Schönebeck l Einen langen Atem hatten am Freitag Stadt- und Landschaftsplaner aus Mitteldeutschland bei hochsommerlichen Temperaturen während einer zweistündigen Sitzung im Rathaus mit anschließendem Rundgang. Die Regionalgruppe des Berufsverbandes der Stadt- und Raumplaner aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen hatte zum 20. Magdeburger Planertreffen eingeladen - allerdings erstmals nicht in der Landeshauptstadt, sondern in Schönebeck. Denn „Schönebeck kann Shared Space“. So war das Jubiläumstreffen überschrieben und der darin zu erahnende jubilierende Ton ist zurecht vermutet. Die Stadtplaner sind begeistert von der Schönebecker Lösung eines Verkehrsraumes auf dem Marktplatz, in dem alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt sind. In dieser Reinform gibt es Shared Space deutschlandweit selten, in Sachsen-Anhalt nur in Schönebeck.

"Bin ein Verfechter des Bordsteins.“

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Bertram Weißhaar

Eingeladen zum Planertreffen war Bertram Weißhaar aus Leipzig, der sich als „Spaziergang-Experte“ einen Namen gemacht hat (es gibt tatsächlich eine Spaziergangswissenschaft, die Promenadelogie). Weißhaar hatte sich am Freitag eineinhalb Stunden für die Erkundung des Marktplatzes Zeit genommen. Eine dreiviertel Stunde ist er auf dem Platz und um ihn herum gelaufen, eine weitere dreiviertel Stunde hat er sich auf dem Platz aufgehalten. Er sagte: „Ich bin eigentlich ein Verfechter des Bordsteins. Ich hatte vermutet, dass ich sagen muss, dass es mir nicht gefällt. Aber - für die Kürze der Zeit - muss ich sagen: das ist überzeugend.“

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Das Problem grundsätzlich sei schlicht und einfach, dass es neben vernünftigen immer auch rücksichtslose Menschen gebe - ob mit oder ohne Shared Space. Wären alle vernünftig, bräuchte es quasi keine Regeln und keine Stadtplanung. „Fußgänger“, befand Weißhaar für den Schönebecker Marktplatz, „haben hier einen Schutzraum auch ohne Bordsteinkanten.“ Es gebe Bereiche, wo sie sicher sein könnten, dass dort kein Auto lang fährt - vor Fahrradfahrern seien sie allerdings nicht sicher. „Aber das könnte man auch mit Bordsteinkanten nicht ändern.“ Er habe allerdings in eineinhalb Stunden kein Auto gesehen, das tatsächlich Schrittgeschwindigkeit fuhr. Weißhaar plädierte dafür, „locker zu bleiben“. So lange alles im Rahmen bleibt, sei die Situation akzeptabel.

Unsicher ist sich der Experte darüber, ob Kinder die Situation richtig einschätzen können. „Wenn sie selbstvergessen spielen, kann es sein, dass sie sich auf einem Spielplatz wähnen und nicht auf einer Verkehrsfläche.“

"Wir brauchen Mut."

Professor Hartmut Zadek von der Fakultät für Maschinenbau der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg beschäftigt sich mit Logistik. Seine generelle Einschätzung für das Verkehrsgeschehen in Deutschland: „Der Fußgänger wird an den Rand gedrückt. Er ist ein Stück weit ein vergessener Verkehrsteilnehmer und muss sich mit dem Platz begnügen, der ihm gelassen wird.“ Zadek, der sich auch mit Nahmobilität beschäftigt, sagte voraus, dass sich die Vielfalt der Mobilität künftig deutlich verändern wird. Viele neue Gefährte, wie etwa die schon bekannten E-Bikes, aber auch ganz neue Formen zumeist elektrisch angetriebener Fortbewegungsmittel, seien im Kommen. „Ohne Regelungen wird das nicht gehen“, betonte er. Vor Schönebeck und seinem Shared Space zog er den Hut: „Wir brauchen Mut zum Experimentieren. Ohne den wird es nicht gehen.“ Verkehrsräume wie Shared Space würden die Zukunft widerspiegeln.

Beim Planertreffen sprach auch Tonio Trüper. Sein Lübecker Büro hatte die Ausschreibung für die Marktplatz-Planung gewonnen. Bezeichnend seine Worte: „Wir haben uns auch in anderen Planungen immer mal wieder an eine solche Verkehrsregelung herangewagt und sind stets grandios gescheitert. Andernorts traut man sich das nicht zu.“ Für ihn ist wichtig: Funktioniert der Platz und wird er angenommen. Sein Eindruck: „Ja, es funktioniert.“

Mehr Rücksicht ohne Regeln

Während einer Diskussionsrunde sagte Tim Schneider vom Berufsverband der Planer, dass eine subjektive Verunsicherung zu einer objektiven Sicherheit führt. Will heißen: Wo sich keiner auf festgesetzte Regeln verlassen kann, nehmen Menschen mehr Rücksicht aufeinander. Das sei durch Studien belegt.

Bislang kann für den Schönebecker Marktplatz nach knapp 100 Tagen in der Tat festgehalten werden, dass es zu keinem Unfall gekommen ist, bis auf die Ausnahme, dass ein Autofahrer gegen eine Bank fuhr.

Schönebecks Baudezernent Guido Schmidt merkte an: „Fairer Weise muss man sagen, dass der Platz auch vorher kein Unfallschwerpunkt war.“ Kritik und durchaus harsche Kritik am Shared Space komme seiner Einschätzung vor allem deshalb, weil hier überhaupt noch Autos fahren dürfen und dass es sich um einen englischen Begriff handelt. Der Einschub von Professor Zadek an dieser Stelle: „Man muss auch hier durch das Tal der Tränen gehen. Das ist auch bei neuen Prozessen in der Industrie nicht anders. Auch hier herrscht erst einmal Verunsicherung.“

Shared Space auch für Salzer Straße

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Elisabeth Krämer von der Stiftung Bauhaus Dessau wollte unter anderem wissen, ob die Stadt Schönebeck Shared Space Regelungen auch in anderen Bereichen plant. Baudezernent Guido Schmidt ließ durchklingen, dass eine solche Variante entlang der Salzer Straße zumindest angedacht ist. Ganze Straßenzüge oder Stadtteile seien diesbezüglich aber nicht bedacht.

"Kein Allheilmittel."

„Shared Space ist kein Allheilmittel für unsere Innenstädte“, hob Tonio Trüper hervor. Diese Verkehrsräume seien Bausteine, „um Lust auf Stadt zu machen, um Innenstädte lebenswerter zu gestalten“. Bezogen auf Schönebeck sagte er: „Wir haben hier schon eine Stadtgröße, wo das Auto unbedingt dazu gehört.“ Völlig autofrei, das sei eher eine Variante für Großstädte.

Für die Schönebecker Innenstadthändler hielt Jens Kurth fest: „Alle Händler haben mir einhellig bestätigt, es funktioniert.“ Er setzte eine Vorhersage an: „Ich bin mir sicher, was an Kritik jetzt in den Medien unterwegs ist, ist in einem Jahr dort nicht mehr unterwegs.“

Auf die Frage, wie hoch der Durchgangsverkehr aktuell sei, sagte Dezernent Schmidt: „Vor dem Umbau waren es 10 000 Fahrzeuge am Tag, davon 500 Schwerlasttransporter. Aktuelle Erhebungen haben wir leider nicht.“ Er wünsche sich aber, dass die Stadt eine solche Erhebung nachhole.

Gebauter Paragraf 1

Den Parkraum sprach der Magdeburger Stadtplaner und Stadtrat Jürgen Canehl an. „Reichen denn die Parkplätze?“ „Einigermaßen“, wog Guido Schmidt ab. „Aber wird sind noch nicht zufrieden.“ Seiner Aussage nach sollen weitere Parkplätze im Bereich des Brückenaufgangs zur alten Elbebrücke geschaffen werden.

Der Bernburger Landschaftsarchitekt und Stadtrat Professor Erich Buhmann sagte zur Schönebecker Marktplatz-Lösung: „Ganz großes Kompliment. Ein Leuchtturm. Ein Qualitätssprung.“

Und zu guter Letzt Verkehrsplaner Falk Huber: „Der Schönebecker Marktplatz ist der gebaute Paragraf 1 der Straßenverkehrsordnung.“

Kritik äußerte an diesem Abend allein Friedrich Sick. Der Anwohner war der einzige Schönebecker Bürger, der das in der Volksstimme auch angekündigte öffentliche Planertreffen im Rathaus besuchte. Seine Einschätzung läuft aller anderen Meinungsäußerungen entgegen: „Es funktioniert nicht.“ So hätte er persönlich noch nie erlebt, dass ein Autofahrer Rücksicht auf ihn als Fußgänger genommen habe. Zudem würden vor allem nachts Schwerlasttransporter den Marktplatz überqueren, obwohl das für sie per Ausschilderung untersagt ist (nur bis 3,5 Tonnen). Und das seien keineswegs auswärtige Fahrer, die sich mal eben verfahren haben.