Glinde/Pömmelte l Derweil man sich über das Ergebnis der Ortschaftsräte bedeckt hält, sind die Reaktionen in den sozialen Medien dagegen eindeutiger. Auslöser war die Brandstiftung des leer stehenden Gasthofes „Zur Eiche“ in Pömmelte, den ein Verein zum Kulturhaus umfunktionieren wollte.

Wie soll man mit dem heiklen Fall der Pömmelter Brandstiftung umgehen, nachdem die „Nestwärme“ angekündigt hat, die Zelte in Glinde abzubrechen und anderswo aufzuschlagen? Wird dann alles „gut“. Jedenfalls für den Standort Glinde?

Um diese Frage zu erörtern trafen sich die Ortschaftsräte beider Dörfer am Mittwoch, 9. Dezember 2020, zu einer außerplanmäßigen Sitzung. Was dort gesprochen wurde, fällt knapp aus. Pömmeltes Ortsbürgermeister Peter Liensdorf spricht von einem „Waffenstillstand“ zwischen der „Nestwärme“ und den beiden Gemeinden.

Kontakt nicht gesucht

Auch Glindes Ortschef Norbert Langoff hält sich bedeckt. Man wolle nicht noch mehr „Öl ins Feuer gießen“. Dennoch kann es sich Langoff nicht verkneifen, auf den öffentlichen Vorwurf von Nestwärme-Geschäftsführer Remo Kannegießer einzugehen, der den Glindern einen „mangelnden pädagogischen Ansatz“ vorwarf.

Weil die Einrichtung der „Nestwärme“ immer wieder mit Vorgänger Kannenberg verglichen wird, wo es bei ähnlichen Problem-Jugendlichen nicht zu derartigen Vorfällen kam, lässt sich Langoff zumindest zu dem Satz hinreißen: „Im Gegensatz zum Vormieter (Kannenberg, Anm. d. Red.) hat die Nestwärme nie den Kontakt zum Dorf gesucht.“ Gemeint ist die hilfreiche Präsenz der Kannenberg-Akademie bei Glinder Veranstaltungen.

Was sagt nun das Umfeld zu dem Vorfall? Nachfolgende einige Stimmen.

Einrichtungen notwendig

Stadtratsvorsitzender Klaus Strobel: „Ich verstehe die Glinder sehr wohl, weil es, nachdem was alles vorgefallen ist, keine Veränderungen gegeben hat, das zu verhindern. Andererseits sehe ich die Notwendigkeit von derartigen Einrichtungen, die problematische Jugendliche groß werden lassen. Jetzt ist die Situation so verfahren, dass es keine andere Möglichkeit mehr gibt, als den Rückzug des Trägers.“

„Ich finde es wirklich empörend, wenn der Leiter des Vereins Nestwärme, Remo Kannegießer, dem man eigentlich pädagogische Fähigkeiten zugestehen sollte, sich öffentlich über die angebliche Dummheit eines ganzen Dorfes in dieser Weise äußert.“

Große Ratlosigkeit

Sein Vorgänger Ernst Neugebauer, der als Pfarrer seit Jahrzehnten die Glinder kennt: „Mit Blick auf manche Jugendliche gibt es eine große Ratlosigkeit, weil man nicht weiß, wie man ihnen helfen kann. Manche wollen sich auch nicht helfen lassen, weil sie nicht davon überzeugt sind, dass es die anderen gut mit ihnen meinen. Weil sie offenbar nicht in der Lage sind, mit der Freiheit, die sie haben, verantwortungsbewusst umzugehen.“

Neugebauer verrät auch einen Gedanken, den er hatte, als vom Glinder Heim erneut eine Straftat ausging: „Im ersten Moment habe ich gedacht, die wären in einer geschlossenen Einrichtung besser untergebracht.“ Er fügt ein Aber hinzu: Freiheitsentzug dürfen nur Gerichte anordnen, was in der Regel erst dann geschehe, „wenn das Kind im Brunnen liegt“. Er wisse, dass das keine Antwort auf die Frage sei, was eigentlich dahinter steckt. „Nein, das ist eine Kapitulation vor den Fragen“, so Ernst Neugebauer.

Diskussionen in sozialen Netzwerken

In einem Leserbrief meldete sich Birgit Hoffmann aus Pömmelte. Sie schreibt: „Ich finde es wirklich empörend, wenn der Leiter des Vereins Nestwärme, Remo Kannegießer, dem man eigentlich pädagogische Fähigkeiten zugestehen sollte, sich öffentlich über die angebliche Dummheit eines ganzen Dorfes in dieser Weise äußert. (Zitat: Glindesche Lebens-Atmosphäre kein ausgeprägtes Bildungsumfeld)

 Auf der Facebookseite „Interessantes in und um Barby“ wird das Thema ebenfalls diskutiert. (Nachfolgend einige Auszüge):

• Rene Prößel: „Achso, weil eine Tür offen steht, gehe ich da rein und zünde das Haus an. Dann sind die Eigentümer also selbst schuld. Die Nestwärme sollte mal lieber ihr ‚pädagogisches‘ Konzept überdenken.“

• Sandra Schüler: „Mir tun die Menschen leid, die die Einrichtung wirklich möchten.“

• Stefan Paasche: „Für solche Kinder braucht man eigentlich ganz andere Konzepte, als sie ‚Nestwärme‘ anbieten kann. Aber die sind derzeit bundesweit nicht umsetzbar.“

Christine Nutsch: Auf den Eintrag von Rene Prößel: „Vielen Dank. Ich dachte schon, nur ich interpretiere zu viel hinein. Aber genauso lese ich es auch. Selbst Schuld, wenn dort Feuer gelegt wird. Stand ja schließlich die Tür offen. Beim Lesen überkommt einen auch der Eindruck, als wären die Glinder und Pömmelter selbst verantwortlich, dass das alles passierte. Die dörfliche Idylle hat eben kein Bildungsumfeld, und es fehlt der pädagogische Ansatz. Bitte was?! Das scheint mir doch eher die Aufgabe des Trägers zu sein.“

Christian Oder So: „Aber komischerweise hat alles beim Vorgänger (Kannenberg) funktioniert. Da gab es nicht solche Vorfälle!“

Maria Mathias Hirschmann: „Dieser Bericht ist eine große Frechheit.“

Normen Bernau: „Man muss immer beide Seiten sehen. Weil einige Kinder es nicht begreifen, darf man die anderen Kinder, wo Hoffnung und Willen bestehen, nicht mit ins Feuer werfen. Ansonsten sind wir bald wieder im Mittelalter und gehen mit Mistgabel und Sense aufeinander los! Wir müssen die Bewohner und die Kinder verstehen, die auf eine bessere Zukunft hoffen, als sie ihre Eltern hatten! Die beiden Täter gehören bestraft. Aber was ist mit den anderen? Soll man nun auch auf die Kinder einschlagen? Ich verstehe auch die Bevölkerung. Das Fass ist voll! Aber gemeinsam, ohne aufeinander los zu gehen, könnte auch zu einer Lösung führen. Die Kinder sind nun mal auch Opfer unserer Zeit. Genauso wie die Bewohner der Orte Opfer sind. Ich hoffe einfach auf eine friedliche und gute Lösung für beide Opfer. Bewohner und Kinder. Und das bitte ohne Wut, Fackel und Mistgabel!“