Gesetz in Vorbereitung

Masern sind eine durch Viren ausgelöste Infektionskrankheit. Diese wird durch Tröpfcheninfektion übertragen und ist hochansteckend. Bei Infizierten treten nach zehn bis zwölf Tagen Fieber, Husten, Schnupfen und gelegentlich Gelenkschmerzen auf. Etwas später erscheint ein roter, fleckiger Hautausschlag. In einem von 1000 Fällen kommt es zu einer Gehirnhautentzündung, die Krankheit kann tödlich verlaufen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will eine Masern-Impfpflicht für Kita- und Schulkinder mit der Androhung von Geldstrafen bis 2500 Euro durchsetzen. Ein Gesetzentwurf des Ministers sieht auch vor, Kinder ohne Impfschutz vom Kita-Besuch auszuschließen. Die Bundesärztekammer und der Koalitionspartner SPD reagierten mit Zustimmung auf das Vorhaben. Die EU äußerte sich besorgt über zu niedrige Masern-Impfraten in den Mitgliedsstaaten.

Um Kinder vor Masern zu schützen, sollten alle, die eine Kita oder Schule besuchen, gegen Masern geimpft sein. Wer dort neu aufgenommen werde, müsse das nachweisen. Bei Kindern, die bereits in eine Kita oder Schule gehen, müssten Eltern den Nachweis per Impfpass oder -bescheinigung bis Ende Juli 2020 nachreichen.

Wer aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden könne, müsse auch das mit einer ärztlichen Bescheinigung nachweisen. Auch Erzieher und Lehrer müssten sich impfen lassen. (epd)

Schönebeck/Staßfurt/Hecklingen l Was halten Sie von der Impfpflicht für Masern? Der Geschäftsführer der Lebenshilfe Bördeland gGmbH, Stefan Labudde, gibt zu bedenken, dass man bei der Entscheidung das Dafür oder Dagegen beachten muss, dass es sich „klar um das Grundrecht der Eltern“ handelt. Und das sei ein sehr hohes Gut. Es gelte, genau abzuwägen. Jedoch sei in vielen Kindertagesstätten zu beobachten, dass ansteckende Krankheiten wieder auf dem Vormarsch sind und vermehrt auftreten und hier natürlich gegengesteuert werden müsse. Das könnte dann auch eine Impfpflicht sein. Jedoch sieht Labudde den Ausschluss von Kinder, die nicht geimpft sind, als Sanktion kritisch. „Da Kindertagesstätten den Auftrag haben, Kinder zu fördern und ihre Persönlichkeit zu bilden. Das eine sollte mit dem anderen nicht sanktioniert werden“, so Labudde. „Man sollte in der Politik stattdessen lieber auf eine verpflichtende Aufklärung der Eltern setzen“, meint er.

Bisher gibt es in Sachsen-Anhalt kaum Fälle von Masern. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) gab es nur einen bekannten Fall im letzten Jahr. Doch, ob das so bleibt, ist ungewiss. Denn die Zahl der Erkrankten nimmt zu. Weltweit ist sie so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr.

Erkrankungen steigen

In Europa steigt sie drastisch. 2016 gab es 5273 Masernfälle in Europa. 2018 waren es 82 596. Auch in Deutschland steigt die Zahl immer weiter an. Das RKI registrierte laut Gesundheitsministerium im vergangenen Jahr 543 Masern-erkrankungen, in diesem Jahr waren es bislang bereits mehr als 300.

Eine erschreckend hohe Zahl. Vor allem da sie vermeidbar wäre. Ab einer Impfrate von 95 Prozent kann sich der Erreger nicht mehr ausbreiten, die sogenannte Herdenimmunität. „Mit einer Impfung kann man nicht nur sich selbst schützen, sondern auch die Menschen, mit denen man Kontakt hat. So wird die Ansteckungsgefahr für alle minimiert“, sagt Axel Wiedemann, Landesgeschäftsführer der Barmer in Sachsen-Anhalt.

Masern sind ansteckender als Grippe, Tuberkulose oder Ebola. Wer nicht geimpft ist und sich mit einem Masern-erkrankten in einem Raum aufhält, steckt sich mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 95 Prozent an. Besonders gefährdet sind Babys. Sie sind oft noch zu jung für Impfungen, wenn sie in einem vollen Wartezimmer eines Kinderarztes sitzen. Die erste MMR-Impfung (Mumps, Masern und Röteln) wird zwischen dem 11. und 14. Monat empfohlen, die zweite zwischen dem 15. und 23. Monat. Masern sind nicht ungefährlich.

Nicht harmlos

„Bei den Masern handelt es sich keineswegs um eine harmlose Erkrankung, es kann zum Teil zu gefährlichen Komplikationen kommen“, sagt Wiedemann. Und auch die Spätfolgen von Masern können schwerwiegend sein. Dazu zählen etwa Lungen- oder Gehirnentzündungen, wie die Krankenkasse mitteilte.

Auch SSPE, Subakute sklerosierende Panenzephalitis, ist eine Spätfolge. Eine Krankheit, bei der die Prognose immer ungünstig ist. Und ungünstig bedeutet in der Medizin oft: tödlich. Ein bis drei Jahre dauert es nach Ausbruch der Symptome ungefähr, bis Kinder an dieser Krankheit sterben. Wie der kleine Micha Giesbrecht und die kleine Natalie Knäpp. Beide wurden als Babys in einem Wartezimmer mit Masern infiziert, weil ein ungeimpftes Kind mit der Erkrankung im Raum saß und sie zu jung waren, um schon geimpft zu sein. Micha wurde 15 Jahre alt. Natalie nur 13.

Die Impfrate in Sachsen-Anhalt ist hoch, zumindest bei der ersten Impfung liegt die Rate bei 98,3 Prozent zum Schuleingang der Kinder. Bei der zweiten Impfung nimmt diese Zahl allerdings ab. Bei den Kindern, die 2014 geboren wurden, haben nur 62,7 Prozent in Salzlandkreis die zweite Impfung erhalten, teilt die Barmer auf Volksstimme-Anfrage mit. Die Gründe dafür sind verschieden. Oft liegt es daran, dass Impftermine vergessen werden, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Nationales Impfregister

Der Berufsverband für Kinder- und Jugendärzte fordert deshalb ein nationales Impfregister. Denn geht der Impfausweis verloren, gibt es in Deutschland zurzeit keine Möglichkeit für die Ärzte einzusehen, wie der Impfstatus der betreffenden Person ist.

Auch die Skepsis gegen Impfungen spielt eine Rolle. Eltern sind teilweise noch immer auf Grund von widerlegten Studien verunsichert, welche einen Zusammenhang von Maser-Impfungen und Autismus herstellten. Nebenwirkungen von Impfungen seien gefährlich, heißt es immer wieder.

Die Zahlen sprechen dagegen. Zwischen 2001 und 2011 wurden in Sachsen-Anhalt zwei Anträge wegen Impfschäden gestellt. Beide wurden auf Grund mangelnder medizinischer Kausalität abgelehnt. „Doch nicht nur bei Kindern besteht Aufholbedarf – zwischenzeitlich sind auch viele Erwachsene unzureichend geschützt“, sagt Wiedemann.

Impfungen am Arbeitsplatz

Die Barmer bietet deswegen Impfungen am Arbeitsplatz durch Betriebsärzte an. „Die Schutzimpfung am Arbeitsplatz ist eine sinnvolle Alternative und erleichtert es Arbeitnehmern, Arzttermine und Arbeitszeiten unter einen Hut zu bringen. Unser Ziel dabei ist auch, die Impfbereitschaft zu erhöhen“, so Wiedemann weiter.

Die Impfpflicht ist umstritten, sie verletzt das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit. Weiter sind die Auswirkungen einer Pflicht noch unklar.

Dr. Karin Fleischer, Chefärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Ameos-Klinikum Halberstadt, setzt auf die verstärkte Aufklärung von Eltern, die sich in ihrer Entscheidung noch unsicher sind. „Bei unseren Patienten besteht insgesamt eine sehr hohe Impfbereitschaft. Impfgegner haben wir in der Praxis nur ganz vereinzelt. Diese lassen sich jedoch erfahrungsgemäß überzeugen, wenn man sich die Zeit nimmt, sie zu beraten und fachlich aufzuklären“, so die Chefärztin. Auch hätten einige Eltern Falschinformationen zu Nebenwirkungen der Impfungen, die sich jedoch im ausführlichen Beratungsgespräch nahezu immer ausräumen lassen. Nur in sehr seltenen Fällen, z.B. bei bestimmten Erkrankungen des Immunsystems, sei von einer Impfung abzuraten.

Pflicht und Skeptiker

Die Professorin Cornelia Betsch aus Erfurt erforscht Impfentscheidungen. Sie kommt zu dem Schluss, dass durch eine Impfpflicht für eine Krankheit Skeptiker und Gegner andere freiwillige Impfungen eher weglassen würden.

Doch die Impfpflicht könnte sich durchsetzen. Sie findet viel Zuspruch. Der Bund prüft die Möglichkeiten zur Umsetzung. Brandenburg hat als erstes Bundesland eine Impfpflicht eingeführt und auch in Sachsen-Anhalt sprechen sich alle Parteien, bis auf die AfD, für eine Impfpflicht aus.

Die Linke hat sie letzten Monat beantragt. Auch die CDU, SPD und die Grünen positionieren sich für eine Impfpflicht.

Das eigene und andere Kinder schützen

Die Ärztekammer Sachsen-Anhalt spricht sich in Hinblick auf die Betreuung in Kindertagesstätten und Schulen gleichfalls für die Pflicht aus. „Im Interesse der Gesundheit aller kann die Unwissenheit und egoistische Haltung einiger weniger Impfgegner nicht weiter akzeptiert werden, die schwerwiegende Krankheitsverläufe gerade bei Kleinkindern ausblenden“, erklärte Ärztekammer-Präsidentin Simone Heinemann-Meerz.

Für die Leiterin der Kita „Sonnenkäferland“ in Schneidlingen, Andrea Dietze, macht eine Impfpflicht Sinn. „Es geht hier darum, das eigene Kind und alle anderen Kinder und Bürger zu schützen.“ Werde eine Krankheit in die Kita reingetragen, sei die Gefahr groß, dass sich andere anstecken. „Wer übernimmt beim Ausbruch dieser Krankheit, die tödlich enden kann, hier letztendlich die Verantwortung?“, fragt sie sich.

Was Bürger meinen

Zu einer Impfpflicht bei Masern sagt zum Beispiel Daniela Magdzidz aus Schönebeck: "Ich bin für eine Impfpflicht. Man sollte schon auf den Rat des Kinderarztes hören. Und viele Kindergärten oder Horte wollen eh einen Nachweis, dass die Kinder geimpft sind."

Justine Fischmann, Staßfurt, seit drei Wochen Mutter einer Tochter, sieht das ähnlich: "Impfen ist für mich keine Frage. Da vertraue ich der Empfehlung meiner Haus- und Kinderärztin. Ich gehe schon davon aus, dass Impfen generell wichtig ist."

Ronny Wenig aus  Güsten findet: "Die intervallmäßigen Auffrischungen wie gegen Tetanus und Diphterie müssen sein. Aber Grippeimpfung nicht. Als Rettungssanitäter sind wir zudem verpflichtet, uns gegen Hepatitis A und B impfen zu lassen."

Wibke Bergmann aus Biere meint: "Der Impfpass hat ja durchaus seinen Sinn. Wenn dann Leute ihre Kinder nicht impfen lassen wollen oder es einfach vergessen, ist es allen anderen gegenüber nicht fair. Daher halte ich eine Impfpflicht schon für sinnvoll."