Schönebeck l So eine Operette kann schon mal knapp drei Stunden dauern. Da ist auch Sitzfleisch gefragt, gerade auf den eher rustikalen Sitzbänken im Freilichttheater am Bierer Berg, wo bereits seit 24 Jahren der Operettensommer aufgeführt wird. Doch offenbar entwickelten sich die harten Holzbänke mit der Zeit zum Problem. „Wir hatten zuletzt rückläufige Besucherzahlen“, sagt Anita Bader, Geschäftsführerin der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie.

So waren in diesem Jahr 15 100 Besucher gekommen, rund 2000 weniger als noch im Vorjahr. Einer der möglichen Gründe: 2018 stand die bekannte Operette „Der Vogelhändler“ von Carl Zeller auf dem Spielplan. Franz von Suppés „Boccaccio“ von diesem Jahr ist hingegen nicht so populär. Doch die Veranstalter wollten es genauer wissen und fragten beim Publikum nach. Die einhellige Antwort: „Gerade vielen älteren Besuchern waren die Sitzbänke einfach zu hart“, sagt Anita Bader.

Sitze wie beim 1. FC Magdeburg

Vor allem die fehlende Rückenlehne machte einigen Operettenliebhabern offenbar zu schaffen. Zwar wurden an der Freilichtbühne am Bierer Berg ausklappbare Lehnen verliehen. Doch eine wirklich komfortable Lösung war das nicht. Daher kamen die Mitarbeiter der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie auf die Idee, die Freilichtbühne mit Hartschalensitzen mit Rückenlehnen auszustatten. Schnell wurde ein Anbieter aus Österreich für die Sitze gefunden. „Das sind die gleichen Sitze wie beim 1. FC Magdeburg“, sagt Anita Bader und lacht. Naja, zumindest so ähnlich.

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Allerdings stellte sich dann die Frage der Finanzierung. Ein neuer Sitz soll 25 Euro inklusive Montage kosten. Für die einzelne Sitzgelegenheit mag das nicht viel sein, aber bei insgesamt 650 Sitzen sind das immerhin schon 16 250 Euro. „Deswegen haben wir daraus eine Crowdfunding-Aktion gemacht“, sagt Anita Bader. Beim Crowdfunding, manchmal übersetzt als Schwarmfinanzierung, geht es darum, dass eine Masse an privaten Unterstützern ein Vorhaben selbst über Spenden finanziert. Häufig geschieht das über das Internet, auch wenn Anita Bader darauf verzichten möchte. Beim Freilichttheater können somit nun Privatpersonen eine Patenschaft für einen Stuhl über 25 Euro für zwei Jahre übernehmen und ihn damit sponsern. Dafür wird eine Plakette mit dem Namen der Spender auf der Rückseite des Sitzes. „Auch Unternehmen können einen Sitz ab 50 Euro aufwärts kaufen“, sagte Anita Bader. Wobei es natürlich auch mehr sein darf.

Ticketpreise bleiben stabil

Auswählen können die Paten ihren Stuhl aber wohl in der Regel nicht. Und erst ab 2021 sollen die Unterstützer auch ein Vorkaufsrecht auf Tickets für „ihren“ Sitz erhalten. In der kommenden Saison wird das hingegen noch nicht möglich sein. Denn: „Wir haben bereits über 40 Prozent aller Tickets für die nächste Spielzeit verkauft“, sagt Anita Bader. Immerhin verspricht die Geschäftsführerin, dass die Ticketpreise für den Operettensommer trotz der neuen Sitzgelegenheiten 2020 nicht steigen sollen. Für sämtliche Sitze will die Mitteldeutsche Kammerphilharmonie bis zum Saisonbeginn Paten finden. Tatsächlich werden nur die Sitze gekauft, die auch finanziert sind.

Weiteres Thema neben der Finanzierung war auch die Farbe der Sitze. „Wir haben uns grün gewünscht, weil das gut in den Wald am Bierer Berg passt“, sagt Alexander Klinger, Vertriebsleiter und gleichzeitig Tenor beim Operettensommer. Doch so einfach war das mit der Farbe nicht. Denn beim gesamten Areal des Bierer Berg handelt es sich um ein Flächendenkmal. Und deshalb hat der Denkmalschutz ein Auge auf die verwendeten Farben. Und so bleibt den Theaterleuten nur noch die Wahl zwischen Grau- oder Brauntönen. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. „Die Farbe ist mir auch egal. Hauptsache, die Besucher sitzen bequem“, sagt Bader.

Am Donnerstag hatte die Mitteldeutschen Kammerphilharmonie nun zum Probesitzen auf den Bierer Berg geladen. „Sehr bequem“, sagte Schönebecks Oberbürgermeister Bert Knoblauch (CDU), nachdem er Platz genommen hat. Auf den Holzbänken hätten ältere Gäste von ihm auch schon Probleme gehabt. Auch Landrat Markus Bauer (SPD) freute sich über die geplanten neuen Sitze. „Das ist wirklich ein Qualitätssprung für den Bierer Berg“, sagte der Landrat, der sich darüber ärgert, dass Kultur nur eine freiwillige Aufgabe für die Kommunen ist. Was wiederum bedeutet, dass der Staat nur im sehr eingeschränkten Maß Geld für Kultur zur Verfügung stellen kann. „Das ist doch blöd. Kultur sollte eine Pflichtaufgabe sein, weil sie uns voran bringt“, sagte Markus Bauer.

Landrat und Oberbürgermeister kündigten an, dass sie ebenfalls mehrere Stühle sponsern werden. Viel Lob für die beiden gab es von den Verantwortlichen der Kammerphilharmonie, da sich die Politiker für die Bestuhlung eingesetzt haben sollen. Ab Juni wird „Die lustige Witwe“ Franz Lehár gegeben. Die Proben für das größte Operettenfestival Deutschlands beginnen im Mai.

Patenschaften für Sitze im Freilichtmuseum am Bierer Berg können telefonisch bei der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie bestellt werden unter 03928 40 05 97