Gnadau l „Da kriege ich das Leben von Martin Luther ja in meiner Hosentasche unter“, lächelt Florian. Der Drittklässler hat ein 1,40 Meter langes Leporello vorbereitet, das er in eine leere Streichholzschachtel steckt. Der x-fach gefaltete Papierstreifen beschreibt die Lebensstationen des großen Reformators: von der Geburt 1483 in Eisleben, dem Thesenanschlag im September 1517, der Bibelübersetzung mit ihrer sprachprägenden Wirkung bis hin zu seinem Tod 1546. Auch alle anderen Drittklässler der Zinzendorfschule versuchen, konzentriert und mit „spitzen Fingern“ die individuell gestalteten Schachteln in Form zu bringen.

Schulleiterin Beate Wendel beobachtet ihre Schützlinge mit einem milden Lächeln. Zusammen mit ihrer Kollegin Manuela Rolle hatte sie den Einfall für die „Luther-Schachtel“. „Die Idee stammt nicht von uns, sondern geht auf unsere eigene Christenlehrezeit zurück“, sagt die 48-Jährige. Der Förderstedter Pfarrer Gottfried Eggebrecht hatte damals schon Leporellos mit den Kindern gebastelt.

Kindgerechtes Geschichtswissen

Die Luther-Projektwoche vermittelt den Schülern Geschichtswissen auf kindgerechte Art. Spielerisch beschäftigen sie sich nicht nur mit dem Leben und Wirken des Mansfelders, sondern üben auch Handwerkstechniken jener Zeit. So wird zum Beispiel Papier geschöpft, wie es einst zu Zeiten Johannes Gutenbergs gemacht wurde. Jedenfalls im Prinzip. Ein Stapel Eierkartons wartet darauf, geschreddert zu werden. Die Kinder weichen die Kartonstücke in Wasser ein und pürieren die Masse anschließend gründlich. Über ein Schöpfgitter wird der Papierbrei dann weiter verarbeitet.

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Das ist aber nur eine alte Handwerkstechnik. Auf dem Programm steht zum Beispiel auch Korbflechten. Nicht aus Weidenruten, wie es früher (und manchmal heute noch) üblich war, sondern Peddigrohr, das aus dem Stamm von Rattanpalmen gewonnen wird. Um es biegsam zu machen, muss man es wie Weide im Wasser weichen lassen. Mit wie wenig sich die Kinder zu Luthers Zeiten begnügen mussten, wird bei der Bastelei von Strohpuppen deutlich. „Die sind schön, weil wir sie gemacht haben. Aber immer spielen möchte ich damit nicht“, gesteht eine Neunjährige. Für die Püppchen wird ganz normales Stroh in Form gebracht und mit bunten Stoffresten „angezogen“. Nichts da mit Barbie-Puppe & Co., dafür wird die Fantasie angeregt.

Stroh und Autositzauflagen

Woher die ganzen Grundmaterialien kommen? Schulleiterin Beate Wendel lacht: „Ach wissen Sie: Lehrer heben alles auf, auch Zuhause.“ Der eine hat einen Hobby-Bauernhof und bringt das Stroh mit, der andere die kaputte Holzkugel-Sitzauflage seines Autos. Letztere lassen sich prima als Zierrat in Peddigrohr-Körbchen einbauen. Alle sieben Stationen des Lutherprojektes wurden bei Dienstberatungen im Lehrerzimmer ersonnen. Dabei brauchte man sich beim Thema Brotbacken keine großen Sorgen zu machen. Denn im Schulgarten steht ein archaischer Steinofen. Hausmeister Helmut Gelzer hatte ihn im vergangenen Jahr gebaut. Dabei verwendete er Material, das er kostenlos auftreiben konnte. So stammt die verzierte Ofentür von einer alter Grude, die Ziegelsteine von einem Gnadauer Abrisshaus. Jetzt hat der Ofen Premiere. Wie zu Luthers Zeiten wird Brot darin gebacken.

Doch damit nicht genug. Bei aller „Mittelalterlichkeit“ werden die Schüler freilich auch mit modernen Dingen bei Laune gehalten. „Wir suchen mit Hilfe von Geocaching einen Schatz in der Schule“, verrät Beate Wendel. Zum Abschluss der Themenwoche wollen die „Zinzendorfer“ zwei Szenen eines Theaterstücks, dessen Protagonist - natürlich - Martin Luther ist, zeigen. „Die komplette, wohl 40-minütige Aufführung findet dann am 29. April, beim Tag der offenen Tür statt“, erzählt die Schulleiterin. Dazu ist jedermann ab 9 Uhr erst in den Kirchensaal, dann in die Schule eingeladen.