Barby l Hartmut Engmann (65) ist seit seinem 21. Lebensjahr leidenschaftlicher Nudist. Die Elbe spielt dem pensionierten Beamten des öffentlichen Dienstes in die Hände: „Diese Strände sind so wunderbar leer und einsam.“

Hier sei man frei, es herrsche kein Massentourismus. Dies komme dem Schönebecker besonders entgegen, da seine Passion oft missverstanden werde. „Haben Sie schon mal einen Entblößer gesehen, der von oben bis unten braun ist“, deutet er auf seinen Körper. Einige Leute seien „irritiert“, wenn er im Adamskostüm in die Fluten springt.

Abseits der Straße

Wenn nicht gerade „offizielle Veranstaltungen“ im Camp waren, sah man den Rentner im Adamskostüm umher laufen. Zwar hielt er sich von der befahrenen Straße fern, dennoch konnte man ihn auf den Wiesen sehen.

Zu DDR-Zeiten, als FKK noch gang und gäbe war, sei man noch entspannter gewesen. Der Blick auf die Nacktheit habe sich in den vergangenen Jahrzehnten auf seltsam widersprüchliche Art gewandelt, meint Engmann. Selten zuvor würden Menschen heute mit so vielen Bildern des nackten menschlichen Körpers konfrontiert, in Filmen und der Werbung. Dazu stellten gerade junge Menschen in sozialen Netzwerken oft bedenkenlos große Teile ihrer Privat- und Intimsphäre öffentlich aus. „Ich habe den Eindruck dass öffentliche Nacktheit zunehmend verschwindet“, sagt der Schönebecker.

Nur wenige Leute würden ihn bei seinem hüllenlosen Tun ansprechen: Wenn ja, gäbe es zwei Möglichkeiten: „Die Einen sind erstaunt, wenden auch schon mal verschämt den Blick ab, andere werfen mir Unsittlichkeit vor.“ Mit beidem habe er gelernt, umzugehen. Denn schließlich gehe es um seinen Körper und seine Gesundheit. „Einige meiner gleichaltrigen Bekannten bedeckt schon der grüne Rasen oder sie sind krank. Ich hatte noch nie etwas“, blickt der 65-Jährige resolut über seine Brille. Vor allem das Baden sei Genuss und Therapie gleichzeitig.

Warten auf 18 Grad Celsius

„26 Grad Wassertemperatur sind für mich eigentlich viel zu warm. Am liebsten mag ich 18 Grad“, gesteht Engmann. Damit spielt er auf die aktuelle Temperatur des Elbewassers an. Er gehe zwischen März und Oktober regelmäßig baden. Entweder in den Pretziener Seen oder eben der Elbe. Dabei tanke er „reichlich“ das lebenswichtige Vitamin D.

Über die Geschichte der Nudisten- oder Naturistenbewegung weiß Hartmut Engmann genau Bescheid. Sie gehe auf die Zeit des Kaiserreiches zurück, wo die Arbeiter tagtäglich nur endlose Fabrikhallen, dunkle Hinterhöfe und ihre beengten Quartiere sahen.

Trotz Arbeitszeiten von 14 Stunden reichte der Lohn oft nicht aus, um die Familie zu ernähren. Nur sonntags blieb die Fabriksirene still. Berge, Seen und stadtnahe Natur blieben unerreichbar: Die Eisenbahnfahrkarten oder die Übernachtung in einer Herberge waren praktisch unerschwinglich. In der Stimmung des Aufbruchs nach dem Fall des „Sozialistengesetzes“ 1890 entstanden zahlreiche Vereine, die die Freizeit der unteren Schichten prägten und ihre Lebenswelt verbessern wollten: von Arbeitergesangsvereinen über Arbeiterbildungsausschüsse, zur sozialistischen Freidenkerbewegung bis hin zu den Naturisten.

Aus der Geschichte der Nudisten

Für frühe Naturisten bedeutete das Ablegen der Kleidung der Fall von Klassenschranken: „Wir sind nackt und nennen uns Du!“ lautetete ein Wahlspruch, der besonders in den 1920er Jahren wirkte.

Heute gibt es sogar Nudistenwanderwege, wie die 18 Kilometer lange Strecke zwischen Wippra und Dankerode (Harz). „Da war ich auch schon. Aber so steinig mag ich es nicht. Ich habe es mehr mit der Elbe oder den Plötzkyer Seen“, gesteht Hartmut Engmann.

Mittlerweile hat er seinen Wohnwagen mit Naturdusche in Barby abgebaut und ist wieder in seinen Garten nach Schönebeck umgezogen.