Schönebeck/Friedrichroda l So richtig überrascht ist Bärbel Täuber nicht. Als die 77-Jährige unlängst die Tübke-Ausstellung im Schönebecker Industrie- und Kunstmuseum besucht, entdeckt sie sich: auf einer Zeichnung aus den Händen des großen Werner Tübke. „Ich wusste irgendwie, dass das mal passieren würde. Aber dass das Bild ausgerechnet in meiner Heimatstadt Schönebeck hängt, freut mich umso mehr“, erzählt die Frau, die inzwischen im thüringischen Friedrichroda wohnt.

Genau 61 Jahre liegen zwischen der Zeichnung von Tübke und dem heutigen Foto von Bärbel Täuber. Die Ähnlichkeit ist noch immer erkennbar – die Augen, der Mund, das Gesicht, die Ausstrahlung. Bärbel Täuber ist damals 16 Jahre jung gewesen, als Werner Tübke sie zeichnet. Dass das Indus-trie- und Kunstmuseum Schönebeck ein Model von Tübke in der Ausstellung begrüßen kann, kommt einer kleinen Sensation gleich. Zumindest aus Sicht der Stadt und des Museums, nicht aber aus dem Blickwinkel von Bärbel Täuber selbst.

Hinweis nach Artikel in der Volksstimme

Ihre Schwester, die in Stendal wohnt, ist über einen Artikel in der Volksstimme über die Ausstellung des Malers in der Elbestadt aufmerksam geworden. Beide fahren nach Schönebeck, gehen die Treppe hinauf, sehen das Plakat am Eingang der Ausstellung und dann Bärbel Täuber als Jugendliche. „Ich besuche seit Jahren, wenn es geht, alle Tübke-Ausstellungen in der Region. Deshalb ahnte ich, dass ich das Bild von mir irgendwann mal wiedersehe“, verrät sie im Gespräch mit der Volksstimme.

Dass Bärbel Täuber vor 61 Jahren in der Schönebecker Friedrichstraße 98a einmal Model für Werner Tübke sitzt, ist eigentlich kein Zufall. Mutter Gerda Stayr ist in der Elbestadt Kunsterzieherin und mit Werner Tübke bekannt. Der Maler ist längst in Leipzig Dozent, kommt aber immer wieder nach Schönebeck zurück. So auch an jenem Tag des Jahres 1958. „Werner Tübke hat immer wieder Modelle für sich zum Zeichnen gesucht“, erinnert sich Bärbel Täuber.

Ihre Mutter und Tübke sprechen darüber, und Tübke will die junge Bärbel zeichnen. „Er fragte mich selbst, ob ich für ihn einmal Model sitzen würde. Ich war angetan davon und sagte zu“, erinnert sich Bärbel Täuber an jenen Moment. Sie hat den Maler als umgänglichen und freundlichen Menschen in Erinnerung, von späterer Exzentrik ist zu dieser Zeit noch keine Spur zu erkennen. „Der Mensch stand bei ihm im Vordergrund“, so die Schönebeckerin.

Skizze nur einmal kurz gesehen

Gut zwei Stunden dauert die Modelarbeit. Fertig ist die Zeichnung dann noch nicht. „Ich habe sie mir damals bestimmt auch angeschaut, kann mich daran aber nicht mehr erinnern“, erzählt Bärbel Täuber. Es ist das erste und das letzte Mal, dass sie die Zeichnung sieht. In all den folgenden Jahren bleibt für Bärbel Täuber das Bild „verschollen“ – bis sie jetzt nach Schönebeck zurückkommt, in jene Stadt, in der Tübke seine ersten Lebensjahre verbringt und wo die Zeichnung entsteht.

Für die Stadt Schönebeck sowie das Industrie- und Kunstmuseum (Imuset) ist diese künstlerische „Wiedervereinigung“ ein wahrer Glanzpunkt der Ausstellung. Mit viel Fleiß und Ausdauer haben die Mitglieder des Vereines die Präsentation vorbereitet. Sie sollte eigentlich am kommenden Sonnabend schließen, doch Imuset-Leiter Georg Plenikowski und seine Mannschaft, denen das Husarenstück der Tübke-Ausstellung gelungen ist, verlängert fast selbstverständlich noch bis einschließlich Sonntag.

„Dann werden auch zwei Kuratoren dabei sein und die Besucher durch die wirklich interessante Ausstellung führen“, so Plenikowski gestern. In diesem Zusammenhang wird noch ein weiteres Geheimnis gelüftet: Warum gibt es eigentlich im Jahr 1989 so auffällig viele Radierungen und Drucke von Werner Tübke im Handel zu kaufen?

Die Tübkeausstellung ist letztmalig am kommenden Sonnabend und Sonntag, jeweils von 14 bis 17 Uhr, geöffnet. Das Imuset befindet sich in der Ernst-Thälmann-Straße in Schönebeck.