Glinde l Man stelle sich folgendes Szenario vor: Winter 1974, 17.30 Uhr. Dichter Nebel zwingt die Fahrer des VEB Kraftverkehr Schönebeck dazu, ihre Busse stehen zu lassen. Die Sicht ist nahezu Null.

Trotzdem will eine Gruppe Glinder Männer nach Hause, die im Schönebecker Kaufhaus „Tausend kleine Dinge“ in der Salzerstraße glücklich 75 Kunstblumen erworben hat. Sie dienen den Lichtmessaktiven traditionell als Zier und Eintrittskarte, werden in glindscher Fachsprache Komiteeblumen genannt.

Mangelware Kunstblumen

Weil die floristischen Nachbildungen aus Sebnitz im Mangelstaat nur in kleinen Mengen abgegeben werden, sind die Männer zu dritt angerückt. Die Verkäuferin wundert sich über das plötzliche Interesse gestandener Männer an Kunstblumen. „So viele Kunstblumen! Ob das Bestatter sind?“, grübelt die Frau. Doch die Drei wollen keine Trauerfeier, sondern die Lichtmess vorbereiten. Jeder von ihnen kriegt 25 Stück. Wären sie zu viert gekommen, wären es 100 Blumen. So war es damals, in der DDR.

Doch an Lichtmess ist momentan nicht zu denken, weil man sich am Busbahnhof die Beine in den Bauch steht. „Nützt alles nichts, liebe Kollegen. Wir müssen zu Fuß gehen“, schlägt Tischlermeister Otto Puder vor. Seine beiden Vorstände Heinz Wolff und Albert Grygiel nicken. Auf gehts!

In Neu Schönebeck spendet das erleuchtete Gaststubenschild von Atze Sperling Trost im tristen Nebelmeer. „Da gehen wir jetzt rein. Vielleicht löst sich die Suppe auf, bis der nächste Bus fährt“, schlägt Heinz Wolff vor.

Ein Bier, ein Goldbrand ...

Der Gastraum ist gemütlich und warm, die drei Glinder Lichtmessvorstände begießen den erfolgreichen Komiteeblumenkauf entsprechend. Ein Bier, ein Goldbrand. Ein Bier, ein Goldbrand …

Nach zweieinhalb Stunden stehen sie wieder an einer Bushaltestelle, die sich direkt vor Atze Sperlings Kneipe befindet.

Es ist 21.30 Uhr. Der Nebel ist noch dichter geworden, die Wahrscheinlichkeit, dass heute noch ein Bus kommt, sinkt ins bodenlose.

Warten auf ein Auto

„Dann versuchen wir es eben per Anhalter, vielleicht kommt ja doch ein Auto.“ Dieses Mal ist es der gebürtige Schlesier Albert Grygiel, der in den 50er Jahren von Amors Pfeil in Glinde fest genagelt wurde.

„Männer, raus mit Euch! Ich muss morgen früh aufstehen und ihr noch bis Glinde.“

Ein Lied auf den Lippen marschieren die Männer durch die Nacht. Doch kein Auto kommt. Zackmünde liegt hinter ihnen, auch „Nagels Loch“. Nach eineinhalb Stunden blinzeln Pömmeltes Straßenlichter hoffnungsvoll durch die Nacht. Es ist kalt, die Sichtweite beträgt vielleicht 20 Meter. Wenn es in den Flussauen nebelt, dann richtig.

Nächster Stopp: Pömmelte

„Männer, wir haben es bald geschafft“, freut sich Otto Puder, der in seiner Hand einen Strauß Kunstblumen trägt. Von Pömmelte bis Glinde ist es nur noch ein Klacks. Seine beiden Kollegen haben es aber plötzlich nicht mehr so eilig, den restlichen Kilometer zu gehen. „Gucke mal, Otto: Bei Herbert Meier brennt noch Licht“, grinsen sie im Chor. In der Tat hat die „Eiche“ in Pömmeltes Mitte noch geöffnet.

Es ist kalt und dunkel und noch nebliger! Grund genug, sich für den Marsch zu belohnen. Äußerlich wie innerlich.

Natürlich!

Ein Bier, ein Goldbrand. Ein Bier, ein Goldbrand …

Nach einer Weile ist es den Männern egal, ob ein Bus fährt. Ja, eigentlich auch schnurzpiepe, dass es überhaupt Busse gibt.

ABV schnarcht schon lange

Weit nach der Polizeistunde – der Abschnittsbevollmächtigte schnarcht schon lange in seinem Bett – reicht es dem Kneiper: „Männer, raus mit Euch! Ich muss morgen früh aufstehen und ihr noch bis Glinde.“

Die Komiteeblumen fest umklammert schaukeln drei Kerle in östliche Richtung einem Dörfchen entgegen, wo in wenigen Tagen Lichtmess gefeiert wird. Sie staunen: Es ist überhaupt nicht mehr kalt und zu sehen gibt es hier sowieso nichts.

Anstrengende Vorbereitungen

Am Lichtmess-Sonntag, als sich über tausend Schaulustige unbeschwert am Straßenrand drängeln, wird Vorstand Albert Grygiel in sich rein murmeln: „Was haben die hier alle für eine Ahnung, wie anstrengend Lichtmessvorbereitungen sein können.“ Wobei er unbewusst und versonnen seine Komiteeblume am Revers streichelt.

Die restlichen 25 Blüten - 100 werden gebraucht - hatten die Vorstände von einer Kollegin der Glinder Gärtnerei bekommen, die Kontakte zur Kunstblumenstadt Sebnitz hat. Es sind Friedhofsblumen. Aber wen interessiert das schon, bei der heiteren Lichtmess in Glinde.