Schönebeck l An einem Montagmorgen im Januar fährt der Schönebecker Axel Wengel über Ostelbien zur Arbeit nach Magdeburg, als er plötzlich einen Wolf sieht. „Das war ganz eindeutig ein Wolf. Das erkennt man am Kopf. Und der Schwanz ist nach unten gerichtet“, berichtet der 59-Jährige damals ganz unaufgeregt der Volksstimme. Kurz hinter dem Ortseingang Elbenau rennt das Raubtier vor seinem Auto über die Straße. Der Schönebeck stoppt seinen Wagen. Wolf und Menschen schauen sich an. Nach einer Weile verschwindet das Tier. Angst hatte Wengel in dem Augenblick nicht, wie er sagt. „Ich habe mich nur gewundert, dass sich ein Wolf in der Nähe eines Wohngebietes herumtreibt“, sagt er.

Da Axel Wengel von der Begegnung kein Foto gemacht hat, bleibt die Sichtung zunächst unbestätigt. Wolf oder Hund? Gerade im Dunkeln können Irrtümer entstehen. Doch wenige Tage später macht eine Meldung aus Magdeburg-Buckau die Sichtung von Elbenau plausibel: Im Süden der Landeshauptstadt wurde ein Wolf gesehen. Experten konnten das Tier auf einem Foto eindeutig bestimmen. Offenbar war das Tier über Ostelbien nach Magdeburg gewandert.

Wolf oder Hund?

„Wölfe können am Tag bis zu 70 Kilometer zurücklegen“, sagt Andreas Berbig vom Wolfskompetenzzentrum, das sich in Ideen im Landkreis Stendal am Rande der Altmark befindet. Auftrag der Einrichtung ist, die natürliche Wiederansiedlung des Tieres in Sachsen-Anhalt zu begleitet. „Inzwischen soll allen Arten ihr Lebensraum eingeräumt werden“, sagt Berbig. Bisher wurden in ganz Sachsen-Anhalt 92 Wölfe in zwölf Rudeln nachgewiesen. Die Tiere leben vor allem im Norden und Osten des Bundeslandes, unter anderem in der Colbitz-Letzlinger Heide, im Jerichower Land, rund um Möckern und der Oranienbaumer oder Annaburger Heide. Das Kompetenzzentrum soll helfen, Konflikte zwischen Mensch und Wolf zu entschärfen. Denn Konfliktpotenzial besteht spätestens dann, wenn der Wolf Nutztiere tötet.

Bilder

Für ihre Aufgaben vermerken die fünf Mitarbeiter sämtliche Wolfsspuren und Sichtungen in Sachsen-Anhalt und untersuchen bei Angriffen auf Nutztiere mit DNA-Tests, ob ein Wolf hinter der Attacke steckt. Außerdem beraten sie Landwirte beim Schutz ihrer Tiere und informieren die Öffentlichkeit über den Wolf.

Im laufenden Jahr mussten die Experten in Sachsen-Anhalt bisher 57-mal zu gemeldeten Angriffen auf Nutztiere ausrücken. Davon kamen drei Meldungen aus dem Salzlandkreis. „Wir entnehmen bei den Tieren mit einem Wattestäbchen eine DNA-Probe an der Bisswunde“, erklärt Berbig.

Ähnlich wie im Krimi können Spuren von Speichel oder Haaren den Angreifer entlarven. War es ein Wolf oder ein Hund? Der Hund stammt zwar vom Wolf ab, dennoch lässt sich anhand des genetischen Fingerabdrucks eine eindeutige Unterscheidung vornehmen. „Wichtig ist, dass die Probe innerhalb von 24 Stunden nach dem Riss genommen wird, damit die Spuren verwertbar sind“, sagt Andreas Berbig. Landwirte sind daher angehalten, getötete oder verletzte Tiere umgehend bei einer Notfallnummer des Kompetenzzentrums zu melden.

Sämtliche Proben aus ganz Deutschland werden ins Forschungsinstitut Senckenberg in Hessen zur Untersuchung geschickt. Je nach Qualität der Proben kann das ein paar Wochen dauern. 2019 wurde bisher im Januar und im Februar jeweils ein gerissenes Kalb am Ostelbischen Ufer von Schönebeck gemeldet. In beiden Fällen ergab der DNA-Test eindeutig, dass die jungen Rinder von Hunden getötet wurden.

Anders sah dann im April aus. Wieder wurde ein Kalb auf einer Wiese in Ostelbien gerissen. Doch in diesem Fall konnte das angreifende Tier aufgrund einer unzureichenden Probe nicht eindeutig bestimmt werden. „Beim kleinsten Zweifel vermerken wir, dass ein Wolfsriss nicht ausgeschlossen werden kann“, sagt Berbig. „Sonst machen wir uns bei den Tierhaltern unglaubwürdig.“

Wolfsrisse im Salzlandkreis

Auch in den Vorjahren kam es nur zu vereinzelten Vorfällen in der Region. 2018 wurden drei Risse im ganzen Salzlandkreis gemeldet. Am 20. Juni hat ein Wolf mehrere Tiere bei Barby getötet, darunter drei Schafe und vier Ziegen. Der DNA-Test wies eindeutig auf einen Wolf hin. In Könnern wurde am 17. September ein Schaf getötet. In diesem Fall war der Übeltäter ein Fuchs. Am 29. September tötete ein Wolf drei Schafe in Barby und verletzte drei Tiere. Die Volksstimme berichtete am 4. Oktober über den Vorfall unter dem Titel „Wolf reißt Schaf im Lödderitzer Forst“.

Fälle aus Schönebeck wurden im Vorjahr nicht gemeldet. Der vermutlich erste Bestätigte Wolfsriss vom ostelbischen Ufer der vergangenen Jahren stammt vom September 2017, bei dem ein Kalb getötet wurde. Bis vor wenigen Jahren kamen Angriffe durch Wölfe im Salzlandkreis so gut wie nicht vor. Wenn überhaupt, durchquerten Wölfe die Region. Inzwischen gehen die Experten aus Iden davon aus, dass sich ein Rudel im Lödderitzer Forst und damit im Grenzgebiet zwischen dem Salzlandkreis und dem Landkreis Anhalt-Bitterfeld niedergelassen hat.

Keine dauerhafte Ansiedlung

Am Ostelbischen Ufer von Schönebeck hat sich im Gegensatz zu anderen Region noch keine Wolfsrudel dauerhaft angesiedelt. Stattdessen werden immer wieder einzelne Tiere gesichtet. Und sie gehen in die Falle. In die Fotofalle von Jens Dedow, dem Revierförster und Vorsitzenden der Jägerschaft von Schönebeck. „Ich habe mit einer Fotofalle mehrfach ein größeres und ein kleineres Tier aufgenommen“, sagt er. Dem Augenschein handelt es sich dabei um ein männliches Tier und ein Weibchen.

Bisher waren die beiden Wölfe nur einzeln auf den Fotos zu sehen. Dedow will aber nicht ausschließen, dass sich die beiden Tiere in der nächsten Zeit zusammentun und im kommenden Jahr Nachwuchs kriegen. Dann könnte sich ein Rudel in Schönebeck ansie-deln.

In seiner Eigenschaft als Revierförster hält sich Jens Dedow zurück. Doch als Vorsitzender der Jägerschaft von Schönebeck sieht er das Thema Wolf kritisch. „Es ist ja gut, dass der Wolf wieder da ist. Es nimmt aber Überhand“, sagt der Vorsitzende der Jägerschaft Schönebeck. Vor allem Landwirte hätten darunter zu leiden, wenn Weidetiere wie Schafe gerissen werden.

„Die Probleme mit dem Wolf werden zunehmen, weil es viel Konfliktpotenzial gibt. Der Wolf wurde nicht ohne Grund beinahe ausgerottet“, sagt er. Früher oder später müsste die Zahl der Wölfe wieder reguliert werden. Sprich: Der Wolf sollte gejagt werden. „Noch ist kein Mensch angegriffen worden. Aber sobald das erste Rotkäppchen gefressen wird, ist das Geschrei groß“, sagt Jens Dedow.

Kritik

Kritik übte der Jäger auch an der Arbeit des Wolfskompetenzzentrums. „Die Leute beschäftigen sich gern mit den Wölfen und sagen uns Bescheid, wenn die Tiere da sind. Das wissen wir aber schon, und es ändert auch nichts an den Problemen“, sagt Dedow.

Tatsächlich werden die Experten teilweise ähnlich kritisch beäugt wie der Wolf selbst. Vielen Wolfsgegnern gelten sie als Anwalt der Raubtiere, die um jeden Preis deren Ausbreitung erzwingen wollen. Sie selbst sehen sich allerdings in einer Vermittlerrolle. „Verständlicherweise werden Landwirte emotional, wenn ihre Tiere gerissen werden. Letztendlich verstehen die meisten aber, dass wir beim Schutz ihrer Herden helfen wollen“, sagt Berbig.

So beraten seine Mitarbeiter vor allem beim Bau von elektrischen Schutzzäunen, deren Anschaffungskosten vom Land zu 80 Prozent gefördert werden. Für gerissene Tiere werden die Landwirte entschädigt, wenn sie trotz Schutzvorrichtungen von einem Wolf gerissen wurden. Insgesamt hat das Land in den vergangenen zehn Jahren mehr als 800 000 Euro für Schutzmaßnahmen und Entschädigungen ausgegeben.

Dass es bei der Ausbreitung des Wolfes Grenzen geben kann, ist allerdings auch den Mitarbeitern des Wolfskompetenzzentrums bewusst. „Wenn einzelne Wölfe lernen, über Elektrozäune zu springen und immer wieder Nutztiere reißen oder ihre Scheu vorm Menschen verlieren, lässt sich ein Abschuss manchmal nicht mehr vermeiden“, sagte Berbig. Diese so genannte „Entnahmen“ von Problemwölfen sei aber im Einzelfall schon nach der heutigen Gesetzeslage möglich. Eine Aufnahme ins Jagdrecht, wie von vielen Jägern gefordert, würde daher keinen Sinn ergeben, findet Berbig. Denn selbst im Jagdrecht dürften Wölfe als ganzjährig geschützte Art gar nicht von Jägern bejagt werden.

Normalerweise würden Wölfe gar nicht gezielt eingefriedete Herden von Nutztieren angreifen. „Wolfe jagen einzelne Tiere im Wald, die weglaufen“, sagte Berbig. „Mit einer Herde stehender und blökender Tiere können sie wenig anfangen.“ Eingezäunte Schafe und Kälber würden eher zufällig gerissen. Entsprechend haben Kotproben ergeben, dass sich die Raubtiere nur zu 0,8 Prozent von domestizierten Tieren ernähren. „Wenn Wölfe tatsächlich in erster Linie Nutztiere fressen würden, dann hätten wir wohl ein echtes Problem“, sagt Berbig. Stadtdessen ernähren sich Wölfe vor allem von Rehen, Hirschen, Wildschweinen und Hasen.

Im vergangenen Jahr haben die 92 Wölfe in Sachsen-Anhalt bei 56 Angriffen insgesamt 174 Nutztiere gerissen. Das wären weniger als zwei Tiere pro Wolf im Jahr. Dass das den Landwirten auch nicht hilft, ist Andreas Berbig allerdings bewusst.

Doch auch wenn viele Landwirte und Jäger die Rückkehr des Wolfes kritisch sehen, hat Berbig mittlerweile bei einigen Revierförstern ein Umdenken festgestellt. „Die Förster merken, dass die Wölfe ihnen bei ihrer Aufgabe helfen, das Wild zu regulieren“, sagt er.

Doch können Wölfe eigentlich dem Menschen gefährlich werden? „Begegnungen mit Wölfen sind extrem selten. Wer doch einmal einen Wolf sehen sollte, kann sich entscheiden, ob er sich darüber freut oder ihn lieber mit lautem Klatschen vertreibt“, so der Experte. Natürlich ist der Wolf ein Raubtier, und Angriffe könnten nicht für alle Zeiten ausgeschlossen werden. Genausogut könnten Waldbesucher aber auch von einem Wildschwein attackiert werden. „In den vergangenen 20 Jahren, in denen sich der Wolf wieder ausbreitet, wurde noch kein bestätigter Angriff auf einen Menschen registriert“, versichert Andreas Berbig. Auch die Meldung aus dem vergangenen Jahr über einen gebissenen Gärtner in Niedersachsen konnte durch DNA-Tests nicht bestätigt werden.

Der Wolfsexperte aus Iden hat selbst auch nur ein einziges Mal einen Wolf in freier Wildbahn gesehen. Da war Berbig gerade mit dem Fahrrad zur Arbeit unterwegs. Angst hatte er keine.