Leerstand

Kleingartenverein aus Welsleben stand kurz vor Auflösung: Neuer Vorstand will aufräumen

Für die Gartenfreunde „Am Salzweg“ in Welsleben war es kurz vor zwölf, weil der alte Vorstand sich nicht kümmerte. In der Sparte sind nur noch 16 von 28 Gärten belegt. Ein neuer Vorstand will jetzt anpacken.

Von Robert Gruhne 14.07.2021, 15:37
Zwölf leere Parzellen warten in der Welsleber Kleingartenanlage auf neue Pächter.
Zwölf leere Parzellen warten in der Welsleber Kleingartenanlage auf neue Pächter. Foto: Robert Gruhne

Welsleben - Üppig wächst das Kraut in der Kleingartenanlage „Am Salzweg“ in Welsleben. Viele Parzellen hier am Ortseingang von Welsleben befinden sich in einem wilden Zustand, denn nur 16 der 28 Gärten sind belegt. Katrin Melchior zeigt von Garten zu Garten: „Leer, leer, leer.“

Die Welsleberin hat mit ihrer Familie vor einem Jahr einen Garten in der Anlage übernommen. Schon früh merkten die Melchiors: Hier läuft etwas schief. Der Leerstand, die Zäune, die Abrechnungen – kaum etwas funktionierte. Mit dem 1954 gegründeten Verein ging es immer mehr den Bach runter.

„Der alte Vorstand hat sich nicht wirklich gekümmert“, meint Katrin Melchior. Die Vereinsführung hätte ihr Amt teilweise schon länger niedergelegt gehabt, sagt Karin Peine, die Vorsitzende des Verbands der Gartenfreunde Schönebeck und Umgebung. Ohne Vorstand könne ein Verein aber nicht existieren.

Akten aus der Mülltüte

„In der Versammlung hieß es dann: Wenn wir heute keinen neuen Vorstand wählen, dann können wir zumachen“, schildert Melchior. Wenn schließlich auch noch die Gemeinnützigkeit aberkannt worden wäre, hätten die Welsleber nicht mehr im Verband Mitglied sein können. Dann hätte der Verband, der als Zwischenpächter für die Welsleber Fläche fungiert, den Vertrag kündigen müssen, was für die verbliebenen Gartenfreunde teuer geworden wäre.

Aber so ist es zum Glück nicht gekommen, denn die Mitglieder gaben sich einen Ruck. Katrin Melchiors Ehemann Maik Melchior wurde Vorsitzender, sie selbst Schatzmeisterin. Die Stellvertretung übernahm Olaf Hartung. „Die Akten haben wir in einer Mülltüte bekommen“, sagt Katrin Melchior, die sich in den kommenden Monaten durch die Unterlagen wühlte und versuchte, wieder Ordnung herzustellen. Ein „Scherbenhaufen“ sei das gewesen, sagt sie.

Karl-Heinz Fleischer (links) ist zu Besuch bei seinen Nachbarn, der Familie Melchior mit Katrin (Mitte), Maik (hinten) und Paula (vorne mit Hund).
Karl-Heinz Fleischer (links) ist zu Besuch bei seinen Nachbarn, der Familie Melchior mit Katrin (Mitte), Maik (hinten) und Paula (vorne mit Hund).
Foto: Robert Gruhne

Die älteren Vereinsmitglieder freuen sich, dass ein frischer, junger Vorstand jetzt zur Tat schreitet. Karl-Heinz Fleischer hat seine Scholle seit 2015. „Damit mir die Bude nicht auf den Kopf fällt“, sagt der Rentner. Im Sommer geht er eigentlich nur nach Hause, um mal zu lüften. Ähnlich rührig wie Fleischer kümmert sich Reinhardt Lose um seinen Garten. „Ich will in Bewegung bleiben“, sagt der Gartenfreund, der seinen Garten seit sieben Jahren hat. Der Mais für seine Kaninchen, die er hier hält, steht schon hoch.

„Wir halten alle zusammen“, sagt Katrin Melchior über ihre Nachbarn. Am Samstag ist wieder Versammlung, dann soll besprochen werden, wie es weiter geht.

Zu tun gibt es genug. „Man kann alles schlecht reden, aber auch aus dem, was man hat, etwas machen“, lautet die Einstellung von Katrin Melchior. Aktuell hat der Verein gleich mehrere Baustellen.

Wir gehen nicht mit dem Lineal rum. Wichtig ist, dass der Garten sauber und gepflegt ist und etwas angepflanzt ist.

Katrin MelchiorIn den Gärten wächst es weiter, auch wenn niemand sie bewirtschaftet. „Da gehe ich manchmal mit dem Freischneider durch“, sagt der Vorsitzende. Aber richtig Herr wird er dem Gestrüpp noch nicht, auch wenn er sich jeden Tag nach der Arbeit gleich am Garten absetzen lässt.

Auch um die Finanzen muss sich der Verein weiter kümmern. „Wir versuchen eigentlich mit allem Geld zu machen“, sagt die Schatzmeisterin. Den wildwachsenden Rhabarber bringen die Vereinsmitglieder zur Mosterei, sie vermieten Werbeplätze am Zaun oder sammeln Schrott.

Denn Geräte und Zäune kosten Geld, das der Verein momentan nicht hat. Je weniger Mitglieder Pacht zahlen, desto höher werden zudem die Anteile für die Einzelnen – auch wenn die Kosten für einen Garten mit um die 200 Euro im Jahr weiter gering sind.

Tür zum Verein steht offen

Am wichtigsten ist dem neuen Vorstand jedoch die Suche nach neuen Mitgliedern. „Unsere Tür steht offen“, sagt Katrin Melchior, durchaus wörtlich gemeint. In der Anlage sei vieles möglich und man könne über alles reden. „Nur Hunde und Katzen, die dauerhaft hier leben, wollen wir nicht“, sagt die Gärtnerin.

Ansonsten sei man mit den Regeln nicht allzu streng und schlage einen eher lockeren Weg ein, meint Katrin Melchior: „Wir gehen nicht mit dem Lineal rum. Wichtig ist, dass der Garten sauber und gepflegt ist und etwas angepflanzt ist.“

Gartenfreund Fleischer würde sich wünschen, dass wieder mehr junge Familien in die Anlage kommen. Das Durchschnittsalter liegt zurzeit eher zwischen 50 und 60 Jahren.

Mehr Kinder gewünscht

Dem Wunsch kann sich Paula Melchior nur anschließen. Die Schülerin kommt jeden Tag in den Garten ihrer Familie. „Nach der Schule und einem anstrengendem Tag komme ich gerne her zu meinen Kaninchen“, sagt Paula. Sie findet: „Es könnten mehr Kinder sein.“

Neben Ruhe und Erholung könne man seinem Kind in einem Garten auch zeigen, dass die Lebensmittel eben nicht im Supermarkt wachsen, findet ihre Mutter Katrin Melchior. In ihrem Garten hat die Familie unter anderem Erdbeeren, Himbeeren, Kohlrabi und Kürbis angepflanzt. „Das ist doch was ganz anderes, als im Laden einzukaufen“, sagt Katrin Melchior.

Einen kleinen Erfolg hatte der neue Vorstand bereits. Eine junge Familie aus Welsleben will den Nachbargarten pachten. Potenzielle Mitglieder können übrigens sicher sein, dass die Anlage langfristig bestehen bleiben. Der Pachtvertrag für die Sparte ist laut Gartenverband unbefristet.