Trabitz/Calbe l Ein wacher Blick durch die Brille. Ein mitreißendes Lächeln. Alexandra Heykeroth sieht niemand an, dass sie sich in den letzten Jahren erfolgreich zurück gekämpft hat - in ihr persönliches Leben, das für die Trabitzerin nun wieder lebenswert geworden ist. Die 32-Jährige trägt einen Schwerbehindertenausweis bei sich. Beide Ohren haben nach ärztlichen Befunden kaum mehr als nur noch eine geringe Hörleistung. Heißt: Heykeroth ist fast taub. Dennoch arbeitet die junge Mutter seit 1. Januar dieses Jahres wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt. Und das in ihrem erlernten Beruf als Kauffrau.

Die sechsmonatige Probezeit im Caritas-Wohnheim St. Elisabeth für beeinträchtigte Menschen in Calbe hat sie inzwischen erfolgreich hinter sich gebracht. Dass sie ihren Job trotz ihrer Beeinträchtigung bewältigen kann, ist für sie ein kleines Wunder. „Denn ich musste das Hören erst wieder ganz neu erlernen“, erzählt die taffe Frau.

Seit dem Ende ihrer Ausbildung verringert sich sukzessive Heykeroths Hörvermögen. Angefangen habe es damit, dass sie Namen nicht richtig oder falsch verstanden habe. Nun beträgt die eigene Hörleistung fast Null. „Hörgeräte nützen bei mir nichts“, meint die gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau. Die Geräte geben lediglich einen Klang in verstärkter Art wieder, der im Ohr entsteht. Doch faktisch, erzählt sie, hört sie ohne technische Hilfsmittel nichts.

Keine Ursache für Gehörlosigkeit

Eine Ursache für die Gehörlosigkeit der Frau konnte bisher nach eigenen Angaben ärztlich nicht festgestellt werden.

In ihrem Büroalltag würde sie ohne Gehör nicht zurechtkommen. Dafür, dass sie ihn trotzdem meistert, sorgt ein Hörimplantat, das unter die Schädeldecke operiert wurde und durch den intakten Hörnerv gesteuert wird. Heykeroth neigt ihren Kopf seitwärts und wischt ihre Haarmähne nach hinten. Zwischen den Haaren sitzt ein silbriger aussehender „Knopf“. Dabei handelt es sich um einen Magneten. Er liefere letztlich die Spannung, dass sie Geräusche und Gesagtes hören kann. „Hören durch digitale Technik ist nicht dasselbe, als wenn das Gehör funktioniert“, senkt sie ihren Kopf. Aber nur kurz. Das Implantat habe ihr Leben verbessert. Insgesamt 22 Elektroden produzieren nun den Klang - anstatt (bei funktionierenden Ohren) mehrere Zehntausende Haarsinneszellen. „Am Anfang hörte sich alles wie ein Einheitsbrei an“, denkt Heykeroth zurück. Um sich das Empfinden ansatzweise vorzustellen, braucht man sich lediglich einen Farbkasten vorstellen. Vermischt man lediglich zwei Töne miteinander, können viel weniger unterschiedliche Klänge erzeugt werden als wenn die gesamte Farbpalette zum individuellen Mischen zur Verfügung steht. So ist es besser nachzuvollziehen, dass die ehrgeizige Trabitzerin sich zusammen mit ihrer Familie - und dort allem voran mit ihrem Ehemann - nach der Implantat-OP hingesetzt hat und alle Geräusche einzeln wieder neu kennenlernte. Das Geräusch aneinander klappernder Schlüssel beispielsweise, das Vogelzwitschern oder den Klang eines Autoblinkers.

Durch Technik mehr Hörleistung

Mit Technikhilfe betrage ihr Hörvermögen bis zu 70 Prozent. An ihrem neuen Arbeitsplatz laufen viele Arbeiten ohne Probleme. So wie etwa die Buchhaltung. Anderes, wie etwa das Telefonieren, bereiten natürlich Probleme. Kommunikation über analoge Telefonanlagen seien nach wie vor sehr schwierig und kaum stemmbar. Die Klangqualität der digitalen Technik sei dagegen besser. „Mit einem Mobilteil kann ich auch Telefonate wahrnehmen“, erzählt Alexandra Heykeroth. Vielleicht, überlegt die Mutter einer dreieinhalb jährigen Tochter, müsse sie auch das Telefonieren neu lernen. In ihrem Büro bringen selbstredend auch des Öfteren Bewohner ihre Anliegen vor. Die direkten Ansprachen verstehe Heykeroth sehr gut. Bisher lief es so. Ihre Erfahrung zeigt, „wenn den Bewohnern ihr Bedürfnis wichtig ist, sprechen sie mich auch geradewegs an“, lächelt sie. Schwierigkeiten bereite beispielsweise, wenn mehrere durcheinander sprächen. Vor allem in Sitzungen sei das problematisch. Ihre neue Chefin, die Leiterin des Wohnheimes Constanze Rotte, zeigt sich überaus zufrieden mit ihrer neuen Mitarbeiterin. Sie sei selbständiger als anfangs gedacht. Überfordern? Nein. Fordern und fördern, ja. Letzteres möchte auch Heykeroth. Ihr Ziel: Auch bei Sitzungen besser verstehen lernen, was die einzelnen Kollegen sagen.

Telefonieren fällt schwer

Nicht immer wird das leicht sein, aber die Hörgeschädigte zeigt sich kämpferisch. Für ihre Tochter. „Sie soll lernen, dass es sich lohnt, nicht aufzugeben“, meint die Mutter. Alexandra Heykeroth hat vor diesem Hintergrund sicherlich Vorbildwirkung. Denn immerhin arbeitet sie als Kauffrau, nachdem sie elf Jahre lang (bedingt durch ihre Hörschädigung) nicht im Ausbildungsberuf arbeiten konnte. Über die Agentur für Arbeit wurde sie schließlich vermittelt. „Sie haben mir die Chance gegeben, aus dem Reinigungsbereich in die Verwaltung zu wechseln“, zeigt sich die Frau äußerst dankbar. Der Integrationsdienst helfe nun mit beim Eingewöhnen. Dort arbeitet Heykeroth jede Woche 30 Stunden lang.

Dass die Entwicklung der Trabitzer Mutter nicht selbstverständlich ist, zeigen zusätzliche Zahlen. So betrüge die aktuelle Zahl an arbeitslosen schwerbehinderten Menschen im Salzlandkreis 325, betont Madeleine Fiedler, Sachbearbeiterin der Bernburger Arbeitsagentur. Für das zurückliegende Jahr seien darüber hinaus insgesamt 142 bei der Agentur für Arbeit in Bernburg gemeldete arbeitslose schwerbehinderte Menschen in eine Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt übergewechselt. In laufenden Jahr (Stand: Juni 2018) hätten diesen Erfolg bereits 62 Menschen im Salzlandkreis geschafft. Das geht aus statistischen Auswertungen der Behörde hervor.