findet für ein kleineres Ensemble – vielleicht mit Kollegen von der Kammerphilharmonie“, sagt er. Ein weiteres Ziel des ehrgeizigen jungen Cellisten: „Einen Wettbewerb zu gewinnen, das wäre schon super.“

Wenn er andere Cellisten hört, dann entscheidet für ihn vor allem das Temperament darüber, ob er den Stil mag oder nicht. „Jacqueline du Pré liebe ich sehr. Sie hatte sehr viel von diesem besonderen Temperament – und eine perfekte Technik“, sagt er über die bereits verstorbene Cellistin.

Spannend findet er es, wenn Praktikanten bei der Kammerphilharmonie für eine Zeit mitspielen. „Die bringen frischen Wind rein“, sagt er. Neben einer Bratschistin und einem Fagottisten aus Italien, die in letzter Zeit bei der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie mitgespielt haben, gibt es derzeit eine Flötenpraktikantin bei der Kammerphilharmonie, die wie Domenico Ermirio aus Italien kommt.

Ein bisschen Heimat

Und obwohl Schönebeck eben definitiv nicht Italien ist, findet man ein bisschen Heimat überall – auch hier im Salzlandkreis, sagt Domenico Ermirio lächelnd. „An kalten Tagen wie diesen hier“, sagt der Musiker mit Blick aus dem Fenster, „gehe ich gerne ins Solequell in Schönebeck.“ Denn die Wärme und das Salzwasser, die erinnern ihn ein bisschen an einen Tag am Meer in Italien.