Barby l Wenn eine Band in den 1970ern nicht „Child In Time“ oder „Smoke On The Water“ von Deep Purple drauf hatte, brauchte sie eigentlich gar nicht anzutreten. Das Publikum verlangte danach. Auch Frank Bläsing, Jahrgang 1960, stand auf diese Art des Hard Rock, den unzählige Bands im Rautenkranz immer wieder coverten.

„Damals hätte ich es mir um keinen Preis der Welt träumen lassen, dass meine Helden einmal live in Barby auftreten würden“, gesteht der 59-Jährige. Woran er selbst ein gerüttelt Maß Anteil hat: Denn Bläsing holt seit 1996 Bands in den Rautenkranz, die sonst nur in großen Sälen auftreten.

Lücken im Tourplan

Warum sie nach Klein-Barby kommen? In einen Saal, in dem es bei 400 Stehplätzen schon eng wird? „Oft ist es so, dass die Agenturen Lücken im Tourenplan füllen möchten“, stapelt Frank Bläsing tief. Wenn zum Beispiel Roger Chapman in Hamburg spielte und zwei Tage darauf in München, sei „die Mitte“ der Republik ganz passend.

Hinzu kommt, dass sich Frank Bläsing in über 20 Jahren einen guten Ruf bei den Musik-Agenturen erarbeitet hat: Das Ambiente stimmt, das Catering für die Künstler auch - nicht zuletzt erfüllt der Barbyer die (finanziellen) Verträge zuverlässig. Wie hoch die Gage für die Bands ist? Betriebsgeheimnis.

Keimzeit toppte Rekorde

Zum Auftakt im Jahr 1996 toppte ausgerechnet die ostdeutsche Gruppe "Keimzeit" alle Besucherrekorde. Als ein paar Wochen später die Magdeburger Spaßeingreiftruppe Blues Jackets auftraten, standen bald mehr Musiker auf der Bühne, als Publikum im Saal war.

Finanzielle Rückschläge wie diesen erlebte der mutige Veranstalter auch 2016, als die Rockband „The Quireboys“ mangels Publikumsinteresse abgesagt werden musste. Solche Ereignissen sind freilich ein Schlag ins Kontor.

Internationale Top-Hits

Dennoch macht er immer weiter. So am 1. November, wenn „Pete York‘s Rock & Blues Circus“ nach Barby kommt. York, unter anderem bekannt als Drummer der „Spencer Davis Group“, die mit internationalen Top-Hit‘s wie „Keep On Running“, „Somebody Help Me“, „Gimme Some Lovin’“ oder „I’m A Man“ selbst Musikgeschichte in den 1960ern schrieb.

In seinem Gefolge ist Deep-Purple-Bassist Roger Glover. Der ist mit seinen britischen Hardrockern noch heute gut im Geschäft, gönnt sich aber auch gerne eine Auszeit mit Pete York und Kollegen. „Diesen Auftritt haben wir schon lange im Hinterkopf. Die Organisatoren der Tour mussten nur gucken, wann Roger Glover mal bei Deep Purple frei hat“, erzählt Frank Bläsing. Roger Glover ist auch als Komponist und Musikproduzent erfolgreich. Unvergessen sind die Klassiker „Smoke On The Water“, „When A Blind Man Cries“ oder „Black Night“, um nur einige zu nennen.

Tributeband von Led Zepplin

Am 6. Dezember steht dann die Led Zeppelin-Tributeband „Letz-Zep“ auf der Bühne. Sänger Billy Kulke und seine Mannen decken den kompletten Musikkatalog von Led Zeppelin ab und erweitern ihre Konzert-Setlisten regelmäßig um die eine oder andere Klangperle, verspricht die Band-Info.

Der „Kranz“ hat sich in 23 Jahren einen Namen im Land gemacht. Die meisten Fans reisen auch von weither an, wie beispielsweise ein Norweger zum Konzert der Jazz-Rockband Colosseum oder ein paar Tschechen bei Wishbone Ash.

Seitdem liest sich Bläsings Gästebuch wie ein Who’s Who der Pop-Geschichte: Nach solchen Größen wie Canned Heat, Melanie („Ruby Tuesday“), Slade, Nazareth, Manfred Man’s Earthband, Ten Years After, Roger Chapman, M3 White Snake oder Wishbone Ash, Molly Hatchet nun also Roger Glover und Genossen.

Kulttempel in Szene bekannt

„Pete York wird in Europa nur wenige Konzerte geben, und wir veranstalten davon eines“, freut sich Bläsing, der sich heute nicht mehr großartig um Bandauftritte kümmern muss. Der „Kulttempel Kranz“ hat sich in der Szene herum gesprochen, auch in der internationalen.

Nicht selten übernachten die Oldstars auch im Rautenkranz. Dann sind Bläsing und sein Team ganz dicht dran an ihnen. Als Manfred Man 2002 ein grandioses Konzert gab, wurde vorher ausgiebig getafelt. Der Wirt hatte in der Hektik versäumt, dem Meister, der in den 1960ern so bekannt wie die Beatles, Rolling Stones und Kinks war, seinen Pudding zu kredenzen. Manfred Man schielte vorwurfsvoll über die Brille und knurrte: „Where’s my dessert?!“

Sonderwünsche werden erfüllt

Oder Roger Chapman. Dessen Catering-Vertrag regelte klar und deutlich, dass ein paar Flaschen australischer Rotwein der Marke „Shiraz“ hinter der Bühne stehen mussten. „Ich war in der Metro und habe ausversehen südafrikanischen Shiraz gekauft“, erinnert sich Bläsing.

Als er bei der Konzertagentur vorsichtshalber anklingelte, um zu fragen „ob das schlimm“ sei, sei der Tourmanager aus allen Wolken gefallen: „Um Gottes Willen, Roger Chapman trinkt nur australischen Rotwein der Marke Shiraz!“ Also machte sich der Barbyer kurz vor dem Konzert noch mal hektisch in die Spur nach Magdeburg ...

Und noch eine Story, die beweist, dass Rockmusik offensichtlich Jungbrunnen-Qualitäten besitzt: Der Bassgitarrist von Ten Years After (Woodstock-Festival-Teilnehmer 1969) humpelte über den Saal, als müsse er tagsdarauf zur Hüftgelenk-OP. „Wir haben gedacht: Das Konzert hält der nie durch“, weiß Frank Bläsing noch genau.

Als der Brite dann mit seinem fünfsaitigen Fenderbass wenig später auf der Bühne stand, war alles Ungemach wie fortgeblasen und von Humpelei keine Spur mehr. Was uns zeigt: Rock‘n‘Roll ist ein Jungbrunnen.

In diesem Sinne: Keep on rocking! Karten gibt es schon. Rautenkranz, Telefon (03 92 98) 3396