Barby l Die 47 Meter hohe „Dicke Marie“ grüßt von Weitem, egal, aus welcher Himmelsrichtung man sich dem Elbestädtchen nähert. Sogar vom 80 Kilometer entfernten Brocken soll man den wuchtigen Turm schon gesehen haben. Darauf verweist ein Zeitungsartikel aus den 1920er Jahren. Darin heißt es: „Dank unseres starken Fernrohrs … und einer außergewöhnlich klaren Winterluft konnten wir den Bismarckturm bei Calbe, den Barbyer Kirchturm und sogar das Schloß Leitzkau erkennen“.

Legenden besitzen immer einen wahren Kern. So auch die Geschichte um den verzweifelten Baumeister der Barbyer Marienkirche. Authentisch ist, dass ihr Turm wegen eines statischen Mangels 56 Jahre nach seiner Erbauung 1505 einstürzte.

Zweite Kirche neben Kloster

Die Chronik weiß folgendes dazu: Etwa um die Mitte des 12. Jahrhunderts war es, als man in Barby zum Bau einer zweiten Kirche rüstete, obwohl die damals wahrscheinlich dreischiffige Johanniskirche gerade erst fertig geworden war. Aber diese ziemlich kleine Kirche gehörte dem Franziskanerkloster, und ein seltsames Abenteuer schaffte unversehens die Mittel zur Errichtung eines größeren Gotteshauses für die Ortsbewohner herbei.

Einer des Geschlechts von Barby – sein Name wird wohlweislich verschwiegen – pflegte damals als Raubritter mit Schiffen die Elbe auf- und abwärts zu segeln, andere Schiffe zu überfallen und auszuplündern. Bei Hamburg aber geriet er in die Übermacht eines Hanseschiffes und wurde, trotzdem sein Leibdiener vom Mastbaum herab flehentlich für seinen Herrn um Gnade bat, mit seiner Mannschaft nieder gemetzelt. Erbarmungslos trennte man den Kopf vom Rumpf.

Von der ganzen Besatzung des erbeuteten Schiffs vermochte nur der treue Diener sich und die Leiche seines Herrn durch List aus den Händen der Feinde zu retten. Er brachte den kopflosen Leichnam nach Barby zurück, wo er in der Klosterkirche (Johanniskirche) beigesetzt wurde, und nun forderte das schwer gekränkte Geschlecht des Getöteten als Sühne ein bedeutendes Lösegeld von den Hamburgern, das diese letztendlich auch zahlten und das von den Empfängern zum Bau einer großen Stadtkirche bestimmt wurde. Sie sollte der Mutter Gottes, „unserer lieben Frauen“, als der Schutzheiligen der Stadt Barby, gewidmet werden.

Der Mann, dem man den Bau übertragen konnte, war bald gefunden. Eben war die Kirche zu Mühlingen eingeweiht worden und hatte in ihrer Vollendung uneingeschränkte Anerkennung von allen Seiten gefunden. Was lag da näher, als ihren glücklichen Erbauer auch mit dieser neuen und ehrenvollen Aufgabe zu betreuen?

Baufehler

Gern übernahm Gunthardt das ihm angetragene Werk und begann nach seinen Plänen, wie er sie vorgelegt hatte, mitten im Städtchen die stattlichen Grundmauern zur Marienkirche auszuführen. Bereits war das Kirchenschiff seiner Bedachung nahe, und auch der Unterbau des Turmes stand schon in beträchtlicher Höhe da, als Gunthardt mit jähem Erschrecken eines gemachten Baufehlers gewahr wurde, der dem schon fertig stehenden Gemäuer das Tragen eines hohen Turmes ganz unmöglich zu machen schien. Völlig verzweifelt ließ der Baumeister sein Werk im Stich, da er seinen Ruhm, seine Ehre und sein Ansehen bei den Menschen für immer daran einzubüßen meinte, und in den trübsten Gedanken irrte er tagelang in den Wäldern am jenseitigen Elbufer umher. Wilde Beeren schützten ihn notdürftig vor der äußersten Erschöpfung. Unablässig in seinen quälenden Vorstellungen mit dem verunglückten Kirchenbau beschäftigt, schnitt er Ruten von einem Weidenbusch, sich damit aufs Neue sein verhängnisvolles Modell vergegenwärtigend; und wie er die biegsamen schlanken Gerten zum Dachstuhl zusammenschloss, blitzte in ihm plötzlich ein heller Gedanke auf, wie durch ein paar nachträglich eingefügte Stützbalken und Klammern im Turmansatz der begangene Fehler noch auszugleichen sei.

Nachdem er durch Versuche an dem kleinen Modell seiner Sache vollends gewiss war, kehrte er voller Zuversicht nach Barby zurück, nahm sein unterbrochenes Werk von Neuem in die Hand und stellte Kirche und Turm zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber fertig.

Doch zurück zur Realität: Der regierende Graf Wolffgang I. schaffte in den Folgejahren Geld und Baumaterial herbei, so dass der Wiederaufbau 1565 beginnen konnte. Wann der reparierte Turm fertig gestellt wurde und was die Gründe für den Einsturz waren, bleibt im Dunkel der Geschichte. Beim Abriss einer maroden Scheune gegenüber kamen im Jahre 2010 großformatige Sandsteinquader zum Vorschein, die vermutlich Ziersteine des alten Turms waren. Möglicherweise hatte sie der Turm-Nachbar aus dem Schutt geborgen und selbst verwendet.