Welsleben. Auf dem Kirchplatz traf Nachtwächter Jeff Lammel, bewaffnet mit Hellebarde und ausgerüstet mit einem Signalhorn, auf einen Haufen von Pöbel und sonstigen Gesindel, fragte nach Herkunft und Ziel des nächtlichen Treibens. Doch Stallknecht Hans-Jürgen Korn, Mitglied der Geschichtsarbeitgruppe und auch Ortsbürgermeister, klärte sofort auf. „Wir wollen in die Neustadt.“ Ja richtig gelesen. Welsleben hatte eine Straße mit dem Namen „Neustadt“, heute „Neustädter Straße“.

Nach kurzem Fußmarsch unter der Führung des Nachtwächters erreichte der Haufen eine Straßenkreuzung. Hier wurde Albrecht Knauft, vom Nachtwächter kurz Sir Alfred genannt, mit Unterstützung von Hans-Jürgen Korn aufgefordert, über die schrittweise Bebauung am Dorfrand und die Entstehung des Neubaugebietes zu berichten. Beide erzählten nun ausführlich, wie sich Welsleben baulich vergrößerte und gingen auf einige Gebäude näher ein. Von der Wasserentnahme im oberen Dorf bis zur Entstehung von größeren Bauerngehöften und wie es dazu kam.

Hektar und Heirat

Eine gute Heirat konnte dabei schon behilflich sein, getreu dem Spruch: „Prüfe wer sich ewig bindet, ob Hektar sich zu Hektar findet.“

Bilder

Mit dem Anbau der Zuckerrübe entwickelt sich auch die Eisenbahnstrecke Schönebeck–Blumenberg. Darüber gab Gisela Ziegler in einer schmucken Eisenbahneruniform Auskunft.

Wohlstand durch Landwirtschaft

Mit dem Rübenanbau im 18. Jahrhundert kam es in vielen Landwirtschaftsbetrieben des Dorfes zu einem gewissen Wohlstand. Neue Bauernhöfe entstanden, die auch als Rübenburgen bekannt sind. Eine offene Handelsgesellschaft (OHG) wurde gegründet und sicherte einen dementsprechenden Gewinn.

Nächster Anlaufpunkt war das Gebäude des Hausschlächters Ulrich. Er erklärte den Ablauf des Hausschlachtens und lud zu einer Kostprobe mit Stichfleisch und Wurstsuppe ein. Doch die wurde zunächst abrupt vom dazugekommenen Fleischbeschauer (Roland Lose) abgebrochen. Mit seinem Mikroskop erfolgte schnell noch eine Trichinenuntersuchung, und erst dann konnte probiert werden.

Geschäft vorgestellt

Vorbei ging es an Welslebens erste Motormühle, die sich nach dem Brand der Windmühle erforderlich machte. Das ehemalige Kolonialwarengeschäft Hensel mit Schuhmacherwerkstatt wurde vorgestellt.

Ein kunstvoll gestaltetes Glasfenster fiel an einem Gebäude auf. Es stammt von dem bekannten Glasgestalter Reginald Richter.

Hausmauer im Hundertwasser-Stil

Im Laternenlicht fiel im Vorbeigehen auch noch eine Hausmauer auf, die sein Besitzer im Hundertwasserstil errichtete.

Der nächtliche Rundgang endete vor dem ehemaligen Frisörgeschäft Melcher. Hier konnten die Dorfhistoriker noch so einige Anekdoten erzählen, denn sie waren ja schließlich alle Kunden bei ihm. Doch der Frisörmeister hatte noch eine zusätzliche Einnahmequelle zu seinem Gewerbe.

Fahrzeug der Sowjet-Armee

Die Anwesenden trauten ihren Augen nicht. Ein Militär-Jeep der sowjetischen Armee kam plötzlich angefahren, ein schnittiger Sowjetsoldat stieg aus, in der Hand hielt er einen vollen Kanister mit Benzin, den er dem Frisör übergab und gegen einen leeren tauschte.

Abschließend bedankte sich der Nachtwächter und lud alle Anwesenden zu einem Nachtwächterschmaus in den Gemeindesaal ein. Dem Ehepaar Gisela und Elmar Ziegler, Hans-Jürgen Korn, Roland Lose, Albrecht Knauft und natürlich Nachtwächter Jeff Lammel kann man für den erlebnisreichen Abend nur danken, denn hier wurde Ortsgeschichte live erlebt.