Heimatgeschichte: Vor 165 Jahren erblickte Luise Peters das Licht der Welt / Volksstimme zitiert aus ihren Lebenserinnerungen

Kekse aus dem Biedermeierschrank

Von Ulrich Meinhard

Es ist der Stoff für einen Roman. Alles käme darin vor: Liebe, Enttäuschung, Glück und Leid. Sogar große deutsche Geschichte. Im Mittelpunkt des Buches würde Luise Peters stehen. Eine Frau, die 1846 in Salbke das Licht der Welt erblickte, damals ein Dorf, zwischen Magdeburg und Schönebeck gelegen. Später zog die junge Frau nach Groß Salze und wohnte in der Kirchstraße 2. Hier stand das im vergangenen Jahr abgerissene einstige Terminierhaus.

Schönebeck. Sie sieht gütig aus, aber auch streng. Mit einem dunklen, schweren Umgang bekleidet schaut die auf dem Gemälde bereits 79-Jährige ihr Gegenüber an. Luise Peters heißt die von ihrem Enkel Johannes Hage dargestellte Frau. Sie hat ihr Leben schriftlich festgehalten. Mit 91 Jahren schrieb sie ihre Erinnerungen auf. Ein Großteil davon bezieht sich auf Schönebeck. Das Büchlein ist in kleiner Auflage vor acht Jahren erschienen und inzwischen vergriffen. Es enthält neben rein persönlichen Inhalten interessante Hinweise auf das Leben im Schönebeck am Ende des 19. Jahrhunderts.

"Ich habe 2002 die Lebenserinnerungen meiner Urgroßmutter in die Hände bekommen. Es waren dies zwei solide Schulhefte, eingebunden in schwarzes Wachstuch, geschrieben im Jahr 1936 in ganz regelmäßiger Sütterlinschrift", erklärt Sabine Riecke gegenüber der Volksstimme. Die Urenkelin von Luise Peters lebt in Baden- Baden. Sie berichtet: "Schönebeck und Salze sind auch die Heimat meiner Eltern. Ich habe meine Urgroßmutter als Sechsjährige noch kennengelernt. Sie hatte einen gewissen trockenen Humor bis in ihr hohes Alter."

Sabine Riecke erinnert sich zudem daran, dass sie als Kind recht laut sprechen musste, damit Luise Peters sie verstand. "Sie war fast taub und wir mussten dicht an ihrem Hörrohr sprechen. Aber sie marschierte aufrecht in ihr kühles Schlafzimmer, um uns aus einem Biedermeierschrank sehr gute Kekse zu holen."

Eine Szene, die sich in der Kirchstraße 2 abgespielt hat. Beides, sowohl die Kekse als auch das Gebäude, sind Geschichte. Das Haus Kirchstraße 2 ist im vergangenen Jahr abgerissen worden. Es war auch bekannt unter dem Begriff "ehemaliges Terminierhaus". "Es war das älteste Haus in Salze und stand unter Denkmalschutz. Ich bedaure den Abriss sehr", hebt Sabine Riecke hervor. Gemeinsam mit ihrer Schönebecker Cousine Sabine Haaser hat sie sich um den Erhalt bemüht. "Aber es hat wohl so kommen müssen. Niemand hatte Geld, um das Haus wirklich zu erhalten." Dabei hegte Sabine Riecke unkonventionelle Vorstellungen, um das imposante und geschichtsträchtige Haus doch noch vor dem Abriss zu bewahren. Ein Film über das Leben ihrer Urgroßmutter, gedreht an originalen Schauplätzen, hätte die Kosten für eine Sanierung einspielen können.

Die rührige Nachfahrin von Luise Peters meint, dass ein Fernsehfilm über mitteldeutsche Bürger im 19. Jahrhundert - ähnlich dem über die Geschichte der Familie Mann in Lübeck - auch die Möglichkeit bieten würde, über den interessanten Hintergrund, den die Stadt Salze mit ihrer Geschichte bietet, zu informieren. Sabine Riecke: "Ich hatte die Story dem Regisseur Brelower angeboten, als er hier in Baden-Baden einen Vortrag hielt. Aber er hat die Chancen des Stoffes nicht gesehen. Vielleicht war es ja auch zu hoch gegriffen."

Große Liebe scheitert an Moralvorstellung

Doch nun noch einmal zu Luise Peters, der Frau, die wie der Mittelpunkt von Schönebecker Geschichte und Geschichten wirkt. Als zwölfjähriges Mädchen musste sie Leiden und Tod ihres geliebten Bruders miterleben, vier Jahre später starb die Mutter. In dieser Zeit lernte sie einen jungen Mann kennen, Gustav Brettschneider, der ihre große Jugendliebe wurde. Ein angehender Lehrer - alles schien auf das ganz große Glück zuzulaufen. Doch der Erwählte ließ sich auf ein für damalige Zeiten unerhörtes Abenteuer ein, indem er einen öffentlichen Maskenball besuchte. Ein Unding für gesittete Menschen. Luise Peters, in christlicher und preußischer Tradition erzogen und verhaftet, mochte einen solchen Menschen nun nicht mehr heiraten. In ihren Erinnerungen reflektiert sie diese Entscheidung mit den Worten: "Ich hätte es als dummen Jungsstreich ansehen sollen. Dass ich darüber mich von ihm abwendete, konnte er nicht fassen." Zehn Jahre lang konnte Luise Peters, damals hieß sie mit Mädchennamen noch Luise Borges, ihren Gustav nicht vergessen, wies alle anderen Freier ab. Bis ein Landwirt aus Groß Salze kam und einen Freund mitbrachte: Heinrich Peters. Luise und ihre Schwester Sophie heirateten im Verlauf eines Jahres diese beiden Männer.

In den Erinnerungen liest sich das so: "Peters kam auch wieder in der nächsten Zeit und gab sich große Mühe meinetwegen. Er gefiel mir auch, auch Vater. Der sagte: ¿Einen solchen Mann hast du gar nicht mehr verdient, nachdem du so viele ausgeschlagen hast.\' "

Die Ehe geriet recht glücklich, fünf Kinder wuchsen gesund heran. In ihrer Autobiografie berichtet Luise Peters über diese Zeit, die allerdings auch geprägt war von Schicksalsschlägen. Ihr Mann erblindete 1878 infolge einer Erkrankung, die er sich in Krieggefangenschaft 1871 zugezogen hatte. Luise musste die Hauswirtschaft übernehmen. Ihren Mann Heinrich Peters beschreibt sie rückblickend als fleißigen und trotz seines Augenleidens fröhlichen Menschen. "Er hat mich oft, wenn ich verzagen wollte, aufgerichtet", betont sie.

Interessant ist auch der Bericht über ihren Bruder Heinrich Borges. Der war ab 1866 persönlicher Diener des Majors Caprivi. In ihrem Text heißt es: "Wie hat Heinrich den Mann verehrt. Wie Kameraden haben sie gelebt." An anderer Stelle steht: "Wenn Caprivi spät nach Hause kam und Heinrich lag schon, wollte aber aufstehen und ihm helfen, dann wehrte er ab: liegen bleiben, ich kann meine Stiefel allein ausziehen." Dieser Leo von Caprivi war später kein Geringerer als Reichskanzler des Deutschen Kaiserreiches von 1890 bis 1894. Er vertrat eine offene, progressive Politik, geriet aber genau deswegen in die Kritik konservativer Leute, zu denen auch sein Vorgänger Otto von Bismarck gehörte. Caprivi setzte auf das Gute und die Guten, in der Politik musste er damit scheitern, heißt es über ihn im Internetnachschlagewerk Wikipedia.

Es gibt sogar eine enge Verbindung zwischen der Familie von Luise Peters und dem Blauen Hof in Salze. Bei diesem Begriff werden sicherlich vielen geschichtsinteressierten Schönebeckern die Ohren klingen. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Auch in ihr geht es um Liebe, Enttäuschung, Glück und Leid und um deutsche Historie.

Luise Peters starb 1937.