Calbe l Die Schließung der Kita „Märchenland“ in Calbe, durch das Auslaufenlassen des Pachtvertrages, bezeichnet Stadtrat Jens Adam (ALC/SPD) als einen „großen Fehler“. Adam sieht verschiedene Argumente, die für die Kita sprechen. „Alleine die Planung, mehr Bauland für junge Familien zu schaffen, macht nur wirklich Sinn, wenn wir den Vorteil von freien Kindergartenplätzen in Calbe beibehalten. Nur so können wir junge Familien zu einer Rückkehr nach Calbe bewegen, wenn wir da mehr Planungssicherheit bieten als andere Städte“, sagt Jens Adam.

Bürgermeister Sven Hause (parteilos) sagt dazu: „Das Kinderförderungsgesetz Land Sachsen-Anhalt regelt den Anspruch auf Kinderbetreuung. Der Anspruch gilt als erfüllt, wenn ein Platz in einer für Kinder zumutbar erreichbaren Tageseinrichtung angeboten wird. Die überschaubare Größe der Stadt Calbe gewährleistet bei uns vor Ort für jeden Wohnsitz und jeden Standort einer Kindertagesstätte die Erfüllung des Tatbestandes der Zumutbarkeit.“

Freie Wahl der Kita

Überdies sieht Jens Adam die Wahlfreiheit der Eltern in Gefahr. Doch laut Hause haben die Leistungsberechtigten das Recht, im Rahmen freier Kapazitäten zwischen den verschiedenen Tageseinrichtungen zu wählen. „Dies galt bisher und wird auch in Zukunft so sein“, sagt Calbes Bürgermeister.

Eine andere Befürchtung des Stadtrats Adam ist, dass eine Auslastung von annährend 100 Prozent in den Kitas der Stadt zu einer höheren Belastung der Erzieher führen würde, was sich wiederum auf die Qualität der Betreuung auswirke, so Adam.

Betriebserlaubnis liegt vor

Dem widerspricht der Bürgermeister. „Kindertageseinrichtungen müssen grundsätzlich ausreichend und kindgerecht bemessen sein. Jede Kindertageseinrichtung der Stadt Calbe erfüllt einen eigenständigen alters- und entwicklungsspezifischen Betreuungs-, Bildungs- und Erziehungsauftrag im Rahmen einer auf die Förderung der Persönlichkeit des Kindes orientierten Gesamtkonzeption“, sagt Hause. Darüber hinaus liege für jede Kindertageseinrichtung der Stadt eine Betriebserlaubnis vor, so das Stadtoberhaupt. Zudem merkt der Bürgermeister an: „Bei einer gut ausgelasteten Kindertagesstätte darf und wird es demnach keinen Qualitätsverlust geben.“

Doch nicht nur Jens Adam hat Bedenken. Auch Christian Behlau (Linke) ist für den Erhalt der Kita „Märchenland“. Er teilt der Volksstimme mit: „Ich bin für eine Vielschichtigkeit bei Kindertagesstätten. Eine vielseitige Auswahl an größeren und kleineren Kitas ist eine Bereicherung in der Kinderbetreuung. Außerdem hat es ja all die Jahre zuvor auch mit der Kita funktioniert, also warum soll es jetzt plötzlich nicht mehr gehen? Außerdem bin ich dafür, dass das Thema möglichst zeitnah und fair im Stadtrat thematisiert wird und dass man nicht einfach den Pachtvertrag mit der Kita auslaufen lässt.“

Träger in der Pflicht

Stadtratsmitglied Georg Hamm (CDU/FDP) sieht derweil den Träger in der Pflicht aktiv zu werden. „Meiner Meinung nach sind die Johanniter am Zug. Sie müssen Bereitschaft signalisieren. Wenn sie zusichern, dass sie bei Verlängerung des Pachtvertrages die baulichen Auflagen angehen, dann kann das Thema in die Ausschüsse und in den Stadtrat. Wenn es nach mir geht, dann soll die Kita erhalten werden, vorausgesetzt, dass das Gebäude sicher ist und den Kindern keine Gefahr droht“, sagt Georg Hamm.

Darüber hinaus gibt er zu bedenken, dass verschiedene Faktoren zu beachten sind. „Fakt ist, dass die Kitas in Calbe längst nicht zu 100 Prozent ausgelastet sind. Da muss man auch die Stadtverwaltung verstehen, die versucht die Kindertageseinrichtungen effizient zu gestalten. Andererseits ist die Lage der Einrichtung im Zentrum der Stadt sehr gut und es ist ein Kindergarten mit sehr familiärem Flair“, so Hamm.

Vorhandene Kitas erhalten

„Absolut gegen die Schließung der Kita“ ist auch Stadtrat Gerhard Denkert (UfC/FWG Calbe). Kinderbetreuung dürfe nicht wirtschaftlichen Belangen untergeordnet werden, sagt er. Und auch andere Argumente sprechen laut Denkert für den Erhalt der Einrichtung: „In den Dörfern der Region gibt es ja auch kaum noch Kitas. Man sollte die, die man noch hat, erhalten, bevor man in ein paar Jahren wieder neue bauen muss, weil die Kapazitäten nicht ausreichen. Wenn wir zum Beispiel mehr Asylsuchende in die Region bekommen, dann benötigen wir für diese auch Kitaplätze. Und die Einrichtungen sollten nicht rappelvoll sein, damit sich die Erzieher auch umfassend um die Betreuung der Kinder kümmern können“, sagt Gerhard Denkert. Zudem teilt er die Meinung von Christian Behlau, dass das Thema in den Stadtrat gehört.

Und das wird es auch, wie Bürgermeister Sven Hause mitteilt. „Während der letzten Sitzung des Hauptausschusses gab es bereits einen kurzen Austausch zum Thema. In der Endkonsequenz wurde vereinbart und durch die Stadt zugesichert, dass im dritten Quartal 2019 den Stadträten eine Mitteilungsvorlage zur Gesamtsituation und Entwicklung der Kinderbetreuung in den nächsten Jahre zur Kenntnis gegeben wird. In der Regel wird zu diesen Vorlagen auch eine entsprechende Diskussion geführt. Dem Stadtrat obliegt es dann, in die Abläufe einzugreifen oder nicht“, so Hause. Das letzte Kapitel des „Märchenlands“ ist also noch nicht geschrieben.