Barby/Calbe l „Hallo, hier ist die Bine“, sagt sie, als sie das Zweibettzimmer im Haus „Am Klosterhof“ des Seniorenwohnparkes der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Barby betritt. Er prustet und lacht laut los: „Biene Maja.“ Sie schaut ihn mit übertrieben bösen Blick an: „Habe ich denn Flügel?“ Er dreht sich zu einem Zimmerbewohner und raunt ihm für alle gut hörbar zu: „Die hat sie bestimmt nur versteckt.“ Der ältere Herr lächelt aus seinem Bett heraus. Das Eis ist sofort gebrochen, die „Vorstellung“ kann beginnen. An diesem Tag – einige Wochen vor Corona wohlgemerkt – touren Kalle und Bine durch einige Zimmer und sind dann im Gruppenraum. Ihre Mission ist klar: Sie wollen bei den Bewohnern – ob bettlägerig oder dank Rollator noch mobil – für gute Laune sorgen, für ein Schmunzeln oder einen herzlichen Lacher.

Martin Rilke und Franka Schneider-Herzig sind als Pflege-Clowns Kalle und Bine in der Barbyer Einrichtung unterwegs. Nicht tagtäglich, eher nach Bedarf und wie es bei den beiden passt. Denn sie machen es ehrenamtlich. Und gehören mit zu den Pionieren eines neuen Projektes der Arbeiterwohlfahrt Sachsen-Anhalt.

Angenehme Erinnerungen

Anzutreffen sind sie ab und an – natürlich nicht in der jetzigen Corona-Situation – auch im Awo-Krankenhaus Calbe. Stefan Schütze, Chefarzt der Klinik für Akutgeriatrie sowie der Klinik für Innere Medizin und ärztlicher Leiter, weiß ihren Einsatz zu schätzen. „Oftmals verbinden Patienten mit Clowns angenehme Kindheitserinnerungen an den Zirkus und eine Zeit ohne Sorgen und Probleme, so dass ihr Gehirn sprichwörtlich auf andere Gedanken gebracht wird, weg von den Gedanken, welche sich nur mit der aktuellen Krankheit beschäftigen.“ Zudem könnten Patienten im Kontakt mit den Clowns jegliche Art von Emotionen – auch unterdrückte wie Wut, Trauer, Angst oder Hoffnungslosigkeit – kommunizieren, welche die Angehörigen möglicherweise überfordern würde. „Gerade schwer Erkrankte versuchen, ihre Angehörigen zu schützen und verbergen oft ihre negativen Gefühle. Eine Begegnung mit einem Clown kann bei der Verarbeitung und Bewältigung einer Krankheit wie auch der Heilung äußerst hilfreich sein“, weiß Stefan Schütze.

Bilder

Mit dem Aufsetzen der roten Nase hat sich Martin Rilke einen lang gehegten Wunsch erfüllt. „Ich habe schon immer davon geträumt, ein Krankenhaus-Clown zu werden. Eigentlich für Kinder ...“, erzählt der 51-jährige Schönebecker. Als er von dem Awo-Seminar gehört hat, habe er sich einfach angemeldet – und es auch erfolgreich abgeschlossen. „Ich habe einen Faible für Schauspielerei und Clownerie“, gesteht Rilke, der beruflich als Maschinenbediener arbeitet.

Lachen als Lohn des Künstlers

Wenn er das Kostüm anzieht, werde er zum ganz anderen Menschen. „Egal, was man erzählt: Mehr als als Clown kann man nicht betitelt werden und das ist ja in unserem Fall dann ein Lob.“ Die Rolle sei so, wie er sie sich vorgestellt habe. „Wenn die Leute lächeln, ist das mehr wert als alles Geld. Das ist der wahre Lohn des Künstlers“, steht für Martin Rilke fest.

Pflege-Clowns treten immer im Duo auf. Seine Partnerin ist Franka Schneider-Herzig. Wie sie zu diesem Ehrenamt gekommen ist? „Ganz ehrlich? Andrea Zieprich, die Leiterin der Barbyer Einrichtung, ist auf mich zugekommen und hat gesagt, dass das genau meine Rolle sei. Tja, ich habe nicht lange überlegt und habe zugesagt“, erinnert sich die 44-Jährige, die im Barbyer Seniorenwohnpark der Awo als Betreuungskraft arbeitet. Die Calbenserin beschreibt ihr sonniges, herzliches Gemüt so: „Man sieht mich nicht, aber man hört mich.“ Beide Frauen bereuen die Entscheidung nicht. „Sie macht es toll“, schwärmt Andrea Zieprich. Und Franka Schneider-Herzig gesteht: „Es macht eben einfach Spaß. Man kann dem Alltag entfliehen und das Kind in sich wecken. Kostüm an und dann geht‘s los.“

Verzicht auf Clown-Einsätze

Aktuell müssen sie aufgrund der Corona-Pandemie auf Clown-Einsätze verzichten – um die älteren Menschen vor einer möglichen Infektion zu schützen. Wenn die Gefahr vorüber ist, dann sind sie mit roter Nase aber wieder als Kalle und Bine unterwegs.