Welsleben/Stemmern l „Mega-Mast-Anlage: 350 000 Hühner sind zu viel!" Mit dieser Botschaft begrüßt die Gründerin der Bürgerinitiative „Sauberes Sülzetal", Gabriele Siegel, die Gäste bei ihrem Bürgertreff. Auch Welsleben wäre von dem Bau der Anlage direkt betroffen.

Gabriele Siegel macht mobil gegen die Hähnchenmastanlage, die die Agrar- und Milchhof Stemmern GmbH plant. Mit an ihrer Seite sind auch Bürger aus Welsleben, genau wie Ortsbürgermeister Hans-Jürgen Korn. „Wir haben zusammen mit Gabriele Siegel Bürgerversammlungen gemacht. Wir und die Bewohner von Stemmern sind eine Gemeinschaft", betont Korn. 

Welsleben ist von der geplanten Hühnermastanlage direkt betroffen: „Wir sind genau in der Windrichtung gelegen und stark von dem Geruch betroffen. Außerdem müssen alle Transporte von und zu der Autobahn durch Welsleben fahren", erklärt der Ortsbürgermeister. Er befürchtet, dass die Wohnqualität in Welsleben dadurch stark abnehmen könne. Deswegen setzt er sich gegen den Bau der Anlage ein: „Wir sind sehr empört und haben einige große Bürgerinitiativen ausgerichtet und Protestschreiben verfasst", so Korn. „Wir werden alles daran setzen, dass die Anlage nicht gebaut wird. Zumindest nicht in dieser Größe."

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Ein weiteres Problem ist für den Ortsbürgermeister, dass die Planung nicht wirklich offen gelegt wurde: „Es bedrückt uns, dass es so still und heimlich passiert", ärgert sich Korn. „Und wir verstehen nicht, warum diese Anlage so überdimensional groß sein muss", fügt er hinzu. Dass der Einsatz gegen die Anlage noch weiter gehen wird, ist ihm klar: „An der Situation hat sich nichts verändert, wir werden unsere ganze Kraft für weitere Initiativen bündeln und werden dafür in Welsleben alles mobil machen, was geht", sagt er entschlossen.

Auch Wolfgang Prochnow aus Welsleben will „etwas gegen diese Mastanlage" tun. „Die Massenanfertigung und Massenabfertigung brauchen wir nicht. Wir schmeißen in Deutschland pro Jahr rund zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel auf den Müll, da brauchen wir doch nicht noch so eine Massenanlage hier bei uns in Stemmern. Kleine Ställe in kleinen Bauernhöfen sind da viel sinnvoller. Im Endeffekt schadet solch eine Massentierhaltug nicht nur den Tieren, sondern vor allem auch uns Menschen selbst."

Allein schon die Umweltverschmutzung durch solch eine Anlage sei enorm, so Prochnow. „Wir haben hier den besten Bördeboden für unsere Landwirtschaft, der braucht nicht solch eine Gülle aus solch einer Massentierhaltung."

Gefahr gehe besonders von Keimen aus

Gabriele Siegel sieht weitere Probleme, weswegen sie sich gegen den Bau der Anlage einsetzt: „Vor allem die multiresistenten Keime sind für mich entscheidend. Diese Gefahr sieht man nicht mit dem bloßen Auge, sie wird aber gerade durch solche Groß-Anlagen zu einer Bedrohung, die sich nicht mehr einfangen lässt und ist dann überall gegenwärtig", warnt Siegel. Zum Informationsaustausch hatte Siegel zu einem Bürgertreff eingeladen. Auch das Landesverwaltungsamt hatte sie zuvor über ihre Aktion informiert.

Diese Mastanlage produziere zwar Fleisch, aber in erster Linie zunächst einmal Keime, sagt Siegel. „Gerade Corona verdeutlicht uns diese Gefahr. Der Zusammenhang zwischen der Haltung der Tiere und den Folgen für uns Menschen ist offensichtlich: Gegen solche Keime kommt kein Antibiotika mehr an. Wir sind ihnen hilflos ausgeliefert. Ich möchte die Menschen aufrütteln, sie aus ihrer Lethargie raus reißen." Auch der Bürgermeister der Gemeinde Sülzetal, Jörg Methner, ist beim Bürgertreff im Hof von Siegel mit dabei.

„Nachdem das Landesverwaltungsamt uns keinen Vor-Ort-Termin für ein Gespräch mit den Fraktionsvorsitzenden aus dem Gemeinderat gegeben hat, habe ich nun, ganz aktuell, entsprechend dem Umweltinformationsgesetz einen Antrag gestellt, dass mir von dort Auskunft gegeben wird. Zu dieser Auskunft sind sie verpflichtet. Sobald ich die Infos habe, werde ich alle anderen damit versorgen", kündigt Methner an. Der Bürgermeister hat Verständnis für den Protest, aber die Kommune Sülzetal sei in diesem Genehmigungsprozess nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz nicht Herr des Verfahrens. „Hier hat das Landesverwaltungsamt den Hut auf. Wir, als Gemeinde Sülzetal, haben da keinen Einfluss."

"Normen wurden nur teilweise zitiert"

Matthias Ueltzen aus dem benachbarten Bahrendorf berichtet, dass bereits 2014 die Auslegung der Bauunterlagen statt fand. „Damals habe ich mir tatsächlich die drei Aktenordner durchgeschaut. Ich war entsetzt, mit welch luschigen Unterlagen solch eine folgenreiche Anlage umgesetzt werden soll. Der aktuelle Stand der Technik wurde gar nicht beachtet. Normen wurden nur teilweise zitiert. Das ist Hohn und Spott." Bürgertreff-Besucher Ueltzen vermutet, dass die eingereichten Unterlagen nur Blendwerk gewesen seien, damit das Beteiligungsverfahren anlaufe. „Was tatsächlich geplant wurde, wird nun erst ganz langsam deutlich. Nach meiner Meinung muss das komplette Verfahren neu gestartet werden." Diese Anlage sei „völlig irrsinnig."

Den Sinn der Anlage hinterfragt auch der stellvertretende Bürgermeister von Altenweddingen, Reinhard Schwarzenau. „Wir brauchen hier bei uns im Sülzetal nicht solche Hähnchen. Wir brauchen in Deutschland nicht solche Hähnchen. Die Produktion ist komplett für das Ausland. Hier geht es um die industrielle Fleischproduktion, um nichts anderes. Nicht zuletzt treibt mich vor allem aber auch die Angst vor der Gefahr der Verseuchung des Grundwassers um."

Unter den Gästen im Hof von Gabriele Siegel ist auch Sabine Hoppe aus Stemmern. Nach ihrer Ansicht „sind wir sowieso schon total übersättigt. Auf drei Quadratkilometern eine Milchviehanlage, eine Schwänemast, eine Kompostieranlage und nun soll auch noch eine Hähnchenmastanlage dazu kommen. Das ist zu viel auf so wenig Raum. Hinzu kommt, dass der Fleischmarkt in Deutschland schon lange übersättigt ist. Wenn die Städter meinen, sie müssten so viel Billig-Fleisch kaufen, dann sollen sie sich ihre Mastanlage in Hochhausform bauen, so wie die das in China schon machen."

Mit unter den Protestteilnehmern ist auch Beate Schulze aus Dodendorf. Auch sie erinnert daran, dass „schon im Jahr 2014 gegen die Mastanlage protestiert wurde. Allein schon die Masse der Tiere ist unmöglich. Die werden nicht artgerecht gehalten, das kann ich mir gar nicht vorstellen." Die ganze Umwelt werde durch solch einen Betrieb versaut, kritisiert Schulze gegenüber der Volksstimme. „Solche Anlagen sind aus der Zeit gefallen. Wir haben heute doch ein ganz anderes Verständnis in puncto Tierhaltung und Produktion von Lebensmitteln."